Patriotische Reden Am 1. August geben die Rechten den Ton an

BERN – Nationale Mythen statt internationale Solidarität: Am 1. August setzt sich vor allem die konservative Schweiz in Szene. Die Linke tut sich nach wie vor schwer.

  • Publiziert: 22.07.2010, Aktualisiert: 13.01.2012
play Ein Mammut-Programm für Christoph Blocher: Der SVP-Vordenker tritt am 1. August gleich viermal auf. (Keystone)

Hinter den Mikrofonen regiert der Majorz: Wer am 1. August sprechen darf, entscheidet die Mehrheit. Grüne und SP-Politiker kommen darum weniger zum Zug: «Linke werden seltener als Redner eingeladen, da die organisierenden Komitees meist konservativ dominiert sind», sagt der Politologe Georg Lutz gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

Ganz unschuldig sind die zu kurz Gekommenen an dem Missstand allerdings nicht, findet er. «Die Linke könnte sich mehr um den 1. August bemühen.» Sie überlasse das Feld zu sehr den konservativen Kräften.

«Heute definiert vor allem die SVP, was als schweizerisch gilt», sagt Lutz. Die Linke könne aber nur gewinnen, wenn sie am 1. August aktiver auftreten und ein anderes Bild der Schweiz vermitteln würde.

Wermuth will den 1. August abschaffen

Exemplarisch tut dies der umtriebige Juso-Präsident Cédric Wermuth. Dass der Grundstein für die Schweiz beim Rütlischwur gelegt wurde, sei «Blödsinn», schreibt er in einem Gastbeitrag in der «Mittelland Zeitung». Er fordert, den 1. August abzuschaffen und durch den 12. September zu ersetzen, den Tag der Inkraftsetzung der Bundesverfassung im Jahr 1848. Damals sei die Willensnation Schweiz geboren worden, schreibt Wermuth.

Das ambivalente Verhältnis der Linken zum 1. August wurzelt tief in der Geschichte. Ihr wichtigster Feiertag ist seit jeher der 1. Mai, der Tag der Arbeit. Aus der Arbeiterbewegung heraus sei für die Linke der Gedanke der internationalen Solidarität zentral, während der 1. August nationalistisch und konservativ besetzt sei, gibt der Politologe Andreas Ladner zu bedenken.

In Sachen Heimatverbundenheit habe die SP in den letzten Jahren aber dazugelernt: «Man hat Parlamentarierinnen in T-Shirts mit Schweizerkreuz oder als Fans der Schweizer Fussballmannschaft gesehen», sagt Ladner.

Linke auf dem Rütli

In Erinnerung bleibt auch der Auftritt der damaligen Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey auf dem Rütli im Jahr 2007. Sie hatte sich bis zu einem gewissen Grad patriotischer Symbolik bedient. In ihrer Rede sprach sie sich aber ausdrücklich gegen die Vereinnahmung des Nationalfeiertags durch konservative Kräfte und gegen Ausgrenzung aus.

Die Aussenministerin hält auch am diesjährigen Nationalfeiertag eine Ansprache, ebenso Bundesrat Moritz Leuenberger und Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer. Viele Mitglieder der SP-Fraktion treten jedoch nicht auf, darunter auch Parteipräsident Christian Levrat – er allerdings aus familiären Gründen.

SVP viel aktiver als Grüne und SP

Entspannt ist das das Verhältnis der Grünen zum Nationalfeiertag: Er könne mit Patriotismus nichts anfangen, es gebe aber viele andere Werte, die man am 1. August unterstreichen könne, sagt Parteipräsident Ueli Leuenberger. Wohl hielten er und seine Fraktionskollegen und -kolleginnen hier und da Reden. «Wir werden aber nicht so oft angefragt», sagt Leuenberger bedauernd.

Umso aktiver ist dafür die SVP: Die Mitglieder der Bundeshausfraktion und Parteileitung halten insgesamt rund 40 Ansprachen – allein alt Bundesrat Christoph Blocher deren vier. Auch CVP-Präsident Christophe Darbellay tritt auf, in Autigny FR. FDP-Präsident Fulvio Pelli spricht in Hendschiken AG. (SDA/hhs)

Auch in Libyen feiern Schweizer

Sehr diskret dürfte der 1. August aus naheliegenden Gründen im mit der Schweiz zerstrittenen Wüstenstaat Libyen ablaufen. In Anbetracht der «bescheidenen» Schweizer Präsenz in dem Land sei immerhin eine Privatparty geplant, hiess es seitens der Botschaft. Nach Angaben des Aussendepartements vom Juni halten sich aktuell nur rund dreissig Doppelbürger und fünf Schweizer in Libyen auf. Von den fünf Schweizern arbeiten zwei in der Botschaft in Tripolis. Ein Botschafter fehlt dort seit gut eineinhalb Jahren.
play Juso-Chef Cédric Wermuth würde den Nationalfeiertag gerne auf den 12. September verschieben. (Keystone)