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SonntagsBlick Magazin: Sie gelten als tierlieb. Mögen Sie auch Heuschrecken?
Roger Schawinski: Grasshoppers? Nein, ich bin ja Fan vom FC Zürich.
Hedgefonds-Heuschrecken haben Sie aber vertrieben?
Als ich im letzten Herbst erkannte, dass ProSiebenSat.1 wieder an Finanzinvestoren verkauft werden sollte, wollte ich das nicht mehr mitmachen und habe meinen auslaufenden Vertrag nicht verlängert.
Ein glückliches Timing?
Ja. Wie schon beim Verkauf meiner Firmengruppe im Sommer 2001 erwischte ich auch hier wohl den idealen Zeitpunkt.
Und jetzt machen Sie sich mit Ihrem Buch «Die TV-Falle» auch nicht gerade Freunde.
Das war in meinem Leben nie mein oberstes Ziel. Aber auch mit dem Buch stimmt das Timing, glaube ich.
Sie waren Inhaber von Radio 24 und Tele 24, wurden dann Angestellter.
Ja. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Auf was ich mich da bei Sat.1 wirklich einlassen würde, ahnte ich nicht. Es wurden aber drei der spannendsten Jahre meines Lebens.
Ein Alphatier lernte Teamwork?
Ich bin ein recht guter Teamworker. Nun galt es nicht nur gegen unten zu kommunizieren, sondern auch gegen oben.
Und jeden Morgen kam die Dusche: die Quoten vom Vortag.
Das war Stress pur. Jeden Morgen zu wissen, wie es gestern gelaufen ist. Manchmal löste das bei mir Euphorie aus, hie und da Verzweiflung.
Glauben Sie an Quotenzählerei?
Ja. Absolut. Ich hatte mal einen Sportmoderator in der Newssendung. Der musste noch nicht mal den Mund aufmachen, schon sauste die Quote um 200 000 Zuschauer nach unten. Die Auswertung zeigte das sekundengenau. Den habe ich ausgewechselt.
Ist der Zugriff von deutschen Politikern auf Sender direkter als in der Schweiz?
Ja. Deutsche Politiker nehmen Fernsehen viel wichtiger, sind gesellschaftlich enger mit Journalisten verbandelt. Bei uns in der Schweiz kümmern sich Politiker doch kaum ernsthaft um Medienschaffende.
Ihre Bekanntheit in Deutschland begann mit einem Paukenschlag. Dank Harald Schmidt ...
...wegen Harald Schmidt, nicht dank. Dank habe ich ihm keinen auszusprechen. Er benutzte den Senderchef-Wechsel, um seinen gloriosen Abgang hinzulegen – und ich hatte tatsächlich einen miserablen Start. Später sagte er zu mir selbstironisch: «Erfolgreich wird ein Sender erst, wenn ich weg bin.»
Lese ich Ihr Buch richtig, dann waren Sie ununterbrochen unterwegs.
Ich war immer im Flieger, bis zu acht Mal die Woche. Sat.1 hat ein Produktionsvolumen von mehreren Hundert Millionen Euro. Wir produzierten enorm viele Filme, Shows und Serien.
Ihr Credo ist: Pflege die Gesichter des Senders. Zum Beispiel den «Bullen von Tölz», Ottfried Fischer.
Diese Geschichte erzähle ich in meinem Buch als Beispiel, um zu beschreiben, welche Macken und Allüren Fernsehstars haben können, und wie der Senderchef seine Quotenbringer pausenlos bei Laune halten muss. Bei Otti war das noch schwieriger als sonst, da seine Frau Renate auch seine Managerin war. Das führte zu einigen echt grotesken Situationen.
So mussten Sie mit ihr auf einem Tisch auf dem Oktoberfest tanzen ...
... einen Tag nach meiner Meniskus-Operation. Das war Einsatz total. Die Stars verlangen eben ein 24-Stunden-Wohlfühlpaket mit Chefarzt-Behandlung durch den obersten Mann im Sender.
Werden Stars in der Schweiz nicht gepflegt?
Ohne Konkurrenz muss man auch nicht um seine Stars kämpfen.
Sie sind News-Junkie. Schmerzt es Sie, dass Sat.1 die Nachrichtenredaktion gefeuert hat?
Gefeuert wurde nur der News-Anchor, nicht die ganze Redaktion. Aber das war schon ein klares Statement. Ein Sender, der in der ersten Liga spielen will, braucht Glaubwürdigkeit. Die ist nur langfristig aufzubauen, aber sie ist sehr schnell zerstört. Ich finde den Weg, den Sat.1 jetzt einschlägt, nicht besonders weitsichtig.
Könnte Sat.1 die Sende-Konzession verlieren, wenn er auf News verzichtet?
Nein. Das war eine typische Überreaktion von gewissen Politikern.
Ist mit Journalismus im Fernsehen überhaupt noch Geld zu verdienen?
Solange Nachrichtensendungen nicht durch Werbung unterbrochen werden dürfen, ist es schwierig. Aber es ist wichtig fürs Gesamtangebot.
Alles muss jung, jung, jung sein.
Bezahlt wird bei Spots nur für Zuschauer bis 49 Jahre. Das ist sehr konservativ gedacht, und passt eigentlich nicht zu den hippen Werbern. Mittelfristig wird man sich den realen Verhältnissen annähern müssen.
Schlägt die Quote die Qualität?
Bei Sat.1 waren nicht die Quote und die Qualität das Problem, sondern die Rendite-Erwartungen der Financiers.
Was war denn ihre Vorgabe?
Als ich Sat.1 übernahm, verdiente der Sender mickrige vier Millionen im Jahr, als ich aufhörte waren es 204 Millionen. Das entspricht einer Gewinnmarge von 24 Prozent und ist Rekordresultat. Nun verkünden die neuen Besitzer: Das ist zu wenig, und entlassen deshalb viele Mitarbeiter. Da komme ich nicht mehr mit.
Wie viel Gewinn machten Sie in Ihren drei Jahren bei Sat.1?
Insgesamt waren es 450 Millionen Euro. Das hat massgeblich mitgeholfen, den Wert der gesamten Firmengruppe massiv zu steigern. So vervierfachten die Besitzer ihren Einsatz innert drei Jahren.
Der Abgang von Sat.1-Eigner Hain Saban hat Sie enttäuscht?
Ich fand es ja noch okay, dass er und seine Partner freiwillig 23 Millionen – etwa ein Prozent ihres Gewinns – an die Mitarbeiter ausschütteten. Davon kassierten aber dann die vier Herren des Vorstands 95 Prozent, für alle anderen 3000 Mitarbeiter blieben je 400 Euro. Auch ich hätte so viel bekommen. Da war ich froh, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dabei zu sein.
Dann müssten Sie Herrn Saban eine Rechnung schicken ...
... die er natürlich nie bezahlen würde. Aber er hat alle vertraglich vereinbarten Bedingungen bis aufs Komma erfüllt.
Sie selbst haben Radio 24 und Tele 24 an Tamedia auch nicht billig verkauft!
Ich habe zum richtigen Zeitpunkt an den verkauft, der es unbedingt haben wollte. Dafür habe ich 25 Jahre hart gearbeitet. Und ich habe zehn Prozent meines Erlöses an meine Mitarbeiter verteilt. Das waren bei langjährigen Mitarbeitern zum Teil sechsstellige Beträge.
War es in Deutschland ein Vorteil, dass Sie Schweizer sind?
Die nahmen mich anfangs nicht ernst. Die Schweiz ist nicht gerade bekannt für gutes Fernsehen. Mit der Zeit wuchs der Respekt.
Wie werden eigentlich die Rechte für Fussball gedealt?
Es geht um Hunderte von Millionen. Fussball ist fürs Privatfernsehen ein Verlustgeschäft. Da geht es allein ums Prestige.
In Ihrem Buch werden Sie wütend, wenn es um den deutschen Rundfunkvertrag geht. Der schreibt vor, dass private Sender unabhängigen Dritten Sendezeit zur Verfügung stellen – und diese Sendungen auch noch voll finanzieren müssen.
Genau. Als grosser Privatsender muss man diese Sendungen ins Programm nehmen, die ein Dritter machen darf. Da werden Sender mit überhöhten Preisen abgezockt. Das sind echte Pfründe. Dass niemand darüber schreibt, ist klar. Der «Spiegel» ist dabei, die «Süddeutsche Zeitung», der «Focus», eigentlich fast alle. Die haben zwar die schärfsten Medienjournalisten im Land, aber über dieses Thema schreiben die nie. Daher war es mir wichtig, in meinem Buch diesen Sumpf endlich publik zu machen.
Das ist Ihnen gelungen. Was kommt jetzt?
Um von Sat.1 Abschied zu nehmen, war es meine Therapie, dieses Buch zu schreiben. Aber jetzt, ganz ehrlich, kribbelts schon wieder, was Neues zu machen.
In Zürich oder in Berlin?
Unser Lebensmittelpunkt ist noch Berlin. Meine Frau macht an der Freien Universität noch ihren Master, unsere Tochter geht dort in die vierte Klasse. Die Stadt ist rau, wild.
Anders als bei uns?
Irgendwie schon. Schaue ich mir heute Tele-Züri an, so ist das wie eine Zeitkapsel: Alles ist wie früher. Aber der Sender ist damit äusserst erfolgreich.
Und das Schweizer Fernsehen?
Der Kommunismus ist untergegangen, Weltreiche sind zerfallen, aber die SRG bleibt unsterblich, solange es Gebühren in Milliardenhöhe und keine echte inländische Konkurrenz gibt. So ist die Schweiz heute weltweit das einzige entwickelte Land, in dem es nur ein einziges nationales Fernsehen gibt. Das ist himmeltraurig.
Das hört sich nicht hoffnungsvoll an.
Es klingt verrückt, aber Veränderungen kann es nur geben, wenn wir bald einen neuen Medienminister haben werden. Moritz Leuenberger hat seit über einem Jahrzehnt bewiesen, dass er nichts ändern will.