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Frank A. Meyer: Elite?

Aktualisiert um 00:15 | 12.07.2009
Man muss die Sätze feiern, wie sie fallen. Zum Beispiel die von Rolf Soiron, Verwaltungsratspräsident von Grossunternehmen wie Holcim, Lonza oder Nobel Biocare, künftig in Diensten des IKRK sowie Präsident von Avenir Suisse. Der gab gestern Samstag in der «Neuen Zürcher Zeitung» folgende Einsichten zur Kenntnis:

«Zwar haben wir die Masslosigkeiten aller Art gesehen. In privaten Diskussionen wurden sie denn auch angesprochen, aber öffentlich gemahnt haben zu wenige. Die Wirtschafts­elite hat ihr grösstes Aktivum nicht genutzt: die
Unabhängigkeit, die sie besitzt, wie sonst kaum jemand.»

Rolf Soiron formuliert in gewählten Worten, was sich auch deftiger sagen liesse: In den vergangenen zwanzig Jahren waren die Schweizer Wirtschaftsführer ein Haufen von Duckmäusern.

Hinter vorgehaltener Hand, in abgeschotteten Zirkeln, mit gesenkter Stimme wurde demnach schon lange kritisiert, was heute alle kritisieren: der Grössenwahn der globalisierten Finanzwirtschaft; die windigen Geschäfte der Hütchenspieler an Wall Street und Bahnhofstrasse; die unersättliche Gier der Geldherren.

Ja doch, es gab sie, die verantwortungsbewussten Patrons und die hellsichtigen Manager! Und sie ahnten frühzeitig, wohin der entfesselte Kapitalismus führen musste. Doch sie schwiegen...

Rolf Soiron erklärt in der «NZZ» auch, weshalb sie schwiegen: «Wer in den Jahren des Booms niedrigere Renditen produzierte, stand am Pranger und verlor seine Position.» Auch das lässt sich deutlicher sagen: Wer verantwortungsvoll wirtschaftete, wurde fertiggmacht, wer sich gegen die Machthaber des Kapitals auflehnte, wurde der Lächerlichkeit preisge-geben und ausgegrenzt.

Und darum also schwiegen sie, die Einsichtigen, die Vernünftigen, die Kritischen – Feiglinge allesamt!

Nun ist ihr Herz voll. Nun geht ihnen der Mund über. Mut brauchen sie dazu keinen mehr. Eigentlich bieten sie im Nachhinein einen schäbigen Anblick. Aber einen nützlichen. Denn er hilft, die Vergangenheit zu begreifen und sie aufzuarbeiten.

Zu dieser Vergangenheit gehört die Wirtschaftsorganisation Economie­suisse, die sich zum Hofhund der helvetischen Oligarchen abrichten liess. Zu dieser Vergangenheit gehört die Stiftung Avenir Suisse, die den marktradikalen Scharfmachern die ideologische Munition lieferte, als wissenschaftliche Expertisen verbrämt. Zu dieser Vergangenheit gehört die Wirtschaftsredaktion der NZZ, die in infantiler Verzückung die neoliberale Gebetsmühle drehte. Zu dieser Vergangenheit gehören Politiker wie Gerold Bührer, Rolf Schweiger oder Hans Kaufmann, die sich zu Dienstboten des neureichen Geldadels erniedrigten.

Fürwahr eine traurige, ja: eine jämmerliche Gesellschaft. Rolf Soiron nennt sie «Elite». Das ist der einzige falsche Begriff seines sonst so richtigen Befunds. Wirtschafts-Elite waren die­se Herrschaften nie und nimmer: Elite hat etwas mit intellektueller Qualität zu tun, mit gesellschaftlicher Verantwortung, mit Mass und Wert, auch mit Bildung, nicht zuletzt mit Zivilcourage.

Nein, die Schweiz hatte in den vergangenen 20 Jahren keine Wirtschafts-Elite. Sie hatte leider nur ein Establishment.
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Publizist Frank A. Meyer. (RDB/Sobli)
Publizist Frank A. Meyer. (RDB/Sobli)
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