Der Basler Shlomo Graber (90) hat drei Konzentrationslager überlebt. Heute warnt er vor Hetze, Hass und Populisten. «Ich fürchte, dass sich starke Männer wieder als Führer anbieten»

Er überlebte drei Konzentrationslager. Und liess sich trotzdem nicht vom Hass auffressen. Jetzt warnt der Basler Shlomo Graber (91) die Jungen vor Hetze , Populismus – und dem Hass von heute.

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Shlomo Graber (90) hat Angst. «Ich fühle mich immer öfter in meine Jugendzeit zurückversetzt», sagt der Kunstmaler und Autor. In seinem Essay «Gedanken zur Lage der Welt» präzisiert er: «Ich fürchte, dass sich bald schon ‹starke Männer› nicht nur als Politiker, sondern wieder als ‹Führer› anbieten werden.»

Damals, als «ein kleiner Mann mit Schnauzer genau diese Rolle des Heilsbringers dem deutschen Volk antrug», wie es Shlomo Graber beschreibt, lag Europa am Ende in Trümmern. Und mehr als sechs Millionen Juden waren ermordet – darunter Grabers Geschwister und seine Mutter. Der 17-jährige Shlomo und sein Vater wurden an der Rampe in Auschwitz von der Familie getrennt, überlebten zwei weitere Konzentrationslager und 1945 auch noch einen Todesmarsch.

Nach der Befreiung kam das Schweigen

Der Mann mit dem schneeweissen Haar schliesst die Augen. Das Sprechen über die Zeit in der Häftlingsuniform fällt ihm schwer. «Denn damals, kurz nach der Befreiung, haben wir auch geschwiegen», erinnert er sich. «Die Menschen in Israel konnten sich gar nicht vorstellen, wozu der Hass geführt hatte.» In seinem Buch «Der Junge, der nicht hassen wollte» verzichtete Graber, ein gebürtiger Tschechoslowake, auf «zu brutale» Schilderungen. Und trotzdem: «Ich habe überlebt, damit ich meine Geschichte erzählen kann», sagt er und hält kurz inne. Ja, er sei wohl sogar noch auf der Erde, um die «jungen Leute von heute» zu warnen: «Lasst euch nicht aufhetzen, Hass zerfrisst das Gute im Menschen.»

Man könne sich gegen dieses urmenschliche Gefühl entscheiden, auch wenn einem schlimmes Unrecht widerfährt. «Damals, 1945, als ich befreit wurde, hatte ich allen Grund, die Deutschen zu hassen», sagt Shlomo Graber und berichtet von seinem Schlüsselmoment: Er teilte sein letztes Stück Brot mit einer Mutter und ihrem Kind. «Sie war Deutsche und vielleicht sogar ein Nazi. Aber ich wollte nicht wie die Nazis sein und jemanden hassen, der mir nichts getan hat.» 

«Europa steht kurz vor dem Scheitern»

Wenn man den Wahlschweizer vor wenigen Jahren gefragt hätte, wie er auf die Welt blickt, hätte er mit Zuversicht die Erreichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau betont, die Bürgerrechtsbewegung in den USA gelobt und schliesslich die Tatsache, dass der mächtigste Mann der Welt dunkelhäutig ist, als Zeichen für eine weltoffene Menschheit gedeutet. «Doch heute, Ende 2016, antworte ich anders», so Graber. «Europa steht kurz vor dem Scheitern, in den USA übernimmt ein unberechenbarer weisser Mann die Macht und der Terrorismus ist weltweit auf dem Vormarsch.»

In der Schweiz beobachte er mit Sorge, dass die Ausländerfeindlichkeit zugenommen habe. Und der Abstimmungskampf der SVP stimmt ihn nachdenklich. «Gerade die Rechte verspricht oft allzu einfache Lösungen», sagt er. «Dazu trägt auch die Bildsprache der Wahlplakate bei, die mich manchmal stark an jene des Dritten Reiches erinnert.» Und auch die andere Seite des politischen Spektrums prangert Shlomo Graber an: «Erschreckend, dass sich auch linke Parteien immer mehr derselben Rhetorik und des Fanatismus bedienen.» 

«Die meisten Menschen können Recht von Unrecht unterscheiden»

Dass Nationalstaaten mit Rechtspopulisten liebäugeln, dass eine Marine le Pen in Frankreich Ängste in der Bevölkerung wahrnimmt, anfacht, instrumentalisiert, dass in Österreich Norbert Hofer zwar nicht gewählt wird, aber trotzdem über 46 Prozent der Stimmen erhält, dass Ungarn Stacheldraht gegen Flüchtlinge hochzieht, dass die Alt-Right-Bewegung in den USA von der «Überlegenheit der weissen Rasse» predigt – all dies lässt den ältesten noch lebenden Schweizer Holocaust-Überlebenden trotzdem nicht resignieren. «Wenn ich etwas gelernt habe, dann dies: Die meisten Menschen tragen die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden, in sich.» 

