Schweizer Spitäler «Bei der Qualitäts-Sicherung ein Entwicklungsland»

  • Publiziert: 07.10.2009
  • Von Michael Scharenberg
play Das Genfer Unispital machts vor, andere Spitäler dürften nachziehen: Für das Pflegepersonal gilt entweder Impfung oder Schzutzmaske. (Keystone)

ZÜRICH – Die Gesundheitskosten müssen runter! Jetzt fährt der abtretende BAG-Direktor Zeltner den Spitälern an den Karren. Zu viele arbeiten zu schlecht, findet auch Gesundheitsexperte Heinz Locher.

Thomas Zeltner ist seit 18 Jahren Direktor des Bundesamts für Gesundheit. Also der oberste Gesundheitsbeamte der Schweiz. Jetzt tritt er zurück. Und verabschiedet sich mit einer äusserst radikalen Forderung: Von der 350 Spitälern in der Schweiz sollten 100 geschlossen werden! Ein brutaler Kahlschlag.

Natürlich werden die betroffenen Spitäler dagegen Sturm laufen. Doch dieses Spiel mit Zahlen führt nicht zum gewünschten Ziel, ist Gesundheitsökonom Heinz Locher überzeugt: «Es gibt nicht die einzig richtige Zahl für Spitäler in der Schweiz», sagt Locher gegenüber Blick.ch. «Das ist zu plakativ.» Richtig und wichtig sei aber, dass bei den Spitälern grundsätzlich etwas gehen müsse.

Denn: «Bei der Qualitätssicherung in den Spitälern sind wir ein Entwicklungsland», kritisiert Locher.

Warum das? Weil im Prinzip «alle dazu neigen, alles zu machen». Die Folge: Die Spitalleistungen erreichen nicht Top-Qualität, und das ganze Spitalwesen ist viel zu teuer.

Spitäler müssen Qualität verbessern!

Was ist zu tun? Es gebe zwei Möglichkeiten, so Locher: «Entweder wir verfügen, welche Spitäler geschlossen werden müssen oder welche Spitäler bestimmte Leistungen (wie Herzoperationen) erbringen dürfen.»

«Oder – viel besser – wir verlangen von den Spitälern den Nachweis ihrer Qualifikation.»

Das heisst, Spitäler werden von unabhängigen Experten zertifiziert und müssen darüber öffentlich Rechenschaft ablegen. Entsprechende Organisationen in Europa, in den USA und sogar in der Schweiz seien längst vorhanden!

Zwar fordert das revidierte Krankenversicherungsgesetz von den Spitälern schon seit 1996 Qualitätssicherung. «Aber bisher haben viel zu wenige Spitäler mitgemacht», bemängelt Locher. «Alles in allem nur ein kleiner Prozentsatz.» Dies wohl auch, weil ausgerechnet das Bundesamt von Thomas Zeltner viel zu wenig Druck aufgesetzt hat, wie eine Parlamamentskommission bemängelte.

Welche Spitäler müssen über die Klippe springen?

«Wir müssen alle Spitäler überprüfen», so Locher. «Spitäler mit zu breitem Angebot, aber zu wenig Fällen müssen über die Bücher.» Denn diese verfügen über zu wenig Erfahrung und können Spitzenqualität nicht gewährleisten. Das betrifft natürlich besonders die Kleinspitäler in Randregionen.

Aber: «Das heisst nicht automatisch ersatzlose Schliessung!» Diese kleinen Anbieter müssten sich vielmehr auf Wesentliches konzentrieren. Dann könnten sie ihre Leistungen auch wirtschaftlich anbieten. «Beispiele haben wir», sagt Locher. Und verweist auf Riehen BS, Brugg AG, Dielsdorf ZH, Merlach BE, Breitenbach SO. Diese Spitäler unterhalten etwa Notfallstationen und ärztliche Gruppenpraxen oder konzentrieren sich auf wenige Operationen.

Klar ist: «Bei den Spitälern muss aufgeräumt werden», fordert Locher und gibt dem scheidenden BAG-Direktor Zeltner Recht. «Aber nicht einfach Dichtmachen, sondern überprüfbare Qualitätssicherung ist das Rezept.»