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Nach dem Verlust von 19,2 Milliarden Franken im Jahr 2010 hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) im ersten Halbjahr erneut 10,8 Milliarden verloren. Wie dramatisch ist dieser Verlust?
Niklaus Blattner: Das eigentliche Problem ist die Angst auf den Finanzmärkten. Die EU und die USA leiden unter der Schuldenkrise. Das führt dazu, dass viele Investoren in sichere Werte wie Gold und den Schweizer Franken investieren. Und wenn viele nach Sicherheit suchen, ist das ein schlechtes Zeichen für die wirtschaftliche Erholung. Im Vergleich dazu ist das Ergebnis der SNB unwichtig.
Also alles nur halb so schlimm?
Problematisch ist höchstens, dass Bund und Kantone sich daran gewöhnt haben, jedes Jahr von der SNB 2,5 Milliarden Franken zu erhalten. Dieses Jahr erhalten sie die Zahlungen noch, aber nächstes Jahr können sie kaum mehr damit rechnen.
Im Moment sind es ja nur Buchverluste. Wenn Euro und Dollar wieder steigen, könnte die SNB die Währungen wieder gewinnbringend verkaufen. Ist das realistisch?
Das scheint mir relativ unwahrscheinlich. Ein gewisser Verlust wird bleiben. Wir werden beim Euro kaum über 1.35 Franken hinauskommen. Aber vielleicht kommt ja alles noch schlimmer, denn die Wechselkursentwicklung ist noch längst nicht zu Ende. Wenn Euro und Dollar weiter fallen, werden weitere Verluste fällig.
Aber die SNB hat schon die Hälfte ihres Eigenkapitals verloren. Kann die Nationalbank irgendwann pleitegehen?
Im Unterschied zu einer Geschäftsbank ist die SNB immer liquid und geht deswegen auch nicht in Konkurs. Wie hoch das Eigenkapital ist, ist von untergeordneter Bedeutung. Ihre Daseinsberechtigung behält die SNB so lange, wie sie ihren Auftrag erfüllt. Er lautet: die Preisstabilität zu gewährleisten, also weder Inflation noch Deflation aufkommen zu lassen.
Die Nationalbank ist von verschiedenen Seiten unter Druck. Einige Exponenten fordern gar den Rücktritt von Präsident Philipp Hildebrand. Was sagen Sie dazu?
In einer solch aussergewöhnlichen Situation, in welcher die Führung der Geldpolitik grösste Anforderungen stellt und die SNB bisher nicht nur die Preisstabilität gesichert hat, sondern auch in vorbildlicher Weise zur Lösung der UBS-Krise beigetragen hat, ist eine Personaldebatte deplatziert. Da gehts um politische Ambitionen gewisser Kreise, die man nicht unterstützen sollte.
Was kann Hildebrand tun?
Die SNB muss sich lediglich an die gesetzliche Verpflichtung halten, die Preisstabilität zu gewährleisten. Sie muss Inflation und Deflation verhindern. Dieser Aufgabe ist sie auch nachgegangen, als sie im Frühling 2010 sehr grosse Mengen Euro gekauft hat. Aber sie konnte so die Aufwertung des Frankens nicht stoppen. Wenn man jetzt sagt, sie solle handeln, dann müsste sie diese Aktion eigentlich wiederholen. Aber dadurch wäre sie nur noch höheren Risiken ausgesetzt, und die Bilanz sähe dann noch schlechter aus. Es gibt in der unsicheren Lage einfach keine andere Möglichkeit, als abzuwarten.
Warum druckt die SNB denn jetzt nicht einfach mehr Franken?
Das ist im Moment kaum das Erfolgsrezept.
Weil sonst Inflation droht und unser Erspartes an Wert verliert?
Noch droht keine Inflation. Aber: Die SNB hat jetzt eine Bilanz von 260 Milliarden Franken, doppelt so viel wie vor wenigen Jahren. Wenn sie weiter intervenieren würde, hätte sie demnächst eine Bilanz von 300, 400 oder mehr Milliarden. Was nützt das der Schweiz? Wieso sollte sich deswegen der Eurokurs wieder erholen, nachdem gegenüber letztem Frühling die überschuldeten Staaten noch kaum aus dem Schneider sind und das politische Chaos in den USA den Dollar mehr denn je belastet? Zurzeit scheint die Nachfrage nach Schweizer Franken unersättlich zu sein. Erst nachdem die Anleger wieder Vertrauen in die Zukunft gewinnen und die Flucht in die Sicherheit des Frankens abebbt, könnten weitere Interventionen der SNB im Devisenmarkt wieder Erfolg versprechen. Allerdings wären sie dann auch nicht mehr nötig, weil sich der Eurokurs von selbst wieder erholen würde.
Wieso verkauft die SNB nicht einfach ihre Goldvorräte, um einen Milliardenverlust zu verhindern?
Wir haben Gold im Wert von rund 40 Milliarden Franken in der Bilanz. Dort ist das Gold gut aufgehoben. Würden wir es verkaufen, bekämen wir dafür hauptsächlich ausländische Devisen. Und die bringen uns ja bekanntlich wenig in der Bilanz.