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Der Comic-Held
SonntagsBlick Magazin: Herr Piccard, von wem stammt dieser Satz: «Bloss, um von mir etwas zu wissen, gebe ich keine Auskunft, da ich die Sensation hasse, die der Befriedigung des Lesers nur dient»?
Bertrand Piccard: (denkt nach) Das könnte Einstein gewesen sein.
Es war Ihr Grossvater.
Das hat mein Grossvater gesagt?
Ja, er schrieb es in einem Brief an die «Neue Augsburger Zeitung». Er könnte wohl nicht verstehen, dass Sie dieses Interview geben.
Er war ein Wissenschaftler und wollte mit Wissenschaftlern zu tun haben. Heute leben wir in einer anderen Welt. Es ist nicht mehr 1931. Wir leben in einer Welt, in der die Möglichkeiten erst durch Kommunikationskanäle entstehen, die unsere Botschaften weitergeben. Es ist wichtiger denn je, zu kommunizieren statt nur Wissenschaft zu betreiben.
Aber auch Ihr Grossvater war auf Sponsoren angewiesen.
Er wurde damals durch den wissenschaftlichen Forschungsfonds in Belgien unterstützt. Er ging sogar mit einer belgischen Fahne in die Stratosphäre.
Sie scherzen.
Nein, nein! Heute sind es auch nicht mehr die Regierungen, die für solche Abenteuer und Erforschungen das Geld geben, sondern Private.
Wie war das, als Sie Ihren Grossvater das erste Mal bei «Tim und Struppi» sahen, wo er das Vorbild für die Figur «Professor Bienlein» abgab?
Ich glaube, er wusste gar nicht, dass er «Professor Bienlein» war. Ich habe es wunderbar gefunden. Meine Kinder lieben es! Als meine älteste Tochter sechs Jahre war, hat sie mir gesagt: «Weisst du, Papa, du musst nicht traurig sein, dass dein Grossvater tot ist. Wann immer du willst, kannst du ihn bei «Tim und Struppi» sehen.»
In welchem Comic würden Sie gerne vorkommen? Bei «Superman»?
(Lacht) Es gibt noch keinen Comic über Nachhaltigkeit. Vielleicht müssen wir den noch erfinden, aber es gibt bei Star Trek ja schon Captain Jean-Luc Picard...
Wann haben Sie gemerkt, dass Piccard ein besonderer Name ist?
Das war, als mein Vater 1963/64 mit der Mésoscaphe das erste Touristen-U-Boot konstruiert hat. Da habe ich gemerkt, dass er ausserordentliche Sachen macht. Aber wirklich klar war es mir, als mein Vater und ich nach Cape Kennedy zu den Starts der Apollo-Missionen eingeladen wurden. Das war fantastisch! Wir haben Apollo 7, 8, 9, 10, 11 und 12 gesehen. Ich habe alle Astronauten kennengelernt und mir gedacht: Das ist ein tolles Leben!
Die Vision
Ich habe Flugangst. Wie überzeugen Sie mich, dass ich in Ihr Solar-Flugzeug einsteige?
Ich möchte Sie gar nicht überzeugen. Es gibt schon so viele Bewerbungen. Ich bin sehr froh, dass Sie kein neuer Kandidat sind, der die Solar Impulse auch noch fliegen will (lacht).
Wann lernt Ihr Baby gehen – oder eben: fliegen?
Wir sind jetzt in der Konstruktionsphase. Die ersten Testflüge sind für Ende Sommer nächsten Jahres geplant. Mein Partner André Borschberg hat ein wunderbares technisches Team zusammen gestellt und zusammen kommen wir gut voran.
Was wollen Sie der Menschheit mit Solar Impulse zeigen?
Das Ziel ist nicht nur, dass wir ohne Treibstoff um die Welt fliegen. Es geht auch darum, dass die Menschen auf dem Boden unten unser Abenteuer verfolgen und sich fragen: Wie kann ich dasselbe in meinem eigenen Leben machen? Wie kann ich Energie sparen? Wie kann ich erneuerbare Energien und neue Technologien nutzen, um noch umweltfreundlicher sein zu können?
Sie nehmen sich ziemlich viel vor.
Es ist für alle dieselbe Herausforderung: Wenn der Pilot während der Nacht zu viel Energie braucht, sind die Batterien noch vor dem nächsten Sonnenaufgang leer und das Flugzeug stürzt ab. Wenn die Menschen weiterhin so viel Energie brauchen und keine Fortschritte machen, erneuerbare Energien zu nutzen, wird es ebenfalls zu einer Katastrophe kommen, bevor wir die Erde der nächsten Generation übergeben.
Warum macht die Menschheit die Erde kaputt, wenn sie doch weiss, dass es nur eine gibt?
Weil viele Menschen nur kurzfristige Visionen haben! Es gibt einen Mangel an langfristigen Visionen. Die Leute machen immer dasselbe. Es wiederholt sich. Sie machen es so, wie es halt die Mehrheit macht. Dabei sind erneuerbare Energien attraktiv, sexy und profitabel. Sie sind keine Bedrohung für unsere Mobilität. Hier geht es um das Abenteuer des 21. Jahrhunderts.
Sie kommen mit Ihrem Projekt im richtigen Moment: Waldbrände, Überschwemmungen, Wirbelstürme, Schlammlawinen, Vulkanausbrüche...
…eben! Dabei hatte ich die Idee für Solar Impulse schon vor zehn Jahren. Das Bewusstsein zu haben und darüber zu reden, ist nicht genug. Es ist noch viel zu wenig gemacht worden. Jetzt müssen wir handeln, weil die Zukunft unserer Gesellschaft von erneuerbaren Energien und Technologien abhängig ist.
Ihr Grossvater hält den Höhenrekord, Ihr Vater den Tiefenrekord und Sie selbst halten den Längenrekord. Was bleibt da noch für Ihre Töchter übrig?
Die Erforschung von besserer Lebensqualität. Das gilt nicht nur für meine Töchter, sondern für alle Kinder. Das geht von erneuerbaren Energien über den Kampf gegen Armut bis hin zu besseren Regierungen. Das sind die Abenteuer des 21. Jahrhunderts.
Was läuft denn falsch in der Politik?
«Good Governance» ist mehr als ein Schlagwort. Es braucht Regierungen mit mehr Respekt vor den Menschenrechten und mit mehr Visionen. Es braucht Politiker, die ihren Job nicht nur für sich selber, sondern für die Menschen machen. Es gibt so viel zu tun!
Die grossen Fragen
Ich habe gelesen, dass Sie auf langen Spaziergängen mit Ihrer Mutter sehr viel philosophiert haben. Über was?
Dass es wichtig ist, den Sinn des Lebens zu suchen. Es gibt viele Menschen, die Angst davor haben, sich zu fragen, weshalb wir auf dieser Erde sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Dabei sind das die grossen Fragen!
Nur findet man nicht immer Antworten.
Richtig. Das Entscheidende ist: Wir müssen lernen, Zweifel zu akzeptieren. Auch darüber habe ich sehr viel mit meiner Mutter gesprochen.
Sie leben Ihren Traum. Kann man das lernen?
Wir sollten mehr Spiritualität in unser Leben bringen. Das Materielle ist wichtig, aber es kann nicht das Einzige sein. Ob in der Erziehung, in der Familie oder bei der Ausbildung: Wir müssen mehr Platz lassen für Spiritualität. Viele Menschen haben ihre Wurzeln verloren.
Wie gehen Sie mit der Verehrung für Ihre Person um? Oder kennen Sie jemanden, der Sie tatsächlich nicht mag?
Es gibt sicher Leute, die nicht mögen, was ich tue und wer ich bin.
Trotzdem: Sie werden nicht öffentlich kritisiert. Das gibt es sonst nur bei modernen Helden.
Ich habe auch schon Menschen getroffen, die glauben, ich mache das alles nur für meinen persönlichen Ruhm. Dabei ist die Botschaft dahinter viel wichtiger. Und es gibt auch neidische Leute, die etwas nur deshalb nicht gut finden, weil sie es nicht selbst gemacht haben.
Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten: Wo würden Sie hin wollen?
(Denkt nach) In die Zeit der Flugpioniere Anfang des 20. Jahrhunderts. Das müssen unglaubliche Momente gewesen sei, als die ersten Flugzeuge in die Luft gingen. Die Menschen damals haben sehr viele Risiken auf sich genommen. Aber das war der Preis für den Fortschritt.
Lesen Sie das gesamte Interview im SonntagsBlick Magazin Ausgabe 37/2007