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Heute geht das Weltwirtschaftsforum (WEF) zu Ende. Von Ex-US-Präsident Bill Clinton (63) bis Joe Ackermann (61), Chef der Deutschen Bank: Auch 2010 kamen Topshots aus Politik und Wirtschaft nach Davos GR. Doch einer fehlte: Markus Reinhardt (61), langjähriger oberster WEF-Sicherheitschef und Polizeikommandant von Graubünden. Er nahm sich am Dienstag, dem Tag vor der WEF-Eröffnung, das Leben. Der Mann, bei dem alle Fäden für die Sicherheit zusammenliefen, war am Sonntag betrunken im Sicherheitszentrum erschienen. Als seine Chefin davon erfuhr, die Bündner BDP-Regierungsrätin Barbara Janom Steiner (46), wollte sie ihn zur Rede stellen. Reinhardt stand vor der Suspendierung – und sah als letzten Ausweg wohl nur noch den Suizid.
Die Fakten, welche auf dem Tisch liegen, zeigen: Die Bündner Regierung liess über Jahre hinweg einen alkoholkranken Sicherheitschef am Ruder. Sie brachte so die hochkarätigen WEF-Gäste in Gefahr.
«Sträflicher Leichtsinn» sei das, bilanziert Terrorexperte Rolf Tophoven. Unter Alkoholeinfluss komme es zu Fehleinschätzungen und verspäteten Reaktionen. «Nicht auszudenken, was dies bei einem Terroranschlag für Folgen gehabt hätte. Das man ihn nicht von diesem Posten abzog, obwohl man von seinen Problemen wusste, ist politisch mit gar nichts zu rechtfertigen.» Die Regierung habe ihre Fürsorgepflicht verletzt. «Man hätte Reinhardt nicht nur als WEF-Sicherheitschef, sondern auch in seiner Funktion als Polizeikommandant abziehen müssen.»
Dieser Meinung ist auch der ehemalige Aargauer Polizeikommandant Léon Borer (64). Für ihn ist der Posten eines Polizeikommandanten absolut unvereinbar mit einem Alkoholproblem, wie er in der «Aargauer Zeitung» sagte.
Die Bündner Regierung war zumindest seit 2007 über das Suchtproblem des obersten Polizisten im Bild. Schon der ehemaligen Finanzdirektorin und heutigen Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf blieb Reinhardts Krankheit nicht verborgen, wie sie sagt. «Mir war bekannt, dass er alles unternahm, um diese Krankheit zu bekämpfen. Dass er, der seine Aufgabe mit grossem Engagement und ausserordentlicher Kompetenz erfüllte, diesen Kampf nun verloren hat, macht mich sehr betroffen.»
Fakt ist: Seit 2007 wurde Reinhardt von FDP-Regierungsrat Martin Schmid, ab 2008 von seiner Nachfolgerin Janom Steiner persönlich betreut. Beide betonen, dass sie Massnahmen und Ziele vereinbart hätten, die es ihm ermöglichen sollten, seine Sucht in den Griff zu bekommen. Beide versichern, dass es immer wieder Verbesserungen gab, die zuversichtlich stimmten.
Über dieses Vorgehen kann Terrorexperte Tophoven nur den Kopf schütteln: «Wer solche Probleme hat, ist erpressbar und ein hoher Risiko- und Unsicherheitsfaktor. Man hätte ihn sofort ablösen müssen. Auch zu seinem Eigenschutz.»
Auch Gerichtspsychiater Josef Sachs (57) kritisiert das Betreuungskonzept. «Die Regierung tappte in eine Falle: Sie liess sich von vorübergehenden Besserungen blenden. Vorgesetzte glauben dann fälschlicherweise, ihr Mitarbeiter habe das Problem im Griff.»
Wie falsch Janom Steiner die Situation einschätzte, zeigte sich letzten Sonntag. Sachs: «Dass Herr Reinhardt alkoholisiert im WEF-Sicherheitszentrum auftauchte, lässt darauf schliessen, dass er seine Abhängigkeit nicht im Griff hatte.» Und weil er sein Trinkverhalten nicht mehr steuern konnte, war Reinhardt ein Sicherheitsrisiko.
Davon will die Bündner Regierung aber nichts wissen. Jährlich seien alle Vorkehrungen zur sicheren Durchführung des WEF getroffen worden, sagt Regierungsrat Martin Schmid. «Dass die Sicherheit jeweils schon zu meiner Zeit als Polizeidirektor gewährleistet war und auch heute noch ist, zeigt die reibungslose Durchführung des 40. Jahrestreffens und aller Treffen zuvor.»