Riesenerfolg für die «Licht aus!» Aktion Um 20.00 Uhr ging der Schweiz das Licht aus

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Johannes von Dohnányi
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Zuerst war es nur eine Idee, dann ein Projekt, schliesslich eine Aktion – und am Samstagabend endlich eine eindrucksvolle Demonstration der Schweizer: Fünf Minuten Licht aus als Signal an die Teilnehmer des Weltklimagipfels auf Bali: Schluss mit dem Gerede. Trefft Entscheidungen. JETZT.

Gestern Abend, wenige Minuten vor 20.00 Uhr. Auf der Redaktion des SonntagsBlicks bricht Hektik aus: Zur vollen Stunde sollen alle Lichter auf einen Schlag erlöschen. Nur das fahle Licht der Bildschirme erhellt dann noch den Raum. Zehn Minuten später dann die ersten Anrufe. Von überall in der Schweiz melden die Mitarbeiter den Erfolg der Aktion «Licht aus! Für unser Klima». Reporter Fredy Gasser (45) etwa, der die grösste Umwelt-Aktion des Jahres in Interlaken BE verfolgt hatte, war deutlich beeindruckt: «Als plötzlich im Eingang des Hotel Victoria Jungfrau nur noch ein paar Kerzen brannten, breitete sich unter den Umstehenden eine fast feierliche Stille aus.»

Wie in der Schweiz waren die Menschen auch in Deutschland und Österreich aufgerufen, für fünf Minuten das Licht zu löschen. Diesmal nicht, um Energie zu sparen. «Licht aus! für unser Klima» war als symbolischer Akt gedacht. Ein sichtbares Signal an die Delegierten des Klimagipfels von Bali: Der Klimawechsel hat bereits begonnen. Die Zeit des Debattierens ist vorbei. Jetzt muss gehandelt werden!

Vor zwei Wochen rief SonntagsBlick zum ersten Mal zum Mitmachen auf. Das Echo war riesig. Innert weniger Tage schwoll der Zuspruch lawinenartig an. Städte, Gemeinden, Firmen, Hotels, Restaurants, Verbände und Private: Alle wollten sich beteiligen.

Und sie haben ihr Versprechen eingelöst. Rund 80 öffentliche Gebäude in Zürich, das Kloster Einsiedeln, vom Bundesplatz in Bern bis zum Seebecken der Lichterstadt Luzern, vom St. Martinsturm in der Altstadt von Chur bis zu den Burgen in Bellinzona – überall im Land gingen für fünf Minuten die Lichter aus. Stellvertretend wohl für alle, die sich an der Aktion beteiligten, fand Abt Martin Werlen (45) von Einsiedeln die rechten Worte: «Bei uns ist nicht der Aufwand gross, auf Energiequellen zu stossen. Bei uns ist der Aufwand gross, das Licht einmal für fünf Minuten auszuschalten.

Viele Menschen, die an diesem Samstagabend noch unterwegs waren, wurden von der partiellen Dunkelheit überrascht. Die meisten von ihnen waren begeistert. «Eine tolle ‹Licht aus!›-Aktion» freuten sich Yanick (18) und seine Freundin Patrizia (17) hoch über Zürich beim Hotel Uto Kulm. «Solche Aktionen sollten regelmässig stattfinden», sagte ein älterer Herr in Bellinzona. «Sonst wird es auf unserem Planeten bald richtig gespenstisch.» Die japanischen Touristen in Luzern hatten endlich einmal ein überraschendes Motiv: die Lichterstadt weitgehend im Dunkeln. Rund um das Seebecken schossen während der fünf Minuten ihre Fotoblitze durch die Nacht. Nicht weit genug ging «Licht aus! Für unser Klima» hingegen dem 11-jährigen Nicolò in Chur: «Das Licht sollte für mindestens eine halbe Stunde gelöscht werden.»

Was hatten die Kassandras nicht alles prophezeit: Die Beteiligung werde lächerlich gering sein, hatten die einen gesagt. Der Druck auf den Lichtknopf in Deutschland, Österreich und der Schweiz werde die Stromnetze überlasten und könne sogar zu einem europaweiten Blackout führen. Sie alle haben unrecht behalten. Die Kraftwerke überstanden die plötzliche Schwankung im Netz ohne jedes Problem. «Das Netz ist europaweit stabil geblieben» meldete schon um 20.10 Uhr ein Sprecher des deutschen Energieriesen RWE. Bestätigt wurde er durch Kommunikationschef Ernst Baumberger (46) von den Kraftwerken Oberhasli (KWO) in Innertkirchen BE. Er habe die Ausschläge auf den Steuerungsmonitoren des Kraftwerks beobachtet, erklärte Baumberger gegenüber SonntagsBlick. «Aus Schweizer Sicht ist alles okay.»

Und kaum waren überall die Lichter wieder angegangen, kamen die E-Mails der Leser. Auch sie zum grössten Teil begeistert. Einfach «cool» fand ASD aus Sempach LU die Idee. «Meine kleine Tochter und ich sassen ganz brav während mehr als zehn Minuten ohne jeglichen Strom mit Kerzen zu Hause» schrieb Barbara Stoll aus Jonen AG. «Es war total romantisch und ich konnte ihr vom das Klimaproblem erzählen.» Und Martin Grolimund meldete aus Balsthal SO, die ganze Umgebung sei «sichtbar dunkler. Ich finde es eine sehr gute Aktion.» Am Samstag hat die Schweiz mit dem Lichtschalter abgestimmt – für das Klima unseres Planeten.

Die Kraft eines Symbols

Was mussten sich Kai Diekmann und Marc Walder, Chefredaktoren von «Bild» und SonntagsBlick, nicht alles anhören, als sie vor drei Wochen die Aktion «Licht aus! Für unser Klima» lancierten: «Hoffnungslos verblendete Umwelt-Romantiker!» «Schnapsidee!» «Da macht doch keiner mit!»

Dann entstand die einzigartige «Licht aus!»-Aktion der Schweiz, Österreichs und Deutschlands, bei der gestern Abend Hunderttausende von Menschen mitmachten.

Umweltminister Moritz Leuenberger war als Erster dabei. Es folgten kleine und grosse Unternehmen, kleine und grosse Gemeinden – und unzählige Bürgerinnen und Bürger. Alle wollten ein Zeichen setzen, dass etwas geschehen soll. Nein: Geschehen muss!

SonntagsBlick-Redaktorin Susanne Mühlemann koordinierte drei Wochen lang die Aktion. Sie wurde überschwemmt mit Anrufen, Briefen, Mails. Daniel Bulfoni, Gemeindeschreiber von Scuol GR, meldete: «Auf dem Zirkularweg hat der Gemeinderat beschlossen, sich an der Aktion ‹Licht aus!› zu beteiligen.» Einen Tag später das nächste Mail aus Scuol: «Nach einigen Telefons ist es mir gelungen, weitere Gemeinden im Unterengadin zum Mitmachen zu bewegen.» Wieder einen Tag später: «Nun ist das ganze Unterengadin mit von der Partie!» Nur ein kleines Beispiel.

Als in der Schweiz, Österreich und Deutschland die Lichter ausgingen, verhandelten in Bali 10000 Politiker und Beamte aus aller Welt, wie die Treibhausgase reduziert werden sollen. Die Schweizer Delegation, Botschafter Thomas Kolly und sein zwölfköpfiges Team, kämpfen dafür, dass über einen Nachfolgevertrag für das Kioto-Protokoll verhandelt wird, das 2012 ausläuft. Und dass sich endlich auch die USA und China zum Klimaschutz verpflichten.

«Licht aus!» sendet ein starkes Signal nach Bali: Ja, tut etwas! Tun wir alle etwas!

Eine grosse Kraft setzt sich oft aus vielen kleinen Anstrengungen zusammen.

Wir Danken Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser. Sie haben ein wichtiges Zeichen gesetzt.

Sie alle haben mitgemacht!

Gemeinden:
Aarau, Ardez, Ascona, Basel, Bellinzona, Bergdietikon, Bern, Bitsch, Brig, Chur, Davos-Klosters, Einsiedeln, Frick, Ftan, Guarda, Lantsch, Lausanne, Lavin, Luzern, Mels, Mühlehorn, Nürensdorf, Rafz, Ramosch, Reckingen-Gluringen, Rigi, Schwarzenburg, Schwyz, Scuol, Sent, Sommeri, Susch, Tarasp, Thun, Tschlin, Weiach, Winterthur, Zernez, Zürich

Schlösser:
Schloss Habsburg AG, Schloss Lenzburg, Schloss Oberhofen, Schloss Spiez, Schloss Vaduz, Schloss Wimmis

Hotels:
Bellevue Palace, Bern, Eden au lac, Zürich, Eiger, Grindelwald, Grandhotel Les Trois Rois, Base, Klösterli Bio-Hotel Garni, Braunwald, Palace, Luzern, Palazzo Mysanus, Samedan, Radisson SAS Hotel, Luzern, Radisson SAS Hotel, St. Gallen, Schweizerhof, Luzern, Spescha, Lenzerheide, Uto Kulm, Üetliberg, Victoria Jungfrau, Interlaken

Firmen:
Axpo, Cablecom, Ciba, Coop, Credit Suisse, Denner, HP, Ikea, IWC, Jelmoli, Kuoni, Lindt & Sprüngli, Loeb, Manor, Migros, Novartis, Raiffeisen, Roche, SF DRS, Sunrise, Swisscom, UBS.

Verbände:
Schweizer Bauernverband; Schweizer Milchproduzenten SMP

Sonstige:
Dampfschiff Uri, Vierwaldstättersee; Glatt-Zentrum, Wallisellen; Pizzeria da Sina, Wengen; Restaurant Park Schaffhausen; Restaurant Sternen, Wimmis; Restaurant Schlössli Wörth, Schaffhausen

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