Walter Kielholz, Präsident Swiss Re «Es droht eine Zweiteilung der Gesellschaft!»

  • Aktualisiert um 17.34 Uhr
  • Interview: Hannes Britschgi, Roman Seiler

Der Banken- und Versicherungsmanager Walter Kielholz nimmt im Gespräch mit SonntagsBlick zu den zwei wichtigsten WEF-Themen Stellung: Banken- und Wirtschaftskrise.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprach am WEF vom «entarteten Kapitalismus». Er fragte, wie die Wirtschaft wieder in den Dienst der Menschheit gestellt werden kann. Was antworten Sie ihm?
Walter Kielholz
(schmunzelt): Das war eine ausgesprochen charmante Eröffnungsrede. Es stimmt: Fehlentwicklungen, insbesondere im Finanzsektor, gilt es zu korrigieren.

50 Prozent der Wirtschaftsführer im Saal applaudierten nach Sarkozys Banker-Bashing. Applaudierten auch Sie?
Selbstverständlich. Sarkozy hat viel Zutreffendes gesagt. Vieles war populistisch. Aber das war zu erwarten.

Sarkozy verlangt mehr Moral und Ethik in der Wirtschaft.
Das tönt gut. Aber wer definiert die Moralbegriffe? Die Wertediskussion sollte individuell geführt werden und nicht auf der Stufe der Politik.

Kritisiert wird die Unmoral der Bankenchefs, weil sie wieder horrende Boni zahlen.
Von Boni zu sprechen, ist falsch. Das sind flexible Lohnanteile, die bis tief unten in der Belegschaft üblich sind. Grosse variable statt hohe Fixkosten zu haben, ist auch für Finanzinstitute ein Vorteil. Bei Swiss Re und CS haben wir längst begonnen, diese Vergütungen an die Mitarbeiter zu flexibilisieren, wobei die Entschädigung konsequent an die Leistung des Unternehmens über einen längeren Zeitraum gekoppelt sein muss.

CS-Chef Brady Dougan soll 50 Millionen kassieren. Wie erklären Sie das einem Arbeitnehmer?
Der genaue Betrag ist noch nicht bestimmt. Brady Dougan wurde vor fünf Jahren sein variables Gehalt in Aktien zugeteilt, zu einem Zeitpunkt, als andere Banken ihre Chefs in bar und sofort auszahlten, notabene in ähnlichen Grössenordnungen. Unser Beteiligungssystem ist langfristig ausgelegt und an die Leistung der Bank gebunden – und an den Aktienkurs im Vergleich zur Konkurrenz. Die Papiere waren gar eine Zeit lang wertlos.

Heute sollen sie 35 Millionen Franken wert sein.
Jetzt sind sie wieder etwas wert. Angesichts der Leistung Brady Dougans habe ich wenig Verständnis für undifferenzierte Kritik an seinen Bezügen. Er hat die Bank dahin geführt, wo sie heute steht. Davon profitieren alle Anspruchsgruppen, vor allem auch der Aktionär.

Die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Daher warnt Sarkozy, dass es zu sozialen Krisen, zu Unruhen kommen könne, wenn die Boni nicht beschränkt würden.
Soziale Unruhen sind nur eine Komponente. Es droht eine Zweiteilung der Gesellschaft. Die einen haben Arbeit, die anderen nicht. Das ist insbesondere bei der Jugendarbeitslosigkeit ein grosses Problem, die sich in gewissen europäischen Ländern auf bis zu 40 Prozent beläuft. Diese Sorge stand im Vordergrund, nicht das Banker-Bashing.

Die Banken müssen sich wieder um die Wirtschaft kümmern.
Es geht darum, das Finanzsystem wieder in den Dienst der Wirtschaftsfinanzierung zu stellen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auch in den Teilen der Welt wie Europa, wo in den letzten zehn bis zwanzig Jahren bei der Produktion massiv abgebaut worden ist.

Das WEF-Motto lautet: «Überdenken, umgestalten, erneuern». Insbesondere gilt das für die Finanzbranche. Welche neuen Regeln machen Sinn?
Bei allen Regulierungen gilt es abzuwägen, wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten sind und welche Effekte sie erzielen. Wenn wir den Finanzsektor massiv einschränken, hat das Auswirkungen auf die reale Wirtschaft. Wenn man das in Kauf nehmen will, muss man dafür gute Argumente haben. Diese Debatte findet in der Öffentlichkeit nicht statt.

Lassen Sie uns also über Kapital und Liquiditätspolster reden.
Das Kapital und die Liquiditätspuffer zu erhöhen, ist sicher sinnvoll. Es bleibt die Frage des Ausmasses. Bis anhin mussten wir liquide Mittel in der Höhe von 15 Prozent unserer Kundeneinlagen halten. Neu sollen es rund 50 Prozent sein. Das könnte zu einer Verknappung der Kreditvergabe und damit zu höheren Zinsen für Ausleihungen führen.

Braucht die Versicherungsbranche mehr Kapital?
Nein. Angesichts des Ausmasses der Finanzkrise hat sich die Versicherungsbranche bemerkenswert gut geschlagen. Schon zuvor hat die Branche etliche Stresssituationen überstanden, ohne in ihrer Funktionsfähigkeit gefährdet worden zu sein: so etwa die verheerenden Anschläge auf das New Yorker World Trade Center im September 2001.

Sie haben die Kapitalerfordernisse massiv kritisiert.
Ich war gegen die Einführung der Leverage Ratio, also eines bestimmten Verhältnisses zwischen Eigen- und Fremdkapital. Das ist ein schlechtes Mass, weil es die eingegangenen Risiken einer Bank nicht gewichtet. Jeder regulatorische Eingriff ist eine Debatte wert. Wir äusserten unsere Meinung. Wenn aber ein Eingriff beschlossen ist, setzen wir ihn um, ohne zu murren.

Aber wie verkleinert man die globalen Grossbanken, damit sie nie wieder vom Staat gerettet werden müssen?
Die Debatte ist in vollem Gang. Offen ist, was dabei herauskommt. Ich kenne die Vorstellungen des Beraters von US-Präsident Barack Obama gut. Ex-Zentralbanker Paul Volcker sass im Beirat der Swiss Re. Er will unterbinden, dass Universalbanken Wertschriftenhandel auf eigene Rechnung tätigen, also Eigenhandel und Beteiligungsgeschäfte. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Deshalb haben wir bei der CS ja auch den Eigenhandel eliminiert, der in keinerlei Bezug zum Kundengeschäft steht.

Das Bankgeheimnis ist angeschlagen. Was bedeutet das für den Finanzplatz?
Das klassische Bankgeheimnis ist insbesondere für die Grossbanken heute weniger wichtig, weil diese die Vermögensverwaltung auch im Ausland anbieten. Doch der Schutz der Privatsphäre durch das Bankgeheimnis bleibt sehr wertvoll.

Der neue Präsident der Bankiervereinigung, Patrick Odier, fordert Banken auf, ihre Kunden zu fragen, ob ihr Geld versteuert ist.
Es ist nicht die Aufgabe von Banken, Kunden zu fragen, ob ihr Geld versteuert ist. Der mündige Kunde ist selbst verantwortlich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man das überprüfen soll. Das ist nicht durchführbar.

Wechseln wir das Thema: Wo stehen wir wirtschaftlich, anderthalb Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise?
Ich bin eher optimistisch. Insbesondere für die Schweiz, wenn wir klären, wie das künftige Verhältnis mit anderen Staaten, insbesondere in Europa aussieht. Zudem müssen wir sicherstellen, dass die Schweiz eine offene Volkswirtschaft bleibt und die Personenfreizügigkeit funktioniert. Das sichert Arbeitsplätze. Wenn wir das in den Griff bekommen, wird unser Land in einer hervorragenden Position sein.

Wir müssen wieder über den EU-Beitritt reden?
Wir müssen unsere Beziehung zur EU wieder stärker thematisieren, auch wenn die Diskussion politisch zurzeit schwierig ist. Aber jeder weiss, wie wichtig die EU-Länder für unsere Wirtschaft sind. Deshalb müssen wir unser Verhältnis mit der EU massiv verbessern, auch im Ton. Wir können nicht immer von unseren Alphöhen «abe wäffele».

Welche ganz persönliche Lehre ziehen Sie aus der Finanzkrise?
Es war nicht die erste Krise, die ich erlebt habe. Ich war immer bestrebt, kühlen Kopf zu bewahren und rational mit den Problemen umzugehen. Meine Moral ist gut: Ich schaue nach vorne. Wichtig ist, dass man Risiken möglichst gut kalkuliert und auf Krisen vorbereitet ist. Trotz Milliardenverlusten hat sich die CS im internationalen Vergleich hervorragend gehalten. Angesichts der Krise habe ich schon sehr früh das Kapital massiv erhöhen lassen. Innerhalb der Branche erhielten wir Komplimente dafür, wie wir das gemacht haben.

Bei Swiss Re gab es Proteststürme.
Die Reaktion auf den einmaligen Verlust war übertrieben. Dadurch kamen wir im Frühjahr 2009 stark unter Druck. Aber die Situation konnte rasch korrigiert werden und hat sich mittlerweile deutlich verbessert.

Persönlich

Walter Kielholz (59) studierte in St. Gallen Betriebswirtschaft. Seine Karriere startete er 1976 bei einem Rückversicherer. 1983 eröffnete er mit seiner Frau Daphne eine Kunstgalerie. Seit 1986 war Kielholz für Credit Suisse (CS) und Swiss Re tätig. Letztere führte er bis 2002 operativ. 2003 bis 2009 war er Präsident der CS, heute ist er Mitglied des CS-Verwaltungsrates und VR-Präsident der Swiss Re. Zudem präsidiert er die Zürcher Kunstgesellschaft.
Engagiert: Hannes Britschgi und Roman Seiler vom SonntagsBlick mit Walter Kielholz (v. l.).- Sabine Wunderlin

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