Kommentar von SonntagsBlick-Chefredaktor Hannes Britschgi Lieber Streit!

  • Publiziert: 10.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012

In Berlin bezieht das Vorstandsmitglied der Bundesbank Thilo Sarrazin Prügel, weil er sich polemisch über Türken und Araber ausgelassen hat. In der Schweiz verbieten die Behörden von Basel, Freiburg, Yverdon und Lausanne das Aushängen von Plakaten, weil sich diese polemisch gegen die muslimische Welt richten.

Die Vorgänge haben vieles gemeinsam. In beiden Fällen geht es darum, dass Kritik bewusst als scharfe Polemik vorgetragen wird. Die Urheber nehmen in Kauf, dass sich viele diskriminiert oder gar verletzt fühlen, vor allem Mitglieder muslimischer Gemeinschaften.

Gut, es gibt Unterschiede: Hier geht es um eine Werbekampagne für die Anti-Minarett-Initiative. Dort äussert sich eine Einzelstimme in rassistisch angehauchter Tonlage zu den Zuständen einer Grossstadtgesellschaft.

Beiden geht es um Provokation. Beiden geht es um einen Kampf an derselben Frontlinie. Beiden geht es um die mangelnde Integration der muslimischen Bevölkerung: um Kopftuch-tragende Lehrerinnen und Schülerinnen, um die Teilnahme von Mädchen an Schwimmunterricht und Schulausflug, um Zwangsheirat, Ehrenmorde und das mittelalterliche Rechtssystem der Scharia.

In einer demokratischen Gesellschaft muss es möglich sein, solche Themen offen und direkt anzusprechen. Wenn das liberale Schweden angesichts der Kritik strenggläubiger Muslime plötzlich wieder über ein Oben-ohne-Verbot nachdenkt, dann ist sogar höchste Zeit zu entscheiden, wer in unseren weltoffenen Gesellschaften die Werte vorgibt.

Die Meinungsfreiheit schützt diese Diskussion. Auch grobe oder unflätige Stimmen. Eine freie Gesellschaft ist stark genug, das auszuhalten. Unsere muslimischen Nachbarn sind es ebenfalls, wie ihre besonnene Reaktion zeigt. Obwohl sie Pauschalurteile und polemische Plakate nicht als gerecht empfinden. Aber sie wissen, wie viel diese Gesellschaft jeden Tag für die Integration ihrer Minderheiten tut.

Ein minarettverbot verletzt die Religionsfreiheit. Deshalb ist diese Initiative höchst problematisch. Aber Bundesbern hat sie mit Knurren und Murren zugelassen. Es hilft wenig, jetzt zusätzlich die Meinungsfreiheit zu verletzen, um missliebige Propaganda zu verbieten. Wer über einem Plakat den «Religionskrieg» herbeiredet, wird selbst zum Brandstifter.

play Ringier-Publizist Hannes Britschgi interviewt für Blick.ch Spitzenpolitiker. (Geri Born)

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