Obama – und alles wird gut?

  • Publiziert: 20.01.2009, Aktualisiert: 08.02.2012
  • Von Ann Guenter

ZÜRICH – Heute ist ein historischer Tag. Barack Obama tritt als neuer US-Präsident an. Wird nun alles gut? Blick.ch fragte zwei, dies wissen müssen.

Auf den Schultern dieses Mannes liegen derzeit die Hoffnungen nicht nur einer Nation, sondern fast der gesamten Welt: Barack Obama wird heute Mittag (18 Uhr Schweizer Zeit) seinen Eid als erster schwarzer Präsident der USA schwören.

Blick.ch befragte Dieter Ruloff, Professor für Internationale Politik, und den Politologen Michael Hermann zu den Lasten und Chancen von Barack Obama.

Blick.ch: Gab es in der US-Geschichte jemals zuvor einen Präsidenten, der zum Amtsantritt so viele Hoffnungen auf sich vereinte?

Dieter Ruloff: Ja, Abraham Lincoln. Für Obama ist Lincoln ja das von ihm oft zitierte Vorbild. Damals war die Herausforderung die Sezession der Südstaaten und der nachfolgende Bürgerkrieg. Ebenfalls zu nennen wäre Franklin Delano Roosevelt, der 1933 antrat, die damalige Wirtschaftskrise, die sogenannte Grosse Depression, zu meistern. Roosevelt leistete nicht nur das; er führte die USA auch erfolgreich durch die Turbulenzen des Zweiten Weltkriegs.

Michael Hermann: Da muss man nicht so weit zurückgehen. Die Inauguration von Ronald Reagan 1981 war für viele Amerikaner mit enormen Hoffnungen verbunden. Nach dem Vietnam-Desaster wollte Reagan die USA wieder zu alter Stärke zurückzuführen. Der grösste Hoffnungsträger in den USA war aber wohl Franklin D. Roosevelt, der mitten in der grossen Wirtschaftsdepression 1933 sein Amt antrat. Einmalig an der Situation heute ist, dass Obama nicht nur für seine Landsleute ein Hoffnungsträger ist, sondern auf der ganzen Welt enorme Erwartungen weckt und schon vor Amtsantritt zu einer Symbolfigur geworden ist – so etwas hat es in der Geschichte noch nie gegeben.

Obama hat einen politischen Neuanfang versprochen: Ist das überhaupt möglich? Wird sich da nicht enormer Widerstand des Establishments regen?

Ruloff: Obama hat einen Neuanfang versprochen, über Parteigrenzen hinweg. Man wird sehen, wie das geht. Immerhin: Allein schon seine Wahl ist ein Neuanfang. Wer hätte gedacht, dass die Amerikaner einen Farbigen zum Präsidenten machen? Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat es wieder einmal geschafft, genau diese Qualität unter Beweis zu stellen.

Hermann: Obama hat mit der Zusammensetzung seines Kabinetts viel Wert auf Erfahrung und Insiderwissen gelegt. Dies zeigt, dass er im Washingtoner Machtgerangel bestehen will und nicht hoffnungsloser Idealist am System zu zerbrechen gedenkt. Auch wenn Obama die Mechanismen Washingtons nicht grundlegend ändern kann, so ist er bereits daran, eine neue politische Kultur zu etablieren: In Washington werden die Sorgen der Bürger wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen, die politischen Gegner wieder mehr Respekt erhalten und die restliche Welt wird nicht mehr nur in Gute und Böse eingeteilt.

Angesichts der hohen Erwartungen und der schwierigen politischen Lage liegt der Gedanke nahe: Obama kann eigentlich nur verlieren ...

Ruloff: Nein, er muss gewinnen und er wird gewinnen. Die USA sind zur Zeit ökonomisch und moralisch am Boden, jetzt kann es nur besser werden. Und es wird besser.

Hermann: Man kann es auch gerade andersrum sehen: Die drei bedeutendsten US-Präsidenten – George Washington, Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt – haben ihr Amt in ausserordentlich schwierigen Situationen übernommen. Nur wer schwierige Situationen meistert, kann als grosser Präsident in die Geschichte eingehen. Natürlich ist in diesen Situationen auch die Gefahr des Scheiterns besonders gross ...

Wann wird Ihrer persönlichen Einschätzung nach die politische Realität Barack Obama einholen?

Ruloff: Die Frage suggeriert etwas, dass Obama quasi bislang auf «Wolke 7» gelebt hat, wie die die Amerikaner sagen, im Wolkenkuckucksheim. Das ist nicht so: Kaum hatte er die Präsidentschaft auf sicher, da ist er an die Arbeit gegangen und hat die Probleme angepackt. Diese sind riesig, sicherlich. Aber eben: Es kann nur aufwärts gehen. George W. Bush hat die USA in den Abgrund geführt, jetzt kann und muss es aufwärts gehen. Viele Probleme kann Obama durch schlichten Entscheid, das Richtige zu tun, einfach lösen. Siehe Guantanamo. Andere Probleme sind kompliziert, teuer zu lösen, brauchen Zeit. Insgesamt bin ich optimistisch.

Hermann: Sobald Obama das Steuer übernimmt, wird er zwangsläufig Fehler machen, Leute verärgern und Hoffnungen enttäuschen – die bekannten 100 Tage Schonfrist wird er nicht bekommen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Obama für seine Widersacher eine harte Nuss sein wird. Mit seiner offenen Art und seinem Charisma lässt er die Angriffe seiner Gegner ins Leere laufen – ganz ähnlich wie seinerzeit der «grosse Kommunikator» Reagan. Die Kampagnen-Leiter von Hillary Clinton und John McCain nannten Obama deshalb frustriert den «Teflon-Mann».

Top 3

1 Publireportage SWISSHAUS SWISSHAUS - Der zuverlässige Weg zum Eigenheimbullet
2 Grosse Lohntabelle Das verdient die Schweiz wirklichbullet
3 Grosses Voting Wer wird VW Shooting Star?bullet

News