Graber blickt auf das Foto seiner Mutter und Geschwister. Seit mehr als 70 Jahren spricht er immer wieder mit ihnen. «Ich hoffe, dass euer junger Tod nicht umsonst gewesen ist», so Shlomo Graber. «Ich hoffe, dass die Menschheit aus den Schrecken von damals etwas gelernt hat.» 

Jeder Einzelne solle in sich hineingehen. Und sich nicht durch Versprechungen eines Paradieses im Jenseits verführen lassen. «Relevant ist nicht, was nachher kommt», sagt Shlomo Graber, «sondern wie wir uns in unserem Leben verhalten.»

Publiziert am 09.12.2016 | Aktualisiert am 12.12.2016
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55 Kommentare
  • Peter  Leu aus Brienz
    11.12.2016
    Lieber Herr Graber,
    Gratuliere zum Geburtstag, der mit Ihrer Biografie beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Vielen Dank für Ihr stetiges Bemühen die Mitmenschen zu humanem Denken und Handeln anzuregen und aufzufordern. Ideologische Rattenfänger wird es immer geben, doch der Entscheid ein Mitläufer und Mittäter zu sein ist ein höchst persönlicher, und da fällt Ihr Appell ins Gewicht.
  • Jean-Pierre  Tock aus Nidau
    10.12.2016
    Die Aussage "in den USA übernimmt ein unberechenbarer weisser Mann die Macht" ist klar rassistisch. Herr Graber Europa ist nicht die EU. Europa wird durch das Scheitern der EU wiederbelebt.
    • Peter  Grelling aus Zürich
      13.12.2016
      Leider will heute niemand wahr haben, dass, für heutige Verhältnisse, wir in ähnlicher Situation sind, wie Mitte 19. Jh. mit dem damaligen Liberalismus, als Marx und Engels die Grundlagen für den Kommunismus schrieben oder Ende 20er Jahre, die Hittler mit dem Arbeitsversprechen an die Macht brachte. Die Globalisierung und Internationalisierung wird ein böses Ende haben.
  • Bruno  Meier aus Urdorf
    10.12.2016
    Nicht die Ausländerfeindlichkeit hat zugenommen. Sonder die Zahl der Ausländer ist explodiert und setzt die Existenz der Einheimischen aufs Spiel. Das ist der Grund des Klimawandels. Wird die Zahl der in Massen eingeströmten ausländischen Einwohner wieder zurückgefahren (mittels Rückmigration im selben Ausmass), verlieren die "Rechten" wieder massiv an Einfluss.
  • Korbinian  Magnus 10.12.2016
    Die Schuld am Populismus, sowohl in der Schweiz wie auch in der EU, tragen einzig und alleine die aktuellen Spitzenpolitiker. Dieselben Politiker, welche vom Volk immer mehr fordern an Steuern, Geduld und Verständnis für Globalismus, Multikulti und Sparprogramme und dabei gleichzeitig nur noch ihre Eigeninteressen und die ihrer Klientel vertreten.
    • Fritz  Frigorr 10.12.2016
      Komisch ist nur, dass es in der Schweiz genau auf Politiker einer sehr populistischen Partei zutrifft, was Sie da schreiben.
  • marc  klauser aus schmitten
    10.12.2016
    Zeiten ändern sich und wir wollen keinen Islamismus in Europa. Das hat gar nichts mit Populismus zu tun. Warnen sie uns besser von unseren Politikern die nichtsahnend planlos Menschen ins Land reinlassen die nur Hass und Zerstörung predigen. Jedes Volk soll sein eigenes Land verteidigen dürfen, gerade jetzt erst recht. Eine Globalisierung wird so nie und nimmer funktionieren. Das muss es aber auch nicht.
    • Marcel  Strässle 10.12.2016
      Eine Globalisierung kann funktionieren, wenn die Menschen dazu bereit sind. Populismus bedeutet dem Volk das zu geben was sie sehen/hören/haben wollen. Die Frage ob es Sinn macht, oder gut ist, stellt sich dabei gar nicht. Sie argumentieren, dass jeder der in die CH kommt Hass und Zerstörung predit. ich kenne einige Einwanderer, die ich als liebevolle und respektvolle Menschen bezeichnen würde. Das trifft aber nicht immer auf "Eidgenossen" zu. Ich empfinde ihr Art zu argumentieren manipulativ.