Die BLICK-Jobinspektorin ist da Personenfreizügigkeit? Das ist der Bell AG wurst

  • Publiziert: 26.06.2005, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Benita Vogel

Oensingen SO – Bell ist eine der grössten Metzgereien der Schweiz. Zum Thema Personenfreizügigkeit hat sie nichts zu sagen.

Auf dem Parkplatz stehen zwölf Autos mit deutschem Kennzeichen, eines mit österreichischem und fünf mit französischem. Bell beschäftigt also einige EU-Bürger – nehmen wir an. Überprüfen können wir das nicht. Die Empfangsdamen der Metzgerei blocken uns ab. Ohne Anmeldung und ohne Einwilligung der Medienstelle in Basel geht nichts, sagen sie.

«Wir verpassen unseren Mitarbeitern keinen Maulkorb», rechtfertigt sich später Kommunikationsleiter Davide Elia. Aber ein Ordnungsweg müsse eingehalten werden. Und: «Bell hat kein Bedürfnis, zum Thema Personenfreizügigkeit Stellung zu nehmen.»

Offener gibt sich Akkord-Metzger Patrick B.* (40). Wir treffen den Franzosen auf dem Parkplatz, wo er in seinem Wohnmobil Mittagspause macht. B. arbeitet über einen Vermittler bereits seit rund sieben Jahren für Bell. «Die meisten Akkordmetzger sind Ausländer», sagt er. Viele Leute kämen aus dem Osten. Neben Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien habe es auch Ostdeutsche, sagt der vierfache Familienvater.

Die neue Konkurrenz drückt auf den Lohn. Hat der Franzose Ende der 90er-Jahre noch 7000 bis 8000 Franken netto verdient, ist es heute die Hälfte. B. wird aber weiterhin in der Schweiz arbeiten. «Mir bleibt nichts anderes übrig», sagt er. «Ich habe zu Hause Familie und ein Haus zu finanzieren.»

Bei den Gewerkschaften ist Bell kein unbeschriebenes Blatt. Stephan Wild (59), Regionalsekretär der Unia Solothurn, sagt: «Wir sind immer wieder auf der Lauer, weil wir wissen, dass Polen dort arbeiten.» Mit welcher Bewilligung, weiss die Gewerkschaft allerdings nicht. Denn bei der jüngsten Kontrolle in diesem Jahr waren die Arbeiter nicht dort.

Fazit: Verschlossene Türen, zwei Kontrollen, die keine Verstösse zutage brachten.

*Name der Redaktion bekannt

Darum gehts

Welche Chefs haben etwas zu verbergen?

ZÜRICH. Am 25. September stimmt die Schweiz darüber ab, ob künftig auch Arbeitskräfte aus den «neuen» EU-Ländern in der Schweiz arbeiten dürfen. Bereits seit einem Jahr können Personen aus den «alten» EU-Ländern weitgehend frei bei uns arbeiten.

Nehmen uns die ausländischen Arbeiter die Jobs weg? Drücken sie die Löhne? BLICK will das genau wissen. Und schickt seit dem 20. Juni seine Jobinspektorin Benita Vogel los. Unangemeldet kreuzt sie bei Schweizer Firmen auf und schaut, ob alles mit rechten Dingen zu und her geht. Lesen Sie hier alle Fakten dazu.

Liebe Leserinnen, liebe Leser
Sind Ihnen rund ums Thema Personenfreizügigkeit Missbräuche bekannt? Haben Sie deswegen weniger Lohn – oder gar den Job verloren? Reichen die flankierenden Massnahmen aus? Und machen die Kontrolleure ihre Arbeit gut? Schreiben Sie an:
Redaktion BLICK, Jobinspektorin,
E-Mail: benita.vogel@ringier.ch

Steckbrief

Firma: Bell Gruppe, Basel
Branche: Grossmetzgerei
Anzahl Mitarbeiter: (per 31. 12.) 3540
Davon Ausländer: rund 60 Prozent
Umsatz: 1,5 Milliarden Franken

Fairness bei BLICK

Der Artikel vom 25. Juni: «Personenfreizügigkeit? Das ist der Bell AG wurst» muss präzisiert werden: Unia-
Regionalsekretär Stephan Wild weiss, dass auf dem Parkplatz der Bell AG in Oensingen Autos mit polnischen Kennzeichen gesichert wurden. Es ist aber unklar, wo deren Besitzer arbeiteten.
play Wer ist die Jobinspektorin?
Benita Vogel (30) besucht als Jobinspektorin Schweizer Unternehmen, klärt ab, wie sich die Personenfreizügigkeit in der Praxis ausgewirkt hat. Vogel stammt aus einer Unternehmer-Familie. Ihr Vater hat ein Bauunternehmen aufgebaut. Benita Vogel hat in Genf Internationale Beziehungen studiert, an der Zürcher Hochschule Winterthur erwarb sie ihren MBA (Master of Business Administration) in Betriebswirtschaft und Management.

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