Weil Energiesparen nur Ärger gibt 1,5 Mio Wohnungen verlottern

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • von silvio bertolami

ZÜRICH – Heizung, Warmwasser, Strom – in den Häusern und Wohnungen schlummert ein riesiges Energiesparpotenzial. Doch die Eigentümer schöpfen es nicht aus. Sie lassen ihre Liegenschaften lieber verlottern.

Gebäude, die bisher nicht renoviert wurden, sind schlimme Energieverschwender. Sie brauchen doppelt so viel Öl, Gas und Strom, als nötig wäre. Das geht aus einer Studie der kantonalen Energiefachstelle hervor.
Titel: «Gebäude erneuern – Energieverbrauch halbieren».

Tatsache ist jedoch: Es wird viel zu wenig renoviert. «Der Gebäude-Bestand ist zunehmend am Verlottern», stellt Philipp Müller (Bild) fest. Der freisinnige Nationalrat und Generalbauunternehmer aus dem Aargau nennt Zahlen, die zu denken geben:
1994 gab es in der Schweiz 1078000 Wohnungen, die 25 Jahre oder länger nicht renoviert worden waren. 2004 gab es schon 1553000 solcher Wohnungen. Innert zehn Jahren ist ihr Anteil am gesamten Wohnungsbestand von 33 Prozent auf 42 Prozent gestiegen.

Warum renovieren die Hauseigentümer nicht mehr? Warum werden viel zu wenig Liegenschaften auf einen modernen energietechnischen Stand gebracht?

Weil es nicht rentiert, sagt Ansgar Gmür vom Hauseigentümer-Verband: «Unser Vizepräsident Jürg Pfister hat es sehr genau ausgerechnet. Er besitzt selber Hunderte von Wohnungen, die er von Zeit zu Zeit renoviert. Und er sagt: Die energiesparenden Massnahmen sind bis heute nicht rentabel, auch mit dem heutigen hohen Ölpreis nicht.» Auch ein allfälliger Zustupf von der Stiftung Klimarappen ändere an diesem Befund nichts.

Philipp Müllers eigene Erfahrungen sind anders: Er hat zum Beispiel in Döttingen AG vier eigene Blöcke mit insgesamt 48 Wohnungen energietechnisch saniert. Kostenpunkt: 1,2 Millionen Franken. Dafür gab es eine Steuerreduktion von gut 300000 Franken. Der Wert der Häuser stieg um 600000 bis 800000 Franken. Die Wohnungen wurden attraktiver, das Leerstandsrisiko sank massiv. Und spätestens bei einem Mieterwechsel kann der Mietzins um 50 bis 70 Franken erhöht werden. «Sanierungen sind also sehr wohl rentabel», sagt Müller.

Nur sind sie oft mit viel Ärger verbunden: Streit mit dem Steueramt darüber, was abgezogen werden kann und was nicht. Auseinandersetzungen mit den Mietern über Mietzinsaufschläge. Und es verstreichen Jahre, vielleicht Jahrzehnte, bis die Investitionen amortisiert sind.

Deshalb sagen sich die meisten Hauseigentümer: «Warum soll ich renovieren? Die Heizkosten zahlen ja die Mieter.»

«Es braucht deshalb höhere Anreize», ist Philipp Müller überzeugt, «fiskalische Anreize. Eine Möglichkeit: Hauseigentümer, die einen bestimmten Betrag ins Energiesparen investieren, sollten mehr als 100 Prozent von der Steuer absetzen können. Bei einer Investition von 100000 Franken zum Beispiel 120000 Franken.»

Gebäuderenovation: eine kostspielige Sache, die viele Hauseigentümer scheuen.- Dominik Baumann

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