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Beinahe das letzte Foto vor dem TodWir dachten, wir schaffen das. Nur noch ein paar hundert Meter, da waren endlich Häuser. Und plötzlich standen wir vor einer Schlucht und konnten nicht rüber. Es war unser vierter Tag im Schnee. Die Hose von Maxim war seit Stunden steif gefroren. Seine Beine waren eiskalt. Er hat nur noch gezittert und gewimmert. Oben auf dem Berg wirkte alles so friedlich. So still. Schnee, blauer Himmel. Wenn uns nur nicht so kalt gewesen wäre.
Wir mussten wieder absteigen. Die Kinder haben gesagt: Mama, weiter, weiter, wir sind tapfer! Beim Abstieg erst haben wir begriffen, dass wir den Weg nicht finden.
Also hat Oksana das Walkie-Talkie rausgeholt, um Hilfe zu rufen.
«Help me, help me!»
Das Funkgerät war unsere letzte Hoffnung. Auf unseren ungarischen Handys hatten wir kein Guthaben mehr.
Oksanas Finger waren rot und ohne Gefühl, aber sie umklammerten unser Walkie-Talkie. Meine älteste Tochter hatte keine Handschuhe dabei. Später, nach der Rettung, habe ich erfahren, dass wir auf 1600 Meter Höhe waren, acht Grad am Tag, knapp über null in der Nacht. Vier Tage und drei Nächte haben wir das ausgehalten.
Ich glaube, wir haben nur überlebt, weil wir uns immer wieder aufgemuntert und getröstet haben. In schweren Momenten beteten wir zusammen: Lieber Gott, bitte führe uns ins gelobte Land. Es heisst, Glaube kann Berge überwinden. Das stimmt doch, oder nicht?
Am dritten Tag war der Schnee an manchen Stellen einen Meter tief. Für Aljona war das schlimm. Sie ist erst neun und noch klein. Wir kamen kaum vorwärts. Meine Jungen haben mir geholfen, die zwei grossen Taschen hinter uns herzuschleifen. Sie waren wirklich tapfer. Und für die Kleinen haben sie abwechselnd den Rucksack getragen. Ihren eigenen Rucksack und den von Aljona und Maxim.
Maxim hat drei Paar Schuhe durchnässt. Zuletzt sind die bei jedem Schritt im Schnee stecken geblieben. Er ist dann in Socken weitergelaufen. Ich habe ihm die letzten trockenen Strümpfe aus dem Koffer rausgesucht, übereinander angezogen und eine Plastiktüte über seine Füsse gestülpt. Wenn wir Pause gemacht haben, habe ich ihm die Strümpfe ausgezogen und seine nackten Füsse unter meinen Pullover gesteckt. Es war schrecklich zu sehen, wie sie durch die Erfrierungen immer schwärzer wurden.
Klar haben die Kinder geweint. Aber nicht, weil es so schwierig war, und so kalt. Sie haben ihr schweres Schicksal beklagt: «Mama – warum muss das ausgerechnet uns passieren»?
Sorgt euch nicht, der liebe Gott geht mit uns.
Als Mutter habe ich in den schweren Jahren meine Kinder nie verlassen. Lieber Gott, ich bin deine Tochter. Ich bete, ich bin dir ergeben. So wie ich meine Kinder nicht verlassen kann, kannst auch du mich nicht verlassen.
Aljona hat einen rosa Plüsch-Hund. Der heisst Bukschi. Den hat sie in Ungarn bekommen. Schon die ganze Reise ist er dabei. Oben, auf dem Berg, hat sie den manchmal an sich gedrückt. Ich glaube, dann war es nicht mehr so schlimm für sie.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mit meinen Kindern in eine solche Situation komme. Verloren im Schnee und kein Weg. Mein ganzes Leben ist noch mal wie ein Film vor mir abgelaufen.
