Immer wieder sterben Zehntausende von Zivilisten in Kriegen – und die Welt schaut weg Dafür müssen wir uns schämen

Aleppo, Sarajevo, Srebrenica, Ruanda: Die Schrecken dort wurden unter unser aller Augen verübt. Und keiner schritt ein. Warum?

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Zwischen den Interessen der Machtblöcke fallen sie ins Nichts. Die Menschen in den Brennpunkten der Welt, wie man das dann nennt. Die normalen Leute, die Familien, Frauen, Kinder, alten Leute.

Sie werden erschossen, zerbombt, und die Welt schaut zu. Es ist nicht, als bliebe ihr Leiden ein Geheimnis. Es gibt Bilder, glaubwürdige Berichte. Gute, tapfere Seelen schlagen Alarm. Aber es geschieht nichts. Manchmal werden diese Menschen im toten Winkel der Weltaufmerksamkeit zusammengetrieben, abgeführt und systematisch ermordet. Man vergisst sie – bis sie tatsächlich verschwinden.

Dann erst erwacht das Weltgewissen. «Ich dachte, ich tat mein Bestes», sagte Uno-Generalsekretär Kofi Annan 2004, zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda. «Heute ist mir klar, dass ich mehr hätte tun können und müssen.»

1994, Annan ist noch Uno-Unterstaatssekretär, warnt ihn der Kanadier Roméo Dallaire, Chef der Uno-Friedenstruppen in Ruanda, Hutu-Extremisten planten ein Blutbad. Annan erlaubt Dallaire nicht, das Hutu-Waffenlager zu stürmen. Als das Morden beginnt, werden die Kanadier zurückbeordert.

Dallaire will nicht weg, er fleht um Verstärkung. Aber Annan sagt ihm, dass niemand kommen werde. Das Pentagon warnt US-Präsident Bill Clinton, dass Hunderttausende sterben würden. Die USA ziehen all ihre Leute ab. Zur Sicherheit.

Dann wird innert weniger Wochen ein halbes Volk mit der Machete abgeschlachtet. Wie viele Opfer weiss man bis heute nicht genau, vielleicht 800'000. Fast alles Tutsi, die Minderheit Ruandas. Die traditionellen Viehzüchter, ermordet von den Hutu, den traditionellen Ackerbauern. Kain erschlägt Abel. Und die Welt schaut zu.

Und nun ist es wieder geschehen. Aleppo ist gefallen. Seit 2012 steht die Stadt im Hagel der Kugeln und Bomben. Die Truppen von Diktator Assad haben sie jetzt zurückerobert. Die letzten Bewohner der Rebellen-Viertel nehmen ihre Kinder, ihre Habe und ziehen fort – wenn sie können. Tausende sollen «verschwunden» sein. Was richten die Mörderbanden von Assad und Putin an?

Wollen wir es wirklich wissen? Wenn in Aleppos Ruinen Ruhe herrscht, verschwindet er vielleicht, dieser blinde Fleck in unserem Blickfeld. Der uns vier Jahre keine Ruhe liess.

Warum kommt es immer wieder so? Weil zum Beispiel Ruanda fernes Afrika ist, das uns nicht interessiert? Aber Kofi Annan ist selber Afrikaner. Und die USA hatten sich doch auch in den Bürgerkrieg von Somalia gewagt. Und Aleppo: Im Irak, in Libyen kam es doch auch zu Einsätzen des Westens. Die Araber sind uns nicht egal.

Nein, selbst in Europa wurde schon gemordet, und Europa hatte sich abgewandt. 1993 bis 1995 töteten Scharfschützen und Panzer in Sarajevo 14'000 Menschen. Tote, jeden Tag. Bis endlich, plötzlich, im August 1995 die Nato genug hatte und die serbischen Milizen in den Bergen ausbombte.

Die Befreiung Sarajevos war fast so schockierend wie die Tatsache, dass man die Stadt so lange leiden liess. Sicher, die Serben waren zu weit gegangen, als sie einen Monat zuvor in Srebrenica ein Kontingent holländischer UN-Truppen ignorierten und 8000 Bosnier, vor allem Männer und Buben umbrachten. Aber auch dieses Massaker geschah nicht im Verborgenen. Die Holländer waren Zeugen, doch anders als die Kanadier in Ruanda taten sie nichts.

Warum werden die einen Massaker gestoppt und die anderen nicht?

Weil Staaten und ihre Lenker, selbst Grossmächte, sind wie wir: unsicher und feige. «Wir hätten ein Drittel der Opfer retten können», sagte Bill Clinton heute über Ruanda. Doch damals bremste seine Regierung jeden Einsatz. Aus Angst. In Somalia im Jahr zuvor waren 18 US-Soldaten umgekommen. Ruanda durfte kein zweites Somalia werden. Washingtons Zögern war Vorwand für alle anderen. Ruandas Hunderttausende waren keinen Uno-Soldaten wert. 

Aleppo. Sarajevo. Srebrenica. Ruanda. Wenn die Ohnmächtigen der Welt nicht handeln wollen, ist das unsere Schande. Sie heisst Angst. 

Publiziert am 15.12.2016 | Aktualisiert am 15.12.2016
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69 Kommentare
  • Constanée  Malik Hemedi aus Aesch
    15.12.2016
    Der Mensch ist ein Tier. Das Tier ist krank und die Krankheit heisst Gier und Gleichgültigkeit. Vielleicht eines Tages sind wir dran. Wir werden diejenigen sein die niedergemetzelt werden. Dann, und nur dann werden wir aus unserer Starre erwachen.
  • Georgio  Alberone aus Basel
    15.12.2016
    Der Vergleich hinkt da es dort im Gegensatz zu Ruanda kein systematischer Völkermord gab, die einzigen Massaker die in Aleppo dokumentiert sind (nicht auf Gerüchten basieren) sind jene die die Rebellen an Soldaten (Massenexekutionen) verübten als sie grosse Teile der Stadt eroberten. Ansonsten sehe ich da keinen Unterschied zur laufenden Eroberung von Mossul, wo auch tagtäglich Zivilisten sterben. Oder was die Saudis in Yemen anrichten. Oder die mehreren hunderttausend Opfer im Irakkrieg...
  • jürg  frey aus teufen
    15.12.2016
    Sorry, aber schämen sollen sich Jene die solche Verbrechen verüben, auch Schlepper übrigens sollten sich schämen und jene die nicht genug dagegen tun ebenfalls! Kriege gab es schon immer und grausam war Mensch auch schon immer, glaubt wer im Ernst, dass werde sich jemals ändern?
  • Andi  Karrer 15.12.2016
    Nein, dafür muss ich mich nicht schämen, einzig und alleine diejenigen, die diese Menschen getötet haben, müssen sich schämen. Wir leben tatsächlich in einer postfaktischen Zeit.
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    15.12.2016
    Welche Welt schaut weg? Der Autor vergisst etwas entscheidendes: Der Respekt vor dem Menschenleben, die Idee, dass das Individuum einen Wert an sich hat, das ist eine christlich-abendländische Auffassung. Diese wird von maximal 800 Millionen Menschen vertreten. Die Erde zählt aber 7 Milliarden Menschen und davon wird der grösste Teil von Regierungen beherrscht, die buchstäblich über Leichen gehen.