Machen Süssgetränke dick? Bitterer Streit um Süsses

  • Publiziert: 04.02.2012, Aktualisiert: 31.03.2012
  • Von Philippe Pfister

Der oberste Gesundheitsförderer der Schweiz geht vor der Getränkelobby in die Knie – wegen eines höchst umstrittenen Berichts.

Es war kurz vor Weihnachten, als Thomas Mattig, Chef der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, ins Bundeshaus zitiert wurde. Zum Gespräch gebeten hatten CVP-Präsident Christophe Darbellay und Marcel Kreber vom Verband Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten – die Getränkelobby also.

Dieser war ein Bericht der ­Gesundheitsförderer, in dem es vor allem um Zucker geht, sauer aufgestossen. Titel des 44-seitigen Papiers: «Süssgetränke versus Wasser». Publiziert hatte es die Stiftung im Internet. Es geisselt Cola & Co. als böse Dickmacher und propagiert das Trinken von Hahnenwasser, am besten literweise.

Was Darbellay und Kreber besonders missfiel, waren die als «Massnahmen» verschleierten politischen Forderungen des Berichts: Die Schweiz soll das Food Labelling (ein Warnsystem für Kalorienbomben) einführen. Der Verkauf von Zuckerhaltigem an Schulen soll unterbunden, die Werbung dafür eingeschränkt werden. Und: Auf süssen Drinks soll der Staat eine Steuer erheben, um uns vom Zucker abzuschrecken.

Stattdessen sollen wir alle nur den nächsten Wasserhahn aufdrehen. Denn Fakt ist: Fast überall sprudelt in der Schweiz H2O in Mineralwasser-Qualität raus – billiger kann man den Durst nicht löschen. Klar, dass dieser Frontalangriff auf die Getränkeindustrie Darbellay und Kreber auf die Palme brachte.

Zu Recht, wie der Berner Prä­ventionskritiker und Immunologe Prof. Beda Stadler sagt. «Heisse Luft» sei der Bericht. «Er widerspricht sich laufend und stützt sich mehr auf Vermutungen statt auf harte Zahlen.»

Zwanghaft werde versucht, einen Zusammenhang zwischen Süssgetränken und Übergewicht herzustellen. Zudem enthalte er Absurdes wie etwa einen seltsamen Satz über das beliebte Party-Gesöff Wodka Red Bull: Wer davon schlürfe, dem drohten Sex-Unfälle.

Das Schlimmste sei die Behauptung, man solle täglich bis zu zwei Liter Wasser trinken. «Diese Wasserpropaganda ist Unsinn», sagt Stadler. «Die Evolution gab uns den Durst mit. Das hat die letzten 200000 Jahre funktioniert.» Probleme mit zu wenig Wasser hätten höchstens Kleinkinder oder alte Menschen. «Das ist ein medizinisches Problem und nicht ein gesundheitspolitisches, wozu es eine Organisation braucht, die Millionen verschleudert.»

Fazit: «Das Papier ist widersprüchlich und unnötig.» Was es vorschlage, habe in anderen Ländern längst Schiffbruch erlitten, etwa in den USA: «Diese Art der Bemutterung des Bürgers führt nirgends hin. Trotz Wasserspendern an jeder Ecke sind die Amerikaner dicker als wir.»

Den obersten Schweizer Gesundheitsförderern müssen vor ein paar Tagen selbst Zweifel gekommen sein. Nachdem die Getränkelobby Druck gemacht hatte, nahm Stiftungschef Mattig das Papier vom Netz. Auf www.sonntagsblick.ch ist es nach wie vor abrufbar. A4-Bro-Suessgetraenke-versus-Wasser-d-2.pdf

Mit dem Kniefall befeuert Mattig die Diskussion erst recht: Kritiker, die die Stiftung für überflüssig halten, sehen sich jetzt bestärkt. «Mattig und Co. picken nur Rosinen aus der Literatur und betreiben Propaganda», sagt Prof. Stadler. Pikant: Finanziert werden die Präventionsexperten durch eine Zwangsabgabe: Zurzeit zahlt jedermann in der Schweiz via Krankenkasse Fr. 2.40 pro Jahr an die Stiftung. So läppern sich 18 Millionen zusammen.

Kommt das beim Bund geplante Präventionsgesetz durch, wird die Stiftung als verlängerter Arm des Bundesamtes für Gesundheit mit noch mehr Geld noch mehr Prävention betreiben. Dem Ständerat ist das inzwischen suspekt: Er hat das Präventionsgesetz fürs Erste gestoppt.

Thomas Mattig spricht inzwischen von einem «Grundlagenbericht», der eine «Auslegeordnung zum Thema» darstelle und «keine gesetzlichen Bestimmungen fordere», wie die Getränkeindustrie befürchte. Dies habe er auch Darbellay gesagt. «Um ähnliche Missverständnisse in Zukunft zu vermeiden, haben wir den Bericht von der Website genommen.»

Hier: Die umstrittene Bröschüre: Süssgetraenke versus Wasser

Präventionsexperten fordern eine Steuer auf Süssgetränken. Sie auch? »

Kommentare (23)

  • urs  rauscher , zug
    Urs Rauscher
    Glücklicherweise kann die Broschüre anderweitig herunter geladen werden! Die offenbar persönliche Meinung des CVP-Präsidenten ist eines, das Präventionsgesetz des Parlaments mit einem Medien-Maulkorb zu torpedieren ist undemokratisch. Im Übrigen konnte Marcel Kreber auf Seite 16 der Broschüre die Stellungnahme seines verärgerten Verbands prägnant darlegen! Der umfangreiche, ausgewogene und kompetente Bericht ist lesenswert, obwohl in diesem Presseartikel noch ein bekannter Immunologe mit negativen Schlagwörtern bemüht wurde.
    • 05.02.2012
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  • Hans  Müller , luzern
    Aus eigener Erfahrung sag ich: Zuckerwasser macht dick. Seit Dezember trinke ich keinen Eistee und Fruchtsäfte mehr sondern ungesüssten selbst gebrühten Tee. Seither hab ich 10kg Fett verloren. Einfach so, ohne anderes Essen oder Sport. Cola, Fanta und Co machen unnötig dick, das ist eine Tatsache.
    • 05.02.2012
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  • Franz  Winkler
    Franz Winkler

    Warum 2 lt. Wasser am Tag? Esst mal richtig und die Wasser- „Saufferei“ ist nicht nötig. Jeder der sich einwenig um die Gesundheit gedankten macht, kann nachlesen wie das funktioniert. Mit der „Zucherleckerei“ nimmt der Mensch sehr viele Giftstoffe auf, die mit Hilfe seinen Mineralien und Wasser gebunden und abgelegt werden müssen. Das ergibt unter anderem dann auch Übergewichtigen Menschen. Übrigens gilt das gleiche auch für Fleisch- und Milchprodukte. Die meisten fragen nun, woher sollen wir dann die Proteine nehmen? Natürlich von dem Getreide das auch ein Vieles mehr, von den begehrten Protein enthält. Nur leider steckt die Wissenschaft halt unter dem gleichen Mantel wie die Wirtschaft und belügt die Menschheit.
    Man sollte halt für seine Gesundheit auch die Eigenverantwortung übernehmen, 98 aller Krankheiten kommen nicht einfach so aus dem nichts. Aber eben einfach ein Medikament schlucken ist halt einfacher!
    • 05.02.2012
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  • Hannes  Estermann
    JA es gibt auch eine Alkoholsteuer der Gesundheit ? wegen,
    zuviel Süsstoff erzeugt auch hohe Arztkosten.
    • 05.02.2012
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  • Henri  Ginther , Cossonay-Ville
    Eine Schnaps idee, da hat wieder ein sogenannter Wissenschaftler einen hauffen Geld für eine Studie verdient.
    • 05.02.2012
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