BLICK fand untergetauchten Geheimdienstler: «Ich war der Maulwurf in der Genfer Moschee»
von Beat Kraushaar und Arnaud Bedataus Spanien | Aktualisiert um 15:54 | 11.05.2006
LAS PALMAS Im Auftrag des Schweizer Geheimdienstes infiltrierte Claude Covassi (35) islamistische Kreise. Als seine Mission publik wurde, tauchte der V-Mann unter. BLICK fand ihn auf den Kanarischen Inseln. Aus seinem Versteck heraus erhebt er schwere Vorwürfe gegen den Schweizer Geheimdienst.
Mittwoch, 1. März, 14.30 Uhr. Wir checken im Hotel Melia Las Palmas auf den Kanarischen Inseln ein. An der Reception wird uns ein Couvert überreicht. Darin steckt die geheime Handynummer von Claude Covassi. Wir rufen an und vereinbaren in der Altstadt von Las Palmas ein Treffen.
Zwei Stunden später sitzen wir im Strassencafé Lolita dem Mann gegenüber, der im Auftrag des Schweizer Inland-Geheimdienstes das Islam-Zentrum in Genf und dessen Leiter Hani Ramadan ausspionierte (es stand im BLICK). Seit seine Maulwurf-Tätigkeit publik wurde, ist der V-Mann untergetaucht (siehe Box).
Claude Covassi zündet sich eine Zigarette an und nippt an einem Tonic-Wasser. Er ist zornig auf seinen früheren Auftraggeber, den «Dienst für Analyse und Prävention» (DAP), den Schweizer Inland-Geheimdienst.
Und er ist bereit, Details über den Geheimdienst sowie seine Spionagetätigkeit preiszugeben.
Was er seinem ehemaligen Arbeitgeber vorwirft, ist happig:
Der Schweizer Geheimdienst nimmt Folter in Kauf
Der Schweizer Inlandgeheimdienst arbeite wie die CIA. Er leite Informationen über Personen an arabische Staaten weiter. Dabei nehme man bewusst in Kauf, dass Menschen deswegen verhaftet und gefoltert werden könnten, behauptet Claude Covassi.
Ein Beispiel: «Ich lernte in der grossen Moschee von Genf einen 24-jährigen Marokkaner kennen. Dieser brachte mich in Kontakt mit einer französischen Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf. Die GSPC will mit terroristischen Mitteln die Errichtung eines islamistischen Staates in Algerien herbeiführen.»
Claude Covassi lehnt sich verschwörerisch nach vorn. Im Flüsterton fährt er weiter: «Als ich meinem Kontaktmann Patrick S.* mitteilte, dass der junge Mann demnächst heimreise, war er hocherfreut. Er teilte mir mit, dass er mit dem marokkanischen Geheimdienst einen Deal aushandeln wolle. Die Marokkaner würden den Mann aufgrund unserer Informationen verhaften und dem Schweizer Geheimdienst im Gegenzug mitteilen, was er beim Verhör preisgab.»
Claude Covassi war nach eigenen Aussagen über den Deal empört: «Ich sagte meinem Kontaktmann, dass er damit wie die CIA handle.» Diese bringe auch Leute ins Ausland, wo sie bei den Verhören gefoltert würden. «Patrick S. hatte für meinen Protest nur ein müdes Lächeln übrig. Ihn interessierte auch nicht, dass der junge Marokkaner nur vage Kontakte zu der GSPC hat.»
Der Schweizer Geheimdienst hat kein Interesse an gefährlichen Islamisten
Mittlerweilen ist die Sonne zwischen den Hügeln von Las Palmas im Meer versunken. Claude Covassi hat Hunger, wir wechseln das Lokal. Bei einheimischer Kost informiert uns der V-Mann über weitere Details seiner Maulwurf-Tätigkeit. «Ich habe Personen kennen gelernt, die sich im Terror-Umfeld bewegen. Aber daran hatte mein Kontaktmann Patrick S. kein Interesse.»
Ein happiger Vorwurf. Kann ihn Claude Covassi belegen? «Da war dieser 50-jährige Tschetschene. Ich traf ihn in der grossen Moschee in Genf. Ein Koloss von Mann, der als Kämpfer am ersten Tschetschenien-Krieg teilgenommen hatte. Er hatte gute Kontakte zu Untergrundkämpfern in Usbekistan und bot mir an, ihn dorthin zu begleiten.»
