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Gestern Abend, wenige Minuten vor 20.00 Uhr. Auf der Redaktion des SonntagsBlicks bricht Hektik aus: Zur vollen Stunde sollen alle Lichter auf einen Schlag erlöschen. Nur das fahle Licht der Bildschirme erhellt dann noch den Raum. Zehn Minuten später dann die ersten Anrufe. Von überall in der Schweiz melden die Mitarbeiter den Erfolg der Aktion «Licht aus! Für unser Klima». Reporter Fredy Gasser (45) etwa, der die grösste Umwelt-Aktion des Jahres in Interlaken BE verfolgt hatte, war deutlich beeindruckt: «Als plötzlich im Eingang des Hotel Victoria Jungfrau nur noch ein paar Kerzen brannten, breitete sich unter den Umstehenden eine fast feierliche Stille aus.»
Wie in der Schweiz waren die Menschen auch in Deutschland und Österreich aufgerufen, für fünf Minuten das Licht zu löschen. Diesmal nicht, um Energie zu sparen. «Licht aus! für unser Klima» war als symbolischer Akt gedacht. Ein sichtbares Signal an die Delegierten des Klimagipfels von Bali: Der Klimawechsel hat bereits begonnen. Die Zeit des Debattierens ist vorbei. Jetzt muss gehandelt werden!
Vor zwei Wochen rief SonntagsBlick zum ersten Mal zum Mitmachen auf. Das Echo war riesig. Innert weniger Tage schwoll der Zuspruch lawinenartig an. Städte, Gemeinden, Firmen, Hotels, Restaurants, Verbände und Private: Alle wollten sich beteiligen.
Und sie haben ihr Versprechen eingelöst. Rund 80 öffentliche Gebäude in Zürich, das Kloster Einsiedeln, vom Bundesplatz in Bern bis zum Seebecken der Lichterstadt Luzern, vom St. Martinsturm in der Altstadt von Chur bis zu den Burgen in Bellinzona – überall im Land gingen für fünf Minuten die Lichter aus. Stellvertretend wohl für alle, die sich an der Aktion beteiligten, fand Abt Martin Werlen (45) von Einsiedeln die rechten Worte: «Bei uns ist nicht der Aufwand gross, auf Energiequellen zu stossen. Bei uns ist der Aufwand gross, das Licht einmal für fünf Minuten auszuschalten.
Viele Menschen, die an diesem Samstagabend noch unterwegs waren, wurden von der partiellen Dunkelheit überrascht. Die meisten von ihnen waren begeistert. «Eine tolle ‹Licht aus!›-Aktion» freuten sich Yanick (18) und seine Freundin Patrizia (17) hoch über Zürich beim Hotel Uto Kulm. «Solche Aktionen sollten regelmässig stattfinden», sagte ein älterer Herr in Bellinzona. «Sonst wird es auf unserem Planeten bald richtig gespenstisch.» Die japanischen Touristen in Luzern hatten endlich einmal ein überraschendes Motiv: die Lichterstadt weitgehend im Dunkeln. Rund um das Seebecken schossen während der fünf Minuten ihre Fotoblitze durch die Nacht. Nicht weit genug ging «Licht aus! Für unser Klima» hingegen dem 11-jährigen Nicolò in Chur: «Das Licht sollte für mindestens eine halbe Stunde gelöscht werden.»
Was hatten die Kassandras nicht alles prophezeit: Die Beteiligung werde lächerlich gering sein, hatten die einen gesagt. Der Druck auf den Lichtknopf in Deutschland, Österreich und der Schweiz werde die Stromnetze überlasten und könne sogar zu einem europaweiten Blackout führen. Sie alle haben unrecht behalten. Die Kraftwerke überstanden die plötzliche Schwankung im Netz ohne jedes Problem. «Das Netz ist europaweit stabil geblieben» meldete schon um 20.10 Uhr ein Sprecher des deutschen Energieriesen RWE. Bestätigt wurde er durch Kommunikationschef Ernst Baumberger (46) von den Kraftwerken Oberhasli (KWO) in Innertkirchen BE. Er habe die Ausschläge auf den Steuerungsmonitoren des Kraftwerks beobachtet, erklärte Baumberger gegenüber SonntagsBlick. «Aus Schweizer Sicht ist alles okay.»
Und kaum waren überall die Lichter wieder angegangen, kamen die E-Mails der Leser. Auch sie zum grössten Teil begeistert. Einfach «cool» fand ASD aus Sempach LU die Idee. «Meine kleine Tochter und ich sassen ganz brav während mehr als zehn Minuten ohne jeglichen Strom mit Kerzen zu Hause» schrieb Barbara Stoll aus Jonen AG. «Es war total romantisch und ich konnte ihr vom das Klimaproblem erzählen.» Und Martin Grolimund meldete aus Balsthal SO, die ganze Umgebung sei «sichtbar dunkler. Ich finde es eine sehr gute Aktion.» Am Samstag hat die Schweiz mit dem Lichtschalter abgestimmt – für das Klima unseres Planeten.