Präsident René Préval nach dem tödlichen Erdbeben in Haiti: «Ich musste über Leichen steigen»

  • Publiziert: 13.01.2010, Aktualisiert: 10.02.2012

PORT-AU-PRINCE – Heute beginnen die ersten internationalen Hilfsteams mit ihrer Arbeit im Katastrophengebiet. Die Lage ist derzeit völlig chaotisch – gesicherte Opferzahlen gibt es keine. Die Rede ist von zehntausenden Toten.

Haitianische Regierungsmitglieder befürchten bis zu 100000 Todesopfer. Tausende Menschen werden noch unter den Trümmern in der weitgehend zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince vermutet. Präsident Rene Préval sagte dem US-Sender CNN, er habe von 30000 und auch 50000 Toten gehört. Es sei aber noch zu früh für genaue Angaben.

Préval betonte, es bestehe weiter Gefahr durch einstürzende Gebäude. Zudem gebe es das Risiko von Seuchen und die Strassen seien verstopft: «Wir müssen erst die Strassen freiräumen, um Hilfe durchzubekommen.»

Er habe über Leichen steigen müssen und die Schreie von Menschen gehört, die unter Trümmern begraben gewesen seien, schilderte Préval die Lage in einem Interview mit dem «Miami Herald».

«Das Parlament ist zusammengestürzt. Die Steuerbehörde ist zusammengestürzt. Schulen sind zusammengestürzt. Spitäler sind zusammengestürzt», sagte der Präsident. «Es gibt eine Menge von Schulen mit einer Menge von Toten in ihnen.» Auch alle Spitäler seien voller Menschen: «Es ist eine Katastrophe.»

100 Millionen Soforthilfe

US-Aussenminister Hillary Clinton nannte das Erdbeben eine Katastrophe von «unvorstellbarem» Ausmass und verglich es mit dem Tsunami, der 2004 Asien heimgesucht hatte. Sie brach eine Auslandsreise ab, um die US-Hilfe in Washington zu koordinieren.

Die Weltbank sagte 100 Millionen Dollar Soforthilfe zu. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich beeindruckt von der internationalen Hilfsbereitschaft. Er kündigte an, mit Clintons Ehemann, dem früheren US-Präsidenten und Uno-Sondergesandten für Haiti, Bill Clinton, ins Erdbebengebiet reisen zu wollen.

Palast und Kathedrale beschädigt

Nach Angaben Bans kamen bei dem Beben mindestens 16 Uno-Mitarbeiter ums Leben. Berichte, wonach auch der Chef der Uno-Mission in Haiti unter den Toten sei, konnte er zunächst nicht bestätigen.

Unter den zahlreichen Gebäuden, die bei dem Beben der Stärke 7,0 am Dienstagnachmittag in der Millionen-Stadt Port-au-Prince dem Erdboden gleichgemacht wurden, ist auch das Uno-Hauptquartier. Auch der Präsidentenpalast und die Kathedrale wurden schwer beschädigt.

In der Stadt herrschen chaotische Zustände. Vereinzelt wurden Plünderungen gemeldet. Überlebende versuchten gestern mit blossen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Auf den Strassen lagen Tote, die behelfsmässig mit Laken zugedeckt wurden.

Schwerstes Erdbeben seit 1842

Die Bergungsarbeiten dürften aufgrund der desolaten Lage schwierig werden. Auch die medizinische Versorgung ist katastrophal. Viele Spitäler sind eingestürzt. Zahlreiche Länder darunter die USA, Frankreich und mehrere südamerikanische Länder entsandten Bergungsteams und Hilfslieferungen nach Haiti.

Das Rote Kreuz schätzte die Zahl der Betroffenen auf insgesamt drei Millionen Menschen. Die Vereinten Nationen haben nach eigenen Angaben etwa 30 internationale Hilfsteams mobilisiert. Aus der Schweiz reisen 18 Experten der Humanitären Hilfe ins Katastrophengebiet. Fünf Experten befinden sich bereits vor Ort.

Haiti liegt im kleineren westlichen Teil der zu den Grossen Antillen gehörenden Karibik-Insel Hispaniola. Im Osten liegt die Dominikanische Republik. Zuletzt war Haiti – das ärmste Land des gesamten amerikanischen Kontinents – am 7. Mai 1842 von einem ähnlich folgenschweren Beben heimgesucht worden. (SDA/hhs)

FBI warnt vor betrügerischen Spenden-Aufrufen

WASHINGTON – Die US-Bundespolizei FBI hat nach dem Erdbeben in Haiti zur Vorsicht bei Spenden über das Internet aufgerufen. Wie schon bei Naturkatastrophen in der Vergangenheit müsse mit Betrügern gerechnet werden, die Not und Spendenbereitschaft ausnutzen. Persönliche Daten oder Bankdaten sollten nicht preisgegeben werden, erklärte das FBI gestern. Internetnutzer sollten sich bemühen, die Rechtmässigkeit karitativer Organisationen und deren Spendenaufrufe möglichst genau zu prüfen. Ausserdem warnte das FBI davor, Weblinks oder E-Mail-Anhänge zu öffnen, weil auf diese Weise Computerviren verbreitet werden könnten. Der Internetdienst Twitter etwa wurde gestern nach dem Erdbeben mit Spendenaufrufen für Haiti regelrecht überschwemmt. (SDA)
play Der haitianische Präsident René Préval. (Reuters)

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