Wir kommen aus Makeevka in der Region Donetsk in der Südost-Ukraine. Wir sind dort Teil der russischen Minderheit gewesen. Wir hatten ein Haus mit einem grossen Garten und Obstbäumen. Mein damaliger Mann und ich haben zusammen sieben Kinder. Er hat in einer Kohlengrube als Mechaniker und Elektriker gearbeitet. Ich arbeitete in einer Druckerei. Mir geht es nicht ums Geld, wenn ich in die Schweiz komme. Ich habe 21 Jahre lang verdient, und das trotz sieben Kindern.
d wohl gefühlt. Ich wollte mit den Kindern ein anderes Leben. Am liebsten, wo nicht Russisch gesprochen wird. Für uns schien es überall besser, als da wo wir lebten.
Das hat verschiedene Gründe. Der wichtigste ist meine Religion. Ich bin gläubige Baptistin. Schon als Kind wurde ich dafür beschimpft und ich wurde verprügelt. Während des Kommunismus war es besser, seinen Glauben nicht zu zeigen. Aber ich habe das gemacht. Deswegen durfte ich nach der Mittelschule nicht in die Pionierorganisation, obwohl mir das eine gute Ausbildung garantiert hätte. Ich habe nur einen Kurs als Zuschneiderin für Stoffe besuchen können. So war das damals.
Meinen Kindern ging es wie mir. Auch sie haben in der Schule unter ihrer Religion leiden müssen. Dem Alex hat mal einer mit dem Absatz seines Schuhs ein blaues Auge gehauen. Trotzdem sind mein Mann, die Kinder und ich zu unseren religiösen Treffen gegangen. Das hat uns Kraft gegeben und Mut gemacht.
Unsere Ehe ist seit neun Jahren geschieden. Wir haben uns nur noch gestritten. Er hat angefangen, mir und den Kindern zu schaden. In unserer Kirche hatte er eine leitende Funktion und hat gegen mich intrigiert. Nach und nach haben sich alle gegen mich gewandt. Dabei waren diese Leute so lange ich denken kann mein einziger Halt. Er hat es tatsächlich geschafft, dass ich – im dritten Monat schwanger mit dem siebten Kind! – aus der Kirche ausgeschlossen wurde. Kurz danach haben wir uns scheiden lassen und mein Mann ist zu Hause ausgezogen.
Ich wollte aus der Ukraine weg, weil meine Kinder krank waren. Denis hatte mit drei eine Entzündung im Gehirn. Er bekam Fieberanfälle und Atemnot. Die Ärzte in Ungarn haben ihn geheilt. Oksana hatte als Teenager Depressionen. Sie ist heute gesund.
Wie sollte ich denn sechs Kinder, schwanger mit dem siebten, alleine ernähren? Mich um ihre Gesundheit kümmern, obwohl die medizinische Versorgung in der Ukraine schlecht ist. Unser Haus hatte noch nicht mal eine Heizung.
Eines Tages hat uns mein Mann besucht und mir einen Zeitungsartikel mitgebracht. Der Titel hiess: «Paradies für Kinder». Darin war beschrieben, dass Kinder in Österreich und in Finnland die besten Chancen haben. Da wusste ich: Wir müssen nach Österreich. Ich wollte meinen Kindern unbedingt eine Perspektive geben.
Auf dem Monte Lema, im Schnee, habe ich manchmal den Koffer aufgemacht und eine Plastiktüte rausgenommen. Da drin habe ich unsere Ausweise, die Asylbescheide, Briefe von Anwälten, meine Schul- und Arbeitszeugnisse, die Zeugnisse der Kinder. Und ein paar Familienfotos. Auf einem Bild steht Aljona kurz vor unserer Abreise aus Makeevka in einem gelben Kleidchen vor einer roten Wand. Dann habe ich die Aljona auf dem Bild angeschaut, und die Aljona, die jetzt im Schnee auf meinem Schoss sass und fror. Ihr Anblick schnürt mir den Hals zu, weil sie in ihrem jungen Leben schon so viel kämpfen musste.
Ich spüre in diesen Momenten meine
enorme Verantwortung für das Schicksal der Kinder.
Am 15. Juni 2000 habe ich vier Koffer und je einen Rucksack für die Kinder gepackt. Oksana, Cectra, Svetlana, Alex, Denis, Maxim und Aljona haben sich angezogen und ihre Rucksäcke genommen. Oksana, die Älteste war 14. Aljona, die Jüngste, war eineinhalb. Ich habe sie in den Kinderwagen gesetzt und wir sind zum Bahnhof. Wir wollten nach Wien. In unsere neue Zukunft.
Mit dem Zug sind wir bis Bratislava in der Slowakei gefahren. Dort sind wir in den Bus nach Wien umgestiegen. Das ist ja nicht weit. Aber an der Grenze haben uns die Wächter kontrolliert. Weil wir kein Visum hatten, haben sie uns verhaftet und nach Bratislava zurückgeschickt. Ich habe kein Wort verstanden. Einen Dolmetscher haben sie uns nicht zur Seite gestellt. Die Polizisten haben mich gedrängt ein Papier zu unterschreiben, das war die Zustimmung zur Ausweisung.
An der ungarischen Grenze habe ich dann für uns um Asyl gebeten. Die Behörden haben uns unsere Reisepässe weggenommen und uns ins Asylbewerberheim nach Debrecen in der Nähe der rumänischen Grenze gebracht.
Ich hätte nie gedacht, dass das für die nächsten sieben Jahre unser Zuhause sein würde. Das war nicht das Paradies. Aber es war gut. Besser als in der Ukraine.
Im Flüchtlingslager lebten hauptsächlich Serben, Afghanen und Ukrainer. In den gel-ben Baracken hatten wir für uns zwei einfache, saubere Zimmer: Betten, Esstisch, Kochstelle, Waschbecken mit Spiegel.
Ich habe gesagt: Kinder, lasst es uns eben hier versuchen.
Schon im Oktober bekam ich die erste Absage auf unser Asylgesuch, inklusive Ausreisetermin. Heute weiss ich auch warum: Ich hatte dem ungarischen Beamten den Zeitungsartikel gezeigt. Er hat gesagt: Aha! Sie suchen ein Paradies für ihre Kinder. Sie sind Wirtschaftsflüchtling!
Ich habe gegen den Bescheid Widerspruch eingelegt. Aber sie haben ihre Meinung nicht geändert. Mit meinen Ersparnissen habe ich für uns einen Anwalt beauftragt. Der hat die Papiere geprüft und gesagt:
Sie haben keine Chance. Das ist alles rechtmässig.
Damit wollte ich mich nicht abfinden. Ich habe mir einen anderen Anwalt gesucht. Er hat bewirkt, dass ein Gericht unseren Fall noch mal geprüft hat. Und wir bekamen tatsächlich eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung.
Die Kinder gingen in Debrecen in die Schule. Sie bekamen Zeugnisse, sie lernten Ungarisch und hatten gute Noten. Im Asylbewerberheim waren meine Jungen die einzigen, die immer die Computer benutzen durften, weil sie begabt sind und sich anständig benommen haben.
Als ich, da oben auf dem Monte Lema, meine Kinder angeschaut habe, dachte ich: Wir sind doch eine ganz normale Familie. Wir lieben uns. Die Kinder haben eine Schulausbildung. Sie sind kräftig und ehrlich. Sie sind klug. Sie können am Computer arbeiten und sie haben handwerkliche Fähigkeiten. Wir würden der Schweiz keine Schande bereiten. Meine Kinder sind in einer Grossfamilie aufgewachsen – die können sich in alles Mögliche einfügen. Man müsste uns nur eine Chance geben.
Nach drei Jahren ging das ganze Verfahren in Ungarn von vorne los. Ich habe in meiner Plastiktüte viele Briefe, in denen die Behörden immer neue Erklärungen von uns wollten.
Cectra hat es schliesslich nicht mehr ausgehalten. Sie hat mir vorgeworfen: Mama, du bist nicht fähig, die Familie zu beschützen. Warum lässt du zu, dass sie uns so behandeln? Wir wollten ein besseres Leben finden.
Nach den vielen Streitereien hat sie dann ihre Tasche gepackt und ist gegangen. Jetzt ist sie volljährig und lebt irgendwo in Europa. Manchmal ruft sie mich auf meinem Handy an. Sie sagt, es geht ihr gut. Ich vermisse sie.
Aber viel schlimmer ist das mit Svetlana, meiner anderen Tochter. Eine ungarische Familie hat sie mir regelrecht gestohlen. In Debrecen sind wir regelmässig in Bibelkreise gegangen. Dort hat sie Imre und Erica Todt kennengelernt. Sie haben drei eigene Kinder, die noch klein sind. Svetlana ist oft bei ihnen gewesen. Dann haben sie erfahren, dass wir planen in die Schweiz zu gehen, wenn wir in Ungarn definitiv abgelehnt werden. Sie haben ihr in ihrem Haus ein eigenes Zimmer eingerichtet und ihr angeboten, dass sie bei ihnen leben kann. Was soll das? Svetlana ist mein Kind! Letztes Jahr, am 14. Januar, hat sie uns einen Abschiedsbrief geschrieben und ist zu ihnen gezogen. Oksana leidet sehr darunter. Ihr fehlt die Schwester. Imre und Erica wollen sie als billigen Babysitter für ihre eigenen Kinder, glaube ich.
Am 6. Dezember 2007 kam der endgültige Asylbescheid: Wir waren abgelehnt. Ich hatte das geahnt und deswegen beim Schweizer Konsul in Budapest schon letztes Jahr im März ein neues Asylgesuch gestellt.
Vier Wochen später, am 9. Januar dieses Jahres, habe ich Oksana nach Budapest geschickt und zu ihr gesagt: Oxi, unsere Aufenthaltsbewilligung in Debrecen läuft morgen ab. Frag bei der Schweizer Botschaft nach, was unser Gesuch macht und ob es für uns noch eine Chance gibt.
Am Mittag hat Oxi mich angerufen. Sie hat am Telefon geweint und gesagt: Mama, es ist aus. Die Ablehnung ist endgültig und die Schweiz will uns auch nicht.
An dem Tag haben meine Kinder im Asylheim schon kein Taschengeld mehr bekommen. Also habe ich unsere Taschen gepackt und zu den Kindern gesagt: Wir gehen nicht ins Bett, wir gehen weg. In die unabhängige Schweiz. Dort können sie unseren Fall noch mal prüfen. Keiner hat geweint oder gesagt: Ich will aber hier bleiben. Sie wussten, dass sie sich auf mich verlassen können. Das war mütterliche Intuition! Die hätten uns am 10. Januar abgeholt und in die Ukraine ausgeschafft. Dann wäre alles umsonst gewesen.
Abends sind wir mit dem letzten Zug nach Budapest gefahren und haben Oxi dort getroffen. Weil wir so viel Gepäck hatten und die Kinder bei mir waren, durften wir sogar im Bahnhof schlafen. Am nächsten Morgen sind wir Richtung Österreich weitergereist und haben am Abend bei einem Grenzdorf in einer Scheune gewartet, um nachts zu Fuss über die grüne Grenze zu gehen. In Österreich sind wir im Bus bis Wien gefahren. Vom Hauptbahnhof aus weiter Richtung Italien und wieder unbemerkt über die Grenze. Wir haben immer Regionalzüge benutzt und sind oft umgestiegen. So haben wir es bis nach Como geschafft. Von da aus wollten wir weiter über Chiasso, Bellinzona nach Zürich.
Am 12. Januar haben uns die Grenzbeamten in einem Zug bei Chiasso durchsucht. Ich hatte unsere ID und Kopien der Reisepässe bei mir. Leider auch die Absage aus Ungarn und die der Schweizer Botschaft in Budapest. Das ist uns zum Verhängnis geworden.
Sie haben uns nach Mailand geschickt und gesagt, wir müssen beim Schweizer Konsulat ein Einreisegesuch stellen. Das haben wir auch gemacht. Aber wir wollten diesmal nicht wieder monatelang oder sogar Jahre auf eine Entscheidung warten.
Alex und Denis, meine grossen Söhne, haben zu mir gesagt: Mama, mit dem Zug hat es nicht geklappt. Im Bus werden wir auch kein Glück haben. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuss über die Berge zu gehen.
Wir haben uns eine Landkarte besorgt und geschaut, wo die Grenze ist. Danach sind wir mit Regionalzügen und Bussen Stück für Stück Richtung Monte Lema gefahren. Auf der Karte sah alles nah aus. In unserer Vorstellung wollten wir den Weg über den Berg in einem halben Tag schaffen. An Kälte und Schnee und dass etwas schief gehen könnte, haben wir nie gedacht.
Am 17. Januar sind wir losgegangen. Wir sind gelaufen und gelaufen und der Weg hat kein Ende genommen. Als es langsam dunkel wurde, dachte ich: Mein Gott, wo sollen wir nur über Nacht bleiben? Wir kamen an einem Unterstand vorbei, in dem Holz gestapelt war. Ich habe geschaut, dass die Kinder mehrere Pullover, Jacken und Mützen übereinander anziehen. Ich hatte Angst, sie holen sich eine Lungenentzündung. Am zweiten Tag sind wir weitergegangen. Je höher wir kamen, desto mehr Schnee gab es. Mit ihren Handys haben meine Buben fotografiert. Wenn ich jetzt die Bilder sehe, sieht das nach einem harmlosen Ausflug aus. Dabei hatten wir keinen Proviant mehr und mussten Schnee essen.
Die Kleinen haben geweint: «Mama?! Warum ausgerechnet wir?»
An einer steilen Stelle ist uns dann auch noch das Gepäck den Abhang runtergerutscht. Wir waren panisch und dachten: Wenn wir jetzt unsere letzten trockenen Kleider verlieren, können wir uns nicht mal mehr umziehen. Es hat Stunden gedauert, bis wir die Taschen wieder hochgeschleppt hatten.
In der zweiten Nacht haben wir in einer verlassenen Sennhütte geschlafen. Aljona hat sich immer in meinen Schoss gelegt. Ich habe die Füsse von Maxim an meinem Körper gewärmt.
In der dritten Nacht haben wir in einer Grotte geschlafen. Und als wir am vierten Tag plötzlich wieder vor einer Schlucht standen, haben wir gewusst, dass wir den Weg nicht finden und das Walkie-Talkie nehmen müssen.
«Help me, help me, please!»
Auf dem Gipfel des Berges haben wir ein gelbes Haus gesehen. Ich habe gedacht, das ist ein Grenzposten, aber es war mir egal. Wir wussten nicht mal, ob wir noch in Italien sind oder schon in der Schweiz.
Gegen halb zwei hat ein Mann auf Oksanas Hilferufe geantwortet. Wir haben dem Funker vom gelben Haus erzählt. Er hat dann gewusst, wo wir sind und die Bergwacht gerufen.
Am schlimmsten war das Warten. Es wurde wieder kälter, und langsam dunkel. Ich habe zu Maxim gesagt, er solle die gefrorene Hose und die Strümpfe ausziehen und sich so gut es geht mit den anderen wärmen. Als wir gegen fünf Uhr endlich den Helikopter hörten, habe ich vor Erleichterung geweint.
Nach der Rettung durch die Rega wurden die Mutter und der 10-jährige Maxim ins Kinderspital nach Zürich geflogen. Wegen der schweren Erfrierungen drohte ihm zunächst die Amputation der Füsse. Die anderen Kinder wurden wegen leichterer Verletzungen im Ospedale Civico in Lugano behandelt. Zehn Tage später war die Familie in Lugano vereint. Zwei Tage lang verhörte die Kantonspolizei die Mutter und die älteste Tochter. Dann wurde die Familie vom Krankenhaus ins Asylbewerberheim Chiasso überführt. Dort stellte Lilia B. Antrag auf Asyl.
Die Ukraine gilt als sicheres Land. Politisches Asyl wird ihnen daher voraussichtlich verwehrt werden. Die Kantonsregierung Tessin hat sich beim Bundesamt für Migration in Bern für eine humanitäre Lösung eingesetzt und wünscht ein Mitspracherecht in diesem Fall. Die humanitäre Einrichtung SOS Ticino hat eine Petion zugunsten der Familie verfasst.
* Name der Redaktion bekannt.