Reportage Hände weg von meiner Waffe!

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Carl Just

Die Schützen rüsten zur Schlacht um ihr Sturmgewehr. Denn eine Mehrheit der Schweizer ist dagegen, dass die Dienstwaffe im Schlafzimmer bleibt. Die Minderheit, die ihr Gewehr nicht hergeben will, gerät jetzt in die Defensive.

«Nur ein Staat, der Angst vor dem Volk hat, wird dem freien Bürger seine Waffe wegnehmen», sagt David Glatz während er in Turnschuhen und Freizeithose samt Sturmgewehr in der guten Stube seines schmucken Häuschens in Langenthal BE posiert. «Die Waffe ist Zeichen der Freiheit und der Identifikation mit unserem Land, der wichtigsten Werte überhaupt», sagt der pensionierte Schulinspektor und Ehrenpräsident des Schweizerischen Schiess-Sportverbandes.

Schulinspektor Glatz sitzt auch im Vorstand von Courage, einer Stiftung «zur Pflege der Schweizer Waffentradition». Diese bittet auf ihrer Internetseite um «Zuwendungen und Spenden in Form von Barbeiträgen oder Waffen». Damit will der Vorstand «Bürgerinnen und Bürger» fördern, die «ohne Rücksicht auf Anfeindungen unsere Sache hartnäckig und klug verteidigen».

Einer der ersten Preisträger von «Courage» war SVP-Chef Ueli Maurer. Aber auch Toni Suter aus Steinen SZ wäre ein Kandidat für den Courage-Förderpreis: «Es sind die Gegner der Armee, die unseren Sport in die Nähe der Gewalt bringen», sagt der Schulabwart und Aktuar der kantonalen Schützengesellschaft. «Mich trifft das persönlich – ich bin doch kein Mörder und Amokläufer.»

«Die Waffe gibt dem Bürger die Gewissheit, sich im Ernstfall selbst verteidigen zu können», erklärt die Zürcher SVP-Regierungsrätin Rita Fuhrer, die Präsidentin des Schiess-Sportverbandes SSV. «Das war und ist wichtig für ein so kleines Land wie die Schweiz.»

Ein Jahr nach dem Drama um die Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet sind die Schweizer Schützen arg in der Defensi-
ve – ähnlich wie Raucher, Hundehalter oder Geländewagenfahrer, wenn auch mit noch ernsterem Hintergrund. Seit Rey-Bellets Ehemann, ein unbescholtener Banker und Offizier, zu seiner Dienstpistole griff und Corinne und ihren Bruder hinrichtete, reisst die Diskussion über die Dienstwaffe im Schlafzimmer nicht mehr ab. In einer Umfrage des SonntagsBlicks sprachen sich vor einem Monat zwei Drittel der Befragten dafür aus, die Sturmgewehre und Dienstpistolen im Zeughaus wegzuschliessen. Unentschieden sind in der Waffenfrage nur noch ältere Mitbürger über 55, drei Viertel der Frauen dagegen wollen die Dienstwaffen sofort aus den Haushalten verbannen. Der Streit um das Sturmgewehr im Schlafzimmer ist zum Streit zwischen Generationen und Geschlechtern, zwischen Stadt und Land geworden.

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Wachtmeister Monique Frischknecht aus Bettlach SO fühlt sich gar nicht im Abseits. Lässig posiert sie mit ihrem Sturmgewehr auf der Weide neben dem Schiessstand: «Wir sollten stolz sein, dass uns der Bund so viel Vertrauen entgegenbringt, dass wir unsere persönliche Waffe mit nach Hause nehmen dürfen», sagt die junge, attraktive Unteroffizierin. «Ich habe meine Waffe, genauso wie der Büezer sein Übergwändli.»

Und die Menschen, die Amok laufen mit ihrer Waffe? «Wer ein Blutbad anrichten will, hat psychische Probleme – Amok laufen kann einer auch mit dem Messer oder mit der Motorsäge!», sagt Monique Frischknecht.

Das Thema Waffen bleibt hoch emotional, jetzt kommt es zum Showdown: Linke, Grüne und Friedensbewegte, unzufrieden mit dem Verlauf der Waffendebatten in National- und Ständerat, wollen zu Pfingsten ihre angekündigte «Volksinitiative für den Schutz vor Waffengewalt» lancieren, welche die Sturmgewehre zur Aufbewahrung in «gesicherte Räume der Armee» verbannen will. Die Schützen im Land mobilisieren ihrerseits für das Eidgenössische Feldschiessen vom kommenden Wochenende, zum «grössten Schützenfest der Welt».

«In einer Zeit, da sich viele Leute und Kreise die Waffe und Munition ins Zeughaus wünschen, können wir die Tradition des Feldschiessens nur hochhalten, wenn möglichst viele daran teilnehmen», versucht der Aargauer SVP-Landammann Ernst Hasler seine Schützen zu motivie-
ren – trotz der schlechten Stimmung im Land. «Gewalt ist kein Thema im Schiesssport», erklärt Michel Ansermet, Silbermedailengewinner bei den Olympischen Spielen von Sydney 2000. «Leider wird heute oft nahezu aggressiv gegen uns argumentiert. Für mich liegt in jeder Aggression Unwissen, Nulltoleranz und sogar ein Manko an Intelligenz vor.»

Auf dem Land ist das alljährliche Feldschiessen ein sportlicher, gesellschaftlicher Anlass mit viel Folklore und Patriotismus geblieben, in der Stadt aber trägt man das Sturmgewehr nicht mehr so stolz wie früher: «Manch ein Zürcher Schütze nimmt einen Schleichweg zum Schiessplatz – aus Angst, dass er angemacht wird», bedauert Rita Fuhrer. «Dabei ist die Dienstwaffe nicht schuld daran, dass jemand zum Mörder wird. Dahinter stecken persönliche oder gesellschaftliche Probleme, die auf anderem Weg gelöst werden müssen.»

«Ein Soldat ohne Waffe ist kein Soldat», proklamierte kürzlich Armeechef Christophe Keckeis im SonntagsBlick-Interview. Oberst Jean-Jacques Joss, Kommandant des Kompetenzzentrums für Sport und Prävention der Armee, ist überzeugt, dass Schweizer Soldaten «grundsätzlich ein gesundes Verhältnis zur Waffe» haben. Und: «In der Schweiz finden Tötungsdelikte glücklicherweise seltener statt als im Ausland, obwohl in 36 Prozent der Haushalte eine oder mehrere Waffen aufbewahrt werden.» Dagegen würde weltweit gerade die Heimabgabe der Waffe «als Symbol der Wehrbereitschaft mit besonderer Achtung registriert», sagt der Oberst im Generalstab.

«Die Milizarmee braucht Soldaten, die auch treffen. Deshalb gehört die Ordonanzwaffe auf den Mann, nur so kann er regelmässig trainieren», sagt Jakob Büchler aus Schänis SG. Der CVP-Nationalrat und St. Galler Schützenpräsident ist Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission der Grossen Kammer und ein Mann mit einem feinen Gespür für die Stimmung im Lande: «Wir müssen eine politische Lösung finden», sagt er. «Denn wenn die Initiative zustande kommt, wird das eine hohe Hürde.» Er schlägt deshalb vor, das Gewehr zwar weiterhin abzugeben, die Munition aber in den sicheren Depots der Schützenvereine aufzubewahren. Einen entsprechenden Vorschlag will Büchler demnächst im Rat einbringen. Dies wäre ein Kompromiss, wie ihn ähnlich auch die Sicherheitspolitische Kommission des Ständerates vorschlägt.

Der Mythos vom allzeit bereiten Soldaten, der sich im Ernstfall mit Sturmgewehr und Taschenmunition zu seiner Einheit durchschlägt, verblasst. Mit Maximalforderungen läuft man angesichts der neuen Stimmung im Land gegen die Wand – diese Erkenntnis macht sich mehr und mehr auch in bürgerlichen Kreisen breit.

Nicht so bei den Hardlinern der Schiessszene Schweiz: «Die Heimabgabe der Waffe macht militärisch nur Sinn, wenn der Soldat oder Offizier für einen raschen, erfolgreichen Einsatz auch über die dazugehörende Taschenmunition verfügt», erklärt Ex-Nationalrat Willy Pfund aus Dornach SO. Der FDP-Mann ist Präsident von proTell, «der Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht», die sich «konsequent gegen jede Verschärfung des Waffenrechtes» einsetzt. «Eine Waffe ohne Verschluss oder ohne Munition wäre wie ein Auto ohne Räder oder ohne Benzin.»

«Jeder, der Dienst gemacht hat, will die Waffe behalten, mit der er so viele Tage verbracht hat», sagt Bauer und Feldschütze Ruedi Wittwer im idyllischen Blumenstein hoch über Thun BE. Bei ihm steht das Sturmgewehr im verspiegelten Schlafzimmerschrank: «Wenn einer käme und mir mein Gewehr wegnehmen würde, hätte ich meine Mühe ...» l

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