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Angesichts des Ausmasses der Erdbebenkatastrophe in Port-au-Prince verspüren auch Hilfsarbeiter mit langjähriger Haiti-Erfahrung eine grosse Ohnmacht. Bernard Zaugg, Helvetas-Mitarbeiter vor Ort, schreibt an die Zentrale in der Schweiz: Vor dem Helvetas-Büro sitzen hunderte Menschen auf dem Boden – und alles was er tun konnte, war den Gärtner anzuweisen, die Leute mit Wasser zu versorgen.
Er könne sich kaum vorstellen, wie es in den nächsten Tagen weitergehen soll, meldet Zaugg per Mail – neben Skypen die einzige Kommunikationsmöglichkeit, weil die Telefonleitungen tot sind.
«Wie sollen die gigantischen Probleme in diesem totalen Chaos gelöst werden? Wie soll man sich um Hunderttausende Obdachlose kümmern? Wie eine 3-Millionen-Stadt wieder zum funktionieren bringen, in der der alles Wichtige zerstört ist. Wie, wie…?» Es sei eine gewaltige Aufgabe, die Trümmer der Gebäude wegzuräumen und ganze Viertel zu ersetzen, die das Erdbeben zerstört hat.
Massenflucht aufs Land – Wasser fehlt
In einem Mail von heute Nacht schreibt Zaugg, dass eine Massenflucht in die Provinz begonnen habe. Die Busbahnhöfe würden regelrecht gestürmt von armen Arbeitern, die in ihre Herkunftsorte auf dem Land zurückkehren wollten. Er selber übernachtet mit seiner Familie im Auto – aus Angst vor einem neuen Beben.
Die Situation der Helvetas-Mitarbeiter ist schwierig. Ihre Wasser- und Nahrungsvorräte gehen zur Neige. Es fehlt auch an Chlor, um verseuchtes Trinkwasser zu reinigen. An Geld ranzukommen wird immer mehr zum Problem, weil die Banken aus Angst vor Plünderungen nicht wagen, ihre Türen zu öffnen.
Bei einer Erkundungstour zu Fuss und im Auto durch die zerstörte Hauptstadt sammelte Zaugg am Mittwoch Impressionen des Schreckens. «Das, was ich gesehen habe, ist kaum zu glauben, der Schock ist gewaltig», schrieb er gestern.
Zuerst fünf Leichen, dann 30
«Als ich am Morgen bei den Strässchen vorbeilief, die aus einem benachbarten Quartier herausführen, habe ich fünf bis sechs in Tüchern gehüllte Leichen gezählt. Am Ende des Nachmittags waren es dann schon mehr als 30 Tote», berichtet Zaugg. Und es sei klar, dass es sich dabei um die wenigen Leichen handle, die bereits aus den Trümmerbergen hätten geborgen werden können.
Während in den «besseren» Quartieren Helikopter die am schlimmsten Verletzten herausbrächten, sei in den Vierteln, wo die «normalen Menschen» lebten, keine Hilfe von aussen zu erwarten.
«Wenigstens funktionieren dort die Mechanismen der Solidarität noch. Alle helfen einander, so gut es eben geht – und nehmen dabei auch unglaubliche Risiken in Kauf.» (hhs)