Experten-Kommission für mehr Informationssicherheit diskutiert radikale Massnahmen beim Bund Bundesräte zum Sicherheitscheck

Die Geheimnisse des Bundes sollen besser geschützt werden. Die vom VBS eingesetzte Expertenkommission kennt keine Tabus.

  • Publiziert: 28.10.2012, Aktualisiert: 29.10.2012
  • Von Henry Habegger
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Antreten zur Kontrolle! Kann künftig nur Bundesrat werden, wer eine Personensicherheitsprüfung erfolgreich übersteht?

(Keystone)

Im Mai klaute ein Informatiker des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) Unmengen von Geheimdaten. Unter anderem Listen von Agenten. Spazierte mit ihnen unbemerkt aus dem Büro und wollte sie ans Ausland verkaufen.

Die Informationssicherheit beim Bund hat haarsträubende Lücken. Und der Gesamtbundesrat ist alarmiert. Am Mittwoch hielt er darum Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) zu mehr Tempo an. Resultat: Die letztes Jahr vom VBS eingesetzte Expertenkommission unter Markus Müller, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Uni Bern, soll bis Ende Mai 2013 einen Vernehmlassungsentwurf für das neue Gesetz über die Informationssicherheit beim Bund (ISG) vorlegen.

BLICK-Recherchen zeigen: Die Expertengruppe Müller, der Vertreter aller Departemente, der Gerichte und der Kantone angehören, macht auch vor Tabus nicht halt. So prüft sie die Frage, ob sich künftig auch Politiker bis hin zu Bundesräten sogenannten Personensicherheitsprüfungen (PSP) unterziehen müssen. Das sei «ein Thema», bestätigt VBS-Sprecherin Silvia Steidle die BLICK-Recherchen.

«Auch Bundesräte können erpressbar sein»

«Heute wird jede Putzfrau beim Bund einer PSP unterzogen, aber Bundesräte nicht», sagt ein Bundesmitarbeiter. «Aber auch Bundesräte können erpressbar sein, können dunkle Flecken in der Vergangenheit oder gravierende aktuelle Probleme haben.» Kurz: Bundesräte können ein Sicherheitsrisiko sein.

Und auch Parlamentarier erhalten je nach Funktion Einblick in Geheimnisse, deren Verrat Staat und Bürger grössten Schaden zufügen kann. Darum diskutiert die Expertengruppe, ob auch Parlamentarier künftig zum Sicherheitscheck antreten müssen.

Heute gibt es diverse Stufen von Personensicherheitsprüfungen. In der schärfsten werden nicht nur Auszüge aus Straf- und Betreibungsregister sowie Auskünfte bei lokalen Polizeistellen eingeholt. Die Prüflinge werden auch einer präventiven Befragung unter­zogen. Fällt das Verdikt negativ aus, erhält die Person eine Risikoerklärung, was praktisch bedeutet, dass sie den Job nicht kriegt.

Politiker bis hin zum Bundesrat zum Sicherheitscheck? Wer durchfällt, muss zurücktreten? Darf gar nicht erst kandidieren?

Gewisse Posten nur an Schweizer?

Es gibt aber auch andere heikle Fragen, die in der Kommission Müller nach BLICK-Informationen zwangsläufig angesprochen werden. Etwa: Sollen künftig gewisse besonders exponierte Posten aus Sicherheitsgründen Schweizer Staatsbürgern vorbehalten werden?

Aktuelles Beispiel: Dirk Lindemann wird auf Anfang 2013 Informatikchef (CIO) der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV). Pikant: Der Deutsche sitzt gleichzeitig auch in der ESTV-Geschäftsleitung. «Er hat damit Einblick in sämtliche, auch die sensibelsten Dossiers und Projekte», sagt ein hoher ESTV-Mitarbeiter. «Ich halte das für hochriskant. Umso mehr, als die Schweiz mit Deutschland in einem heftigen Steuerstreit steht.»

Lindemann wurde zwar ­einer PSP unterzogen, aber für den ESTV-Mann ist klar: «Die Deutschen würden umgekehrt nie und nimmer einen Ausländer in einen so heiklen Posten wählen.»

Offiziell ist die brisante Ausländerfrage aber nicht Teil des Mandats der Expertengruppe, heisst es beim VBS.

Beliebteste Kommentare

  • Hans  Schmid
    Wer garantiert uns, dass Herr Lindemann die an dieser sensiblen Stelle gewonnenen Informationen nicht direkt nach Berlin weitergibt?
    Wenn der Bundesrat wieder einmal schläft, muss dringend das Parlament aktiv werden und diese Stellenbesetzung verhindern!
  • Daniel  Leuenberger , Chisinau
    Ich habe gar nichts gegen Auslaender. Aber bei Schweizer Behoerden sollten auch nur Schweizer beschaeftigt sein.
    Desweiteren halte ich eine PSP von Parlamentarier fuer problematisch weil ja schlussendlich die Parlamentarier vom Volk gewaehlt werden. Wenn diese speziellen Gremen zugehoeren wollen, kann ich einer PSP zustimmen.

Alle Kommentare (6)

  • fritz peter  friedli , utzenstorf
    Die Frage, sollen künftig gewisse besonders exponierte Posten aus Sicherheitsgründen Schweizer Staatsbürgern vorbehalten werden? Was für Schweizer Staatsbürger: „Papierli“ Schweizer oder echte Eidgenossen mit einem Lückenlosen Familienstamm von mehreren Hundert Jahren und über all diese Zeit ohne Verfehlungen. Das wäre die einzige Wahre Sicherheit.??? Denken wir an die Zeit des zweiten Weltkrieg, da haben uns auch echte Schweizer an ausländische Staaten verraten. Da gab es aber noch keine Kuscheljustiz.!
    • 29.10.2012
    • 9
    • 0
  • Dan  Werker
    Willkommen im dümsten Land der Welt! Da soll mir einer sagen wir verdienten es nicht andauernd über den Tisch gezogen zu werden. Wer soll ein Land wie die Schweiz auf internationaler Ebene noch ernstnehmen? Bleibt zu hoffen, dass der Niedergang der Wirtschaft und der öffentlichen Sicherheit zu der Erkenntnis führen, dass wir uns inkompetente und charakterschwache Regierungsmitglieder und Chefbeamte nicht leisten können.
    • 29.10.2012
    • 81
    • 2
  • Roger  Borer , Basel , via Facebook
    Intressant! Es gab einen Bundesrat und heutiger Nationalrat, der kann keinen PC bedienen.Bekommt aber brisante Mails mit gestohlenen Bankdaten auf seine Parlaments-E-Mail- Adresse.Pikant, diese lautet auf den Firmensitz seiner Tochter. Bevor er diese zu Gesicht bekommt, hat mindestens eine Person, diese Mails schon gelesen, da sie ausgedruckt werden müssen. Die Sekretärin ist eine verurteilte Datendiebin.Soviel zur Sicherheit im Bundeshaus
  • Heinz  Jenni
    Mein Lebenspartner wurde bei seiner Anstellung,
    auch über eine allfällige Kündigung hinaus, zur Geheimhaltung seines Wissens verpflichtet. Er darf nach einer Kündigung keine gleichwertige Stelle in einem ähnlichen Betrieb annehmen. Unsere Bundesräte verplaudern sich und ihre Angestellten klauen Daten. Auch nach Sitzungen hinter geschlossenen Türen kommen immer Internas heraus - wieso? Sie werden höchstens gescholten und man bietet ihnen eine andere Stelle an, die nicht weniger gut entlöhnt ist.
    • 29.10.2012
    • 60
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  • Hans  Schmid
    Wer garantiert uns, dass Herr Lindemann die an dieser sensiblen Stelle gewonnenen Informationen nicht direkt nach Berlin weitergibt?
    Wenn der Bundesrat wieder einmal schläft, muss dringend das Parlament aktiv werden und diese Stellenbesetzung verhindern!
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