Heinz Karrer, Axpo-Chef «Gösgen kann nicht gebaut werden»

  • Publiziert: 13.07.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Interview: Hannes Britschgi und Johannes von Dohnànyi
play Heinz Karrer: «Es geht um den Wohlstand unseres Landes»
(Goran Basic)

Axpo-Chef Heinz Karrer sieht keine Chance für neue AKWs, wenn sich die Energie-branche nicht einigt. Atel ist mit seinem Gesuch für Gösgen vorgeprescht. Axpo und BKW suchen jetzt mit Atel einen gemeinsamen Weg.

Auf einmal tun es alle: Kanzlerin Angela Merkel (53) in Berlin ebenso wie Grossbritanniens Premier Gordon Brown (57) und George W. Bush (62) im Oval Office des Weissen Hauses. Beim jährlichen Stelldichein der acht grössten Industrienationen (G-8) vor einer Woche im japanischen Toyako taten sie es gemeinsam: Alle reden über die Atomenergie. Seit die Weltmarktpreise für fossile Energieträger von einem Rekordhoch zum nächsten jagen, wird die Hass-Technologie der vergangenen Jahrzehnte – trotz Tschernobyl (UA) und Harrisburg (USA) – zum rettenden Strohhalm der energiehungrigen Industrie- und Schwellenländer stilisiert. Die neue Atom-Euphorie hat auch die Schweiz erfasst. Und das, obwohl die Probleme die alten sind. Vor allem die Entsorgung des Atommülls bleibt ungeklärt.

Heinz Karrer, Atomkraft ja bitte oder Atomkraft nein danke! Wo steht die Schweiz in dieser Frage?
Heinz Karrer: Wenn man den Umfragen Glauben schenkt, dann nimmt die allgemeine Akzeptanz von Atomkraftwerken in den letzten beiden Jahren zu.

Das hat sich erst dieser Tage wieder auf dem G-8-Gipfel in Japan gezeigt: eine Renaissance der Atomenergie?
Es stimmt schon, dass die Kernkraft wieder ein Thema ist. Dies aus drei Gründen: Ressourcenverknappung, Klimaänderung, Wirtschaftlichkeit.

Und ausgerechnet in diese Aufbruchstimmung platzt jetzt der schwere Störfall im südfranzösischen AKW-Komplex Tricastin.
Nach Informationen der Aufsichtsbehörde war es kein schwerer Störfall.

Also volle Entwarnung, obwohl dort am Dienstag 30000 Liter uranverseuchter Flüssigkeit ausgetreten sind?
Es gibt nichts zu beschönigen. Mit Störfällen muss immer gerechnet werden. Die Anlagen sind deshalb technisch für solche Ereignisse konzipiert. Die Technik muss so redundant ausgelegt sein, dass sie auch mit menschlichen Fehlern fertig wird.

Genau das hat die angeblich so tolle französische Atomtechnologie nicht geschafft. Wenn Flüsse und Badeseen gesperrt werden müssen, ist das alles andere als vertrauensfördernd.
Der Störfall in Frankreich hat gemäss Aufsichtsbehörde nicht das Kernkraftwerk selber betroffen. Es ging um einen Vorlieferanten.

Beruhigend ist das nicht.
Sie haben selbstverständlich recht. Aber vergessen wir nicht, dass es solche Vorfälle in anderen Industriesektoren auch gibt. Unsere Gesellschaft lernt aber mit Risiken umzugehen.

Sie sind ja nun schon einige Jahre in der Mission neue AKW unterwegs. Wie reagieren denn die Schweizer auf Ihre Auftritte als Mister Kernkraft?
Oft mit einem gewissen Aha-Erlebnis. Das Wissen um das Thema Strom und Stromversorgung ist in der Vergangenheit allgemein nicht sehr gross gewesen.

Avenir-Suisse-Direktor Thomas Held sagt, die Jüngeren hätten ein viel entspannteres Verhältnis zur Atomkraft. Sehen Sie das auch so?
Ich teile diese Auffassung. Denn ich sehe das immer wieder auch bei Diskussionen etwa in Schulen. Da finde ich sehr oft Neugier und den Versuch, die Dinge besser zu verstehen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.

439 AKW produzieren weltweit jährlich 70 Tonnen hoch radioaktiven Plutonium-Mülls. Dafür gibt es weltweit kein einziges Endlager. Das gibt vielen Leuten schwer zu denken. Für die sind vage Versprechungen auf irgendwelche zukünftigen Hightech- Lösungen kein Trost.
Sie haben nur auf den ersten Blick recht. Denn bis heute hat es noch kein Lager gebraucht. Zuerst müssen die Abfälle in einem Zwischenlager jahrzehntelang abkühlen. Vor 2040 wird ein solches Lager für hoch aktive Abfälle nicht benötigt. Es ist überdies wichtig, die beste Lösung über viele Jahre zu erforschen, um sie dann, wenn man sie benötigt, realisieren zu können.

Es läuft immer auf eines hinaus: Die wesentlichen Fragen der Endlagerung sind nicht gelöst.
Die KKW-Betreiber haben eine von international führenden Experten und schliesslich auch vom Bundesrat anerkannte Lösung vorgelegt, den sogenannten Entsorgungsnachweis. Zudem sind 95 Prozent dieser Abfälle reine Energie, die mit künftigen Technologien wiederverwendet werden könnten. Und schon heute gibt es Verfahren, die es ermöglichen, die Langlebigkeit auf wenige hundert Jahre zu reduzieren. Die Entsorgungsfrage bleibt aber ein ganz sensibler Punkt. Es ist, wie es ist.

Man weiss, dass gerade Frauen gegen Kernkraft sind. Sie sehen die Gefahr für viele kommende Generationen. Wie wollen Sie die Frauen überzeugen? Ihr Charme allein wird nicht reichen.
Ich hoffe, dass alle unsere Informationen dazu dienen, dass die Menschen sich ihre eigene Meinung bilden können. Es gibt keine Technologie, die nur Vor- oder nur Nachteile hat. Die Atmosphäre könnte man ja auch als Endlager für das CO₂ bezeichnen. Da hat man sich früher einfach weniger Gedanken drum gemacht. Das ist eine ganz schwierige Diskussion, die aufzeigt, in was für einem Dilemma wir eigentlich stecken.

Wann reichen Sie die Rahmenbewilligungsgesuche für Ihre zwei neuen AKW ein?
Wir haben schon vor zwei Jahren gesagt, dass wir spätestens Ende 2008 zwei Rahmenbewilligungsgesuche einreichen werden. Es geht um den Ersatz der beiden älteren Atomkraftwerksanlagen. Die beiden Beznau-Blöcke sind 1969 und 1971 ans Netz gegangen. Mühleberg dann 1972.

Wann genau liegen Ihre Gesuche auf dem Tisch?
Allerspätestens bis Ende Jahr.

Lesen Sie das vollständige Interview im SonntagsBlick

Persönlich

Heinz Karrer wurde am 10. Mai 1959 in Andelfingen ZH geboren. Der breiten Öffentlichkeit wurde er Ende der 70er-Jahre als Mitglied der Handball-
Nationalmannschaft bekannt. Eine der Karrierestationen des studierten Nationalökonomen war in den 90er-Jahren der Vorsitz der Unternehmensleitung Ringier Schweiz. Mit seiner Frau Sonja hat Karrer drei Kinder.
play Strombaron Heinz Karrer empfing die Redaktoren von Dohnányi (l.) und Britschgi in seinem Büro im aargauischen Baden (Goran Basic)

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