Alice Schwarzer «Die heile Familie war immer nur Kitsch und Selbstbetrug»

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Johannes von Dohnányi und Walter Hauser

Die streitbare Feministin Alice Schwarzer fordert Tagesschulen und -krippen auch für Schweizer Kinder. Nur so könne die zunehmende Isolation der Kleinen bekämpft werden.

Die Schweiz ist ein Land spät gebärender Frauen. Mediziner halten das für bedenklich. SVP-Chef Ueli Maurer (56) will die Schweizerinnen wieder an den Herd verbannen (SonntagsBlick berichtete). Eva Herman preist die «heile Familie». Die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (64) verteidigt dagegen die Errungenschaften der Emanzipation und erklärt, warum es statt der Rückkehr zu überholten Traditionen neue Gesellschaftsformen braucht.

Frau Schwarzer, wie kommt es, dass Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen?
ALICE SCHWARZER: 95 Prozent aller jungen Frauen wollen einen Beruf – obwohl sie sich auch Kinder wünschen. Von diesem «Du kannst alles»-Modell sind sie allerdings oft überfordert.

Und wie lässt sich das ändern?
Wenn Kinder kommen, müssen Frauen Konzessionen machen. Aber warum nur sie? In Zukunft sollten auch die Väter dazu bereit sein.

Vielleicht empfinden viele die Emanzipation der Frau genau deshalb als Bedrohung?
Bedrohung? Ja, vielleicht für die Privilegien von Männern auf Kosten der Frauen.

Widerstand gegen die Emanzipation kommt auch von den Frauen selbst. Eva Herman etwa wirft dem Feminismus vor, er habe alles zerstört: die Weiblichkeit, die Mutterfreude, sogar die Familie.
Ein gut inszeniertes Medienspektakel. Was wäre wohl passiert, hätte ein Mann so ein Buch veröffentlicht?

Was denn?
Man hätte dieses ewig-gestrige Gerede von wimpernklimpernden Rehfrauen und Heldenmännern keine Sekunde lang ernst genommen, das Buch wäre nie gedruckt worden. So aber läuft jede Stellungnahme von mir auf Weiberzank raus, zu dem möchte ich mich nicht weiter äussern . Im Übrigen war die fatale Nähe von Frau Herman zum christlichen Fundamentalismus und zur Rechten schon in ihrem ersten Buch überdeutlich.

Haben Sie Mitleid mit Eva Herman?
Dazu gibt es keinen Anlass. Frau Herman kann ja nun endlich das von ihr propagierte wahre Frauenleben führen – als Hausfrau und Mutter (Anm. der Red.: Moderatorin Eva Hermann wurde wegen Sympathiekundgebungen zur Familienpolitik im 3. Reich vom NDR suspendiert).

Aber ihre Thesen treffen offenbar den Zeitgeist.
Im Gegenteil. Der Zeitgeist läuft in eine ganz andere Richtung. Immer mehr Frauen sind berufstätig, trotz Hindernissen.

Sie würden also bestreiten, dass die Sehnsucht nach der traditionellen Familie wieder wächst?
Die plötzlich «heile Familie» war doch immer nur Kitsch und Selbstbetrug. In Wahrheit war die jetzt wieder so verklärte Familie ja noch nie so. Denken Sie an die Gewalt in der Ehe, den Kindesmissbrauch. Natürlich hätte jeder gern eine schöne, funktionierende Grossfamilie mit Enkeln und Grossmüttern. Und gleichzeitig viel Raum für ein individuelles Leben. Aber wir reden über die Realität.

Und wie sieht die aus?
Ohne Mütter, die zurückstecken und auf eigene Interessen verzichten, war die traditionelle Familie gar nicht möglich. Und da Menschen sich selten freiwillig unterordnen, ging das natürlich nicht ohne Unterdrückung.

Also mit Volldampf rein in den Beruf, raus aus der Familie?
Nein. Natürlich muss auch über das Gefühl der Zerrissenheit geredet werden, das viele Menschen zu Recht empfinden.

Sie sagen «Menschen» und meinen Frauen?
Nein, ich meine auch die Männer. Denn die sind doch am meisten verunsichert. Es braucht eine Frau, damit ein Mann ein Mann ist. Ohne sie wäre er ja einfach nur ein Mensch. Jetzt ändert sich die Frau. Und da fragt sich der Mann, welche Rolle ihm in dieser neuen Welt noch bleibt.

Sagen Sie es uns.
Ich bin für ein partnerschaftliches Modell, das echte Teilen: die Hälfte der Welt für die Frauen, die Hälfte des Hauses für die Männer. Und das ist der Weg, auf dem wir sind. Klar, das wird manche Hindernisse, Zerrissenheiten und Schwierigkeiten bringen. Aber wenn mich manche Kolleginnen zur «Einsamkeit der modernen Frau» befragen, kann ich nur sagen: Wissen Sie, wie einsam die Frauen früher in der