Claude Covassi sagt, er habe seinen Kontaktmann beim Geheimdienst über den Tschetschenen und seine möglichen Terror-Kontakte informiert. Es sei ihm jedoch befohlen worden, jeden weiteren Kontakt mit dem Mann zu unterbinden. «Mein Kontaktmann sagte mir, der Mann werde bereits vom russischen Geheimdienst observiert. Die würden sich um ihn kümmern und bald in Aktion treten.» Zwei Wochen später sei der Tschetschene mit Vergiftungserscheinungen in ein Spital im Kanton Bern eingeliefert worden. «Für mehrere Monate», sagt Claude Covassi.
Der Schweizer Geheimdienst lässt ausländische Spione schalten und walten
«Es ist doch verrückt, dass die Schweiz dem russischen Geheimdienst erlaubt, ungestört bei uns aktiv zu sein», empört sich Claude Covassi. Mit Wissen des Inland-Geheimdienstes seien auch syrische Agenten in der Schweiz tätig. Der Geheimdienst-Aussteiger: «Ich habe einen Syrer getroffen, der vom Geheimdienst als Agent identifiziert wurde. Trotzdem konnte dieser ungestört junge Muslime in der Schweiz rekrutieren, um sie in die Koranschulen nach Damaskus zu schicken. Dort werden sie dann geschult, um als Kämpfer in den Irak zu gehen.» Auch zahlreiche französische Agenten seien in Genf aktiv, behauptet Claude Covassi.
Der V-Mann findet es unglaublich, dass diese ausländischen Agenten in unserem Land ungestört agieren können. «Mit Wissen der Schweiz.»
Aber warum ist Claude Covassi eigentlich aus seinem Maulwurf-Job ausgestiegen und untergetaucht? «Wegen all dem und weil der Inland-Geheimdienst unprofessionell arbeitet. Dazu musste ich erkennen, dass mein Kontaktmann Patrick S. nur an Hani Ramadan interessiert war. Ihn wollte er unbedingt drankriegen. Aber weder ich noch all die anderen Geheimdienste, die Ramadan bespitzeln, konnten ihm etwas Verbotenes anhängen.»
Mittlerweilen ist es fast Mitternacht geworden in Las Palmas. Der Kellner bringt das Dessert. «Genug geredet für heute», sagt der ausgestiegene Maulwurf.
Wo wir uns am nächsten Morgen treffen, wollen wir wissen. «Ich kontaktiere euch und gebe den Treffpunkt bekannt», sagt Claude Covassi manche Agenten-Gewohnheiten vergisst man wohl auch als ausgestiegener Agent nicht.
Mitarbeit: Henry Habegger
* Namen von der Redaktion geändert
Zwei Stunden später sitzen wir im Strassencafé Lolita dem Mann gegenüber, der im Auftrag des Schweizer Inland-Geheimdienstes das Islam-Zentrum in Genf und dessen Leiter Hani Ramadan ausspionierte (es stand im BLICK). Seit seine Maulwurf-Tätigkeit publik wurde, ist der V-Mann untergetaucht (siehe Box).
Claude Covassi zündet sich eine Zigarette an und nippt an einem Tonic-Wasser. Er ist zornig auf seinen früheren Auftraggeber, den «Dienst für Analyse und Prävention» (DAP), den Schweizer Inland-Geheimdienst.
Und er ist bereit, Details über den Geheimdienst sowie seine Spionagetätigkeit preiszugeben.
Was er seinem ehemaligen Arbeitgeber vorwirft, ist happig:
Der Schweizer Inlandgeheimdienst arbeite wie die CIA. Er leite Informationen über Personen an arabische Staaten weiter. Dabei nehme man bewusst in Kauf, dass Menschen deswegen verhaftet und gefoltert werden könnten, behauptet Claude Covassi.
Ein Beispiel: «Ich lernte in der grossen Moschee von Genf einen 24-jährigen Marokkaner kennen. Dieser brachte mich in Kontakt mit einer französischen Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf. Die GSPC will mit terroristischen Mitteln die Errichtung eines islamistischen Staates in Algerien herbeiführen.»
Claude Covassi lehnt sich verschwörerisch nach vorn. Im Flüsterton fährt er weiter: «Als ich meinem Kontaktmann Patrick S.* mitteilte, dass der junge Mann demnächst heimreise, war er hocherfreut. Er teilte mir mit, dass er mit dem marokkanischen Geheimdienst einen Deal aushandeln wolle. Die Marokkaner würden den Mann aufgrund unserer Informationen verhaften und dem Schweizer Geheimdienst im Gegenzug mitteilen, was er beim Verhör preisgab.»
Claude Covassi war nach eigenen Aussagen über den Deal empört: «Ich sagte meinem Kontaktmann, dass er damit wie die CIA handle.» Diese bringe auch Leute ins Ausland, wo sie bei den Verhören gefoltert würden. «Patrick S. hatte für meinen Protest nur ein müdes Lächeln übrig. Ihn interessierte auch nicht, dass der junge Marokkaner nur vage Kontakte zu der GSPC hat.»
Mittlerweilen ist die Sonne zwischen den Hügeln von Las Palmas im Meer versunken. Claude Covassi hat Hunger, wir wechseln das Lokal. Bei einheimischer Kost informiert uns der V-Mann über weitere Details seiner Maulwurf-Tätigkeit. «Ich habe Personen kennen gelernt, die sich im Terror-Umfeld bewegen. Aber daran hatte mein Kontaktmann Patrick S. kein Interesse.»
Ein happiger Vorwurf. Kann ihn Claude Covassi belegen? «Da war dieser 50-jährige Tschetschene. Ich traf ihn in der grossen Moschee in Genf. Ein Koloss von Mann, der als Kämpfer am ersten Tschetschenien-Krieg teilgenommen hatte. Er hatte gute Kontakte zu Untergrundkämpfern in Usbekistan und bot mir an, ihn dorthin zu begleiten.»
Claude Covassi sagt, er habe seinen Kontaktmann beim Geheimdienst über den Tschetschenen und seine möglichen Terror-Kontakte informiert. Es sei ihm jedoch befohlen worden, jeden weiteren Kontakt mit dem Mann zu unterbinden. «Mein Kontaktmann sagte mir, der Mann werde bereits vom russischen Geheimdienst observiert. Die würden sich um ihn kümmern und bald in Aktion treten.» Zwei Wochen später sei der Tschetschene mit Vergiftungserscheinungen in ein Spital im Kanton Bern eingeliefert worden. «Für mehrere Monate», sagt Claude Covassi.
«Es ist doch verrückt, dass die Schweiz dem russischen Geheimdienst erlaubt, ungestört bei uns aktiv zu sein», empört sich Claude Covassi. Mit Wissen des Inland-Geheimdienstes seien auch syrische Agenten in der Schweiz tätig. Der Geheimdienst-Aussteiger: «Ich habe einen Syrer getroffen, der vom Geheimdienst als Agent identifiziert wurde. Trotzdem konnte dieser ungestört junge Muslime in der Schweiz rekrutieren, um sie in die Koranschulen nach Damaskus zu schicken. Dort werden sie dann geschult, um als Kämpfer in den Irak zu gehen.» Auch zahlreiche französische Agenten seien in Genf aktiv, behauptet Claude Covassi.
Der V-Mann findet es unglaublich, dass diese ausländischen Agenten in unserem Land ungestört agieren können. «Mit Wissen der Schweiz.»
Aber warum ist Claude Covassi eigentlich aus seinem Maulwurf-Job ausgestiegen und untergetaucht? «Wegen all dem und weil der Inland-Geheimdienst unprofessionell arbeitet. Dazu musste ich erkennen, dass mein Kontaktmann Patrick S. nur an Hani Ramadan interessiert war. Ihn wollte er unbedingt drankriegen. Aber weder ich noch all die anderen Geheimdienste, die Ramadan bespitzeln, konnten ihm etwas Verbotenes anhängen.»
Mittlerweilen ist es fast Mitternacht geworden in Las Palmas. Der Kellner bringt das Dessert. «Genug geredet für heute», sagt der ausgestiegene Maulwurf.
Wo wir uns am nächsten Morgen treffen, wollen wir wissen. «Ich kontaktiere euch und gebe den Treffpunkt bekannt», sagt Claude Covassi manche Agenten-Gewohnheiten vergisst man wohl auch als ausgestiegener Agent nicht.
Mitarbeit: Henry Habegger
* Namen von der Redaktion geändert
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