Einblick Schlagende Erziehung

  • Publiziert: 13.10.2006, Aktualisiert: 02.01.2012
  • VON JÜRG RAMSPECK

Eines Tages bekam ich von meinem Vater eine Ohrfeige, weil Frau Zigerli behauptete, ich hätte ihr das Küchenfenster eingeschlagen. Frau Zigerli stand aufgebracht unter unserer Wohnungstüre und
bezichtigte mich. Obwohl ich mich unschuldig erklärte und Frau Zigerli auf Kurtli Rüfenacht und Heinzli Lindenmann als andere in Frage kommende Delinquenten aufmerksam machte, gab mir mein Vater eine Ohrfeige. Später wurde mir klar, dass sie keineswegs meiner Bestrafung, sondern lediglich der Verfahrensabkürzung gedient hatte: Indem Frau Zigerli sah, wie ich gezüchtigt wurde, hoffte mein Vater, ihr Verlangen nach Rache zu stillen und sie selbst unter der Wohnungstüre loszuwerden.

Mir ist diese Ohrfeige aber vor allem deshalb in lebhafter Erinnerung geblieben, weil sie die einzige war, die ich im Rahmen meiner Kindheit bezog. Heute muss ich es bedauern, dass Frau Zigerli meinem Vater nicht viel häufiger Gelegenheit bot, zum Zwecke ihrer Loswerdung standrechtlich Urteile an mir zu vollziehen. Denn wie die US-Autorin Eve Tahmincioglu in einem Buch jetzt belegt (es stand im BLICK), zeichnen sich die grossen amerikanischen Wirtschaftsbosse mehrheitlich dadurch aus, dass sie in ihrer Kindheit überdurchschnittlich oft geprügelt worden sind.

Offensichtlich ist eine schlagende Erziehung die beste Voraussetzung für einen wirklich durchschlagenden Erfolg im Leben. Frau Zigerli hätte noch drei weitere Fenster, eine Hausglocke, eine unsympathische Katze und eine sorgfältig gepflegte Ligusterhecke zu eingehender Bearbeitung im Angebot gehabt. Aber die Kleinen werden ja nie zu etwas richtig
Gescheitem ermutigt.

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