Reportage Die Skater Guerilla

  • Publiziert: 27.07.2007, Aktualisiert: 20.01.2012

Sie donnern mit 100 km/h die Serpentinen der Alpenpässe hinunter. Legal, illegal, scheissegal. Die verrücktesten Rollbrettfahrer der Welt kommen aus der Schweiz.

Bunte Graffiti schmücken den klapprigen VW-Bus, der sich russend und hustend die steile Strasse am Splügenpass hocharbeitet: «Fuckuall» – Szene-Englisch für «Ihr könnt mich alle mal» (vornehm übersetzt) – steht über der Windschutzscheibe, das Heck wird von der aufgemalten E-Mail-Adresse des Halters geziert: nopain@nobrain.ch – kein Hirn, kein Schmerz.

Die Grenzwächter am Übergang nach Italien grinsen, als die Truppe das Zollhäuschen passiert. Der Bus und sein Besitzer sind bekannt wie bunte Hunde. Und die Grenzer wissen: Wenn Samy Cantieni, 29, aus Thusis GR mit seinem museumsreifen Gefährt auftaucht, hat er Illegales vor. Die Verrückten sind wieder da, die «Guerilla-Skater».
Samy und seine Freunde sind auf der Suche nach einer geeigneten Trainingsstrecke – ihr sportlicher Ehrgeiz verdammt sie dazu, Verbotenes zu tun. «Wir brauchen eine übersichtliche Strecke mit spektakulären Kurven, auf der wenig Verkehr herrscht – nur dort können wir ans Limit gehen. Und nur wenn wir ans Limit gehen, ist es Training», sagt Jojo Linder, 22. Training ist, wenn die wilden Freaks, die Asphalt-Guerilleros, auf ihren Brettern mit 100 km/h durch die Serpentinen einer Passstrasse donnern. No brain, no pain?

Bettina Luginbühl sagt betont cool: «Das Rennen ist nur der Vorwand für die Party!» Was sich nach bescheidenem Athleten-Ehrgeiz anhört, ist das vornehme Understatement eines Stars. Die 21-Jährige aus Schlieren ZH, die fröhliche junge Frau mit den langen Rastalocken, die von Montag bis Freitag in Zürich bei einem Malermeister Wände streicht, ist ein Topshot der weltweiten Skaterszene: In den beiden letzten Saisons hat sie den Weltcup der Damen dominiert, sie ist dreifache Europa- und zweifache Schweizer Meisterin.

Wir haben unser Ziel erreicht: Auf der Nordseite des Splügen, kurz vor der Passhöhe, liegt eine supersteile, aber übersichtliche Strassenpassage, ein knappes Dutzend enger Serpentinen – ideal, illegal, scheissegal. Immerhin, die Strecke ist bis weit hinter die letzte Kurve überblickbar. Erst wenn kein Auto oder Motorrad in Sicht ist, wird gestartet.

Bei den Rollbrettrennen geht es noch nicht um fette Preisgelder, trotzdem wollen Bettina und ihre Freunde vom Werksteam des Zürcher Roll-Laden.ch ganz vorne mitmischen. Schon in zehn Tagen werden sie im österreichischen Jungholz zur Weltmeisterschaft antreten. Da ist harte, gefährliche Arbeit angesagt: Bettina fliegt schon auf der ersten Fahrt aus einer der Haarnadelkurven am Splügen, schlägt mit dem Helm brutal auf. Der Schädel brummt. Der Star bei den Männern, Aki von Glasow, 22, amtierender Europameister und Geschäftsführer einer Zürcher Szenebar, kann gar nicht mitfahren. Er hat sich am Fuss verletzt. Chancen auf einen Spitzenplatz hat bei den Männern unseres Teams somit nur noch Jojo Linder, Mitinhaber des «Roll-Ladens» in Zürich.

Der Bus ist vollgepackt mit Rollbrettern, gebrauchten, zerschlissenen Motorradkombis, Klebebändern, Werkzeug, Minirädern und Ersatzachsen. Dazwischen lümmelt sich eine schräge Truppe, an Bord sind ein paar der wildesten Downhill-Skateboarder der Welt.

Am Steuer sitzt Samy und erklärt: «Das Rollbrett ist das vielseitigste Sportgerät überhaupt. Damit kannst du den San-Bernardino-Pass runterheizen, über die Chinesische Mauer springen oder einfach auf einem Parkplatz deine Tricks ausprobieren». Samy hat jahrelang in seinem Bus gelebt, ist von Event zu Event gefahren. Und er bringt eine passende Biografie mit: Einst der Schreck aller Pädagogen im Bündnerland, arbeitete er später als Ski- und Snowboardlehrer, Türsteher und Bademeister. Heute hat er als Messebauer fast so etwas wie einen bürgerlichen Beruf.

Neben ihm sitzt Roli Hafner, 36, der Pionier der Schweizer Downhiller, in der Szene liebevoll «Vati» genannt. Unter seinem wuchtigen Red-Bull-Helm wuchern die langen graumelierten Haare hervor. Früher chauffierte Roli Milieugrössen und Zuhälter durch die Zürcher Langstrasse, heute verkauft er Sportartikel. «Skater leben und ticken anders. Skaten ist eine Lebenseinstellung, eine inkonsequente allerdings», frotzelt Samy: «Wenn wir trainieren, hoffen wir, dass die Bullen inkonsequent sind und beide Augen zudrücken.» Andernfalls droht eine Ordnungsbusse wegen «Benutzung einer nicht erlaubten Verkehrsfläche» oder – für renitente Downhiller – eine polizeiliche Verzeigung.

Der kurze Sommer in den Alpen ist die Hochsaison der Asphaltsurfer. Die Szene ist klein, aber international. Zum Training auf den Bündner Pässen haben die Schweizer «Special Guests» eingeladen. Luís Lins, 32, Brasilianer aus São Paulo, der in die Schweiz gezogen ist – «wegen der geilen Serpentinen auf den Passstrassen, wie es sie nirgendwo anders gibt». Oder Liam Fourie, 25, aus Kapstadt, der nach Europa zog, «weil es hier die spektakulärsten Rennen gibt». Der Südafrikaner jobbt im Winter als Sicherheitsagent im Londoner Business District und tingelt im Sommer durch die Alpen – von Rennen zu Rennen.

Skaten ist Low-Budget-Sport: Sponsoren sind rar, Preisgelder gibt es kaum und selbst Stars wie Bettina müssen 150 Euro aus dem eigenen Sack bezahlen, um an der WM starten zu dürfen. Für die Athleten mag das ärgerlich sein, andererseits hat sich in der Skaterszene dadurch der anarchisch-fröhliche Geist bewahrt, der früher die Anlässe der Snowboarder prägte – bis er der Professionalisierung und Kommerzialisierung zum Opfer fiel. «Ein guter Snowboarder weiss, dass er von seinem Sport leben kann, wenn er alles riskiert und ein wichtiges Rennen gewinnt», sagt Jojo. «Bei uns fehlt dieser Anreiz – wir fahren so, dass wir gesund bleiben. Und morgen wieder aufs Brett stehen können.» Böse Zungen behaupten, dass die legendären Partys der Snowboarder nicht mehr mit denen der Skater mithalten können. Auch weil die Boarder mittlerweile Doping kennen und selbst auf Haschisch und Marihuana getestet werden.

Das Low Budget hat System: Die Motorradkombis werden gebraucht gekauft, statt eines teuren Schutzes für Hände und Handgelenk tut es auch ein Stück Küchenbrett, das am Handschuh befestigt wird. Statt im Hotel schläft man im Zelt, statt des Abendessens im Restaurant gibt es Gegrilltes vom Lagerfeuer. Statt teuren Weins aus dem Kristallglas kühles Bier aus der Dose.

Zehn Tage später treffen wir unser Team an der WM in Jungholz wieder. Die Bilanz bleibt bescheiden. Einzig Bettina schafft es aufs Podest, mit ihrem dritten Platz bleibt sie immerhin an der Spitze der Weltcup-Wertung. Die Siegerehrung und das Fest danach haben es aber in sich, auch wenn der neugekürte Weltmeister, der Liestaler Martin Siegrist, 26, sich über die süsslichen Dämpfe ärgert, die durchs Festzelt wabern: «Bei dem, was hier geraucht wird, werden wir nie vernünftige Sponsoren finden», meint er. Er dagegen sei Leistungsathlet, ehemaliges Mitglied der Nationalmannschaft im Sportklettern, er wisse, was seriöser Sport sei.

Seine strenge Kritik an den fröhlichen Mitbewerbern geht im Lärm der lauten Feier unter. Wie sagte doch Bettina? «Das Rennen ist nur der Vorwand für die Party!»

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