Kinder-Schänder taucht ab ...

  • Publiziert: 13.04.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Simon Spengler
play Saubere Fassade – Das Kollegium St. Michael in Freiburg. Vertuschen, verschweigen, verdrängen als Antwort auf sexuellen Missbrauch. (Peter Gerber)

Der Bischof von Freiburg räumt auf. Was für immer unter den Teppich gewischt schien, kommt wieder ans Licht. Auch ein Fall aus dem ehrwürdigen KollegiumSt. Michael um den pädophilen Lehrer X.*

Was die ehemalige Untersuchungsrichterin Françoise Morvant als Präsidentin der bischöflichen Pädophilie-Untersuchungskommission zu hören bekam, wird in Freiburg noch zu reden geben. Ein Paradebeispiel dafür, wie in den 80er-Jahren mit dem Thema ‹sexueller Missbrauch› umgegangen wurde: vertuschen, verschweigen, verdrängen. Mit dem Segen der damals noch herrschenden Dreieinigkeit von Thron (sprich CVP), Altar und Richterstuhl.

Rückblick ins Freiburg des zu Ende gehenden ‹Ancien régime›, Sommer 1982: Das Kollegium
St. Michael, vom heiligen Petrus Kanisius gegründete Kaderschule der Freiburger Oberschicht, feiert seinen 400. Geburtstag. Joseph Deiss, der spätere CVP-Bundesrat, unterrichtet hier. Daniel Vasella, heute Novartis-Chef, war ein paar Jahre zuvor als Mitglied einer marxistisch-revolutionären Schülergruppe aufgefallen.

«Schöne Fassade mit Rissen», schreibt der «Beobachter» zum Fest. «Orat et masturbat» und «master of masturbation» prangt in grossen Lettern auf der Fassade des historischen Gebäudes. Stumme Anklage gegen den Deutschlehrer und Karatemeister X. Gesprayt von ehemaligen Schülern, die ihm Übergriffe beim Karatetraining vorwerfen.
Zunächst vertrauen sich die zwischen 14 und 16 Jahre alten Schüler dem Lehrer Willy Helg an, der den Kollegen anzeigt. Doch die Behörden reagieren erst, als nach den Sprayereien der Skandal nicht mehr zu vertuschen ist.

Untersuchungsrichter Pierre-Emmanuel Esseiva übernimmt den Fall. Ein Name, der bei Freiburger Justizskandalen immer wieder auftaucht. Esseiva zieht 1983 den Prozess auch als Gerichtsvorsitzender durch. Laut Protokoll gibt der beschuldigte X zu, mit ausgewählten Schülern ein «Spezialprogramm» absolviert zu haben und redet von «Umwandlung sexueller in spirituelle Energie».

Wie das ging, beschreibt ein Opfer: «Ich musste mich im Slip vor ihn legen mit der Aufforderung, mich in Gedanken in einen Orgasmus zu steigern. Weil mir das nicht gelingen wollte, griff er mir schliesslich an die Genitalien und masturbierte mich.» – «Bearbeitung der Vitalpunkte» nennt der Lehrer seine Spezialübung. Mit Missbrauch habe das nichts zu tun. Natürlich verbietet der Lehrer seinem Schüler, den anderen davon zu erzählen. Die Übung sei Vorbereitung auf höhere Weihen – X verspricht seinen Opfern, sie zu seinen Assistenten zu befördern.

Für Richter Esseiva reicht das nicht für eine Verurteilung. «Im Zweifel für den Angeklagten» lautet sein Richterspruch. Dafür müssen die Schüler den Schaden an der Fassade bezahlen. Lehrer Helg wird «wegen zerrüttetem Vertrauensverhältnis» gefeuert – von Abbé Bise, dem letzten geistlichen Rektor. Helg und die Sprayer werden dazu mit Ehrverletzungsklagen eingedeckt. Den Skandalprozess verfolgt auch der verstorbene Schriftsteller Niklaus Meienberg. Nach dem Urteil ruft er aus: «Noch schamloser kann kein Richter einem Angeklagten in die Hände spielen. Hier gilt nur ein Gesetz: Aufs Kollegium darf kein Schatten fallen.»

Lehrer X. bleibt am Kollegium und lehrt weiter in Karate, sogar die Freiburger Polizei. Auch seine Neigung zu Buben bleibt die alte. Eine damalige Schülerin: «Wir Meitli hatten nichts zu fürchten. Uns gegenüber war er nur abschätzig. Dass er auf Buben stand, wussten alle. Wir haben uns nur gefragt, wieso das toleriert wurde.»
Noch eine Besonderheit zeichnet X. aus: sein Hass auf Katholiken. «Weihrauchkröten» beschimpft er Schüler, die zur Messe gehen. Er erweckt den Eindruck, er sei Buddhist. Bis Anfang der 90er eine neue Strafanzeige auf- und X. untertaucht. «Alle dachten, er sei in einem japanischen Kloster», erinnert sich die Schülerin. Die Freiburger Polizei schreibt ihn zur Fahndung aus, kann – oder will – aber nicht fündig werden. Dabei hätte sie gar nicht bis Japan suchen müssen: X versteckte sich im Priesterseminar in Mainz (D). Als 1996 in Freiburg das Verfahren wegen Verjährung eingestellt wird, ist Ex-Katholikenhasser X. schon katholischer Pfarrer in Deutschland. Wieso der Polizei das entgeht, bleibt ihr Geheimnis. Das Kantonsgericht verweigert BLICK Akteneinsicht. Das Bistum Mainz antwortet, man habe von der zweiten Anklage nichts gewusst und bei der ersten sei er ja freigesprochen worden.

Vor der weltlichen Justiz hat X. nichts mehr zu befürchten. Die Fassade des Kollegiums ist wieder sauber. Für den gefeuerten Lehrer Helg war die Anhörung vor der Kommission trotzdem eine Genugtuung: «Auch in den dunkelsten Sumpf kommt irgendwann Licht.»

*Name der Redaktion bekannt

play Lehrer Willy Helg: «Auch in den dunkelsten Sumpf kommt irgendwann Licht. »
(Peter Gerber)

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