Drogendealer kassieren Millionen vom Sozialamt

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Stefan Roschi und Beat Kraushaar

Manche Dealer verdienen mit Drogengeschäften Millionen. Jeder Vierte kassiert zusätzlich Sozialgelder. Polizei und Sozialämter wissen Bescheid, aber niemand unternimmt etwas, um den Skandal zu stoppen.Chicco * (29) lebt mit seiner Frau und vier Kindern in der Nähe der Langstrasse, dem Rotlichtmilieu von Zürich. 4200 Franken zahlt ihm das Sozialdepartement jeden Monat für Miete und Lebensunterhalt. Es scheint nicht zu reichen. Abends verkauft der Arbeitslose Kokain. Das Geschäft floriert. In seiner Heimat, der Dominikanischen Republik, besitzt Chicco zwei Häuser und fährt einen BMW – in der Schweiz gekauft.

Chicco ist kein Einzelfall. «Jeder vierte Drogendealer in der Schweiz erhält Fürsorgeunterstützung, Arbeitslosengeld oder eine IV», so die schockierende Aussage von Christoph Winkler, dem leitenden Staatsanwalt Betäubungsmitteldelikte und organisierte Kriminalität in Zürich. Wenn Winklers Schätzung stimmt, erhalten 2500 Drogendealer von den Sozialämtern insgesamt 6,5 Millionen Franken – pro Monat. Jährlich sind das 78 Millionen Franken!

Und so sieht die Rechnung im Detail aus:
  • 2000 Drogendealer mit Wohnsitz in der Schweiz sind laut der offiziellen Kriminalstatistik verzeigt worden. Mehr als die Hälfte davon sind Ausländer. 500 beziehen Sozialhilfe.
  • Dazu kommt die Dunkelziffer, die gemäss Polizei und Staatsanwalt Winkler beträchtlich ist. Man rechnet mit zusätzlichen 2000 Dealern, die von den Fahndern nie erwischt werden und Sozialgelder abzweigen. Der Abzocker-Skandal ist den Sozialämtern und der Polizei bekannt. Aber niemand tut etwas dagegen.

So könnte die Polizei Drogendealer den Sozialämtern melden, damit diese abklären ob Sozialhilfeempfänger darunter sind. «Es ist nicht Aufgabe der Polizei abzuklären, ob Festgenommene Sozialhilfe beziehen», sagt dazu Tina Meyer von der Stadtpolizei Luzern. Und die Berner Kollegen teilen mit, dass man Informationen aus Datenschutzgründen nicht weitergeben dürfe.

Das Sozialdepartement in Zürich bestätigt den harzigen Informationsaustausch. «Wir werden in der Regel nicht über laufende Strafermittlungen informiert», so Departementssekretär Urs Leibundgut. Dass Informationen zwischen Polizei und Sozialämtern nicht ausgetauscht werden, scheint in der ganzen Schweiz üblich. Ob Zürich, Luzern, Bern oder St. Gallen – überall das gleiche Bild. Der Datenschutz verkommt zum Dealerschutz.

Jeder arbeitet für sich. Einige Gemeinden setzten jetzt zwar Sozialinspektoren ein, um Abzocker zu überführen. Aber auch sie erhalten keine Informationen von der Polizei. Und Ämter greifen nur durch, wenn bei der Verurteilung auskommt, dass der Dealer ein Sozialbezüger ist. Leibundgut: «Dann kürzen oder streichen wir die Hilfe.»

* Name von der Redaktion geändert.

Doppeltes Geschäft

Drogendealer kassieren nicht nur selber Sozialhilfe, sondern nehmen den Süchtigen zusätzlich noch deren Fürsorgegelder ab. So ist in den grossen Schweizer Städten immer die gleiche Szene zu beobachten: Dealer schleichen ums Fürsorgeamt, bis die Süchtigen ihre Unterstützung abgeholt haben. Dann bieten sie vor den Ämtern ihren Stoff an, die die Süchtigen mit ihrem eben bezogenen Sozialgeld bezahlen.

Das miese Geschäft zahlt sich für die Drogenhändler aus: Schweizweit beziehen rund 12 000 Drogensüchtige Fürsorgegelder. 500 Franken pro Monat gibt jeder von ihnen für den Stoff aus. Zusammengerechnet finanziert der Staat auf diese Weise jährlich harte Drogen im Wert von 72 Millionen Franken. Und der Dealer kassiert dabei doppelt.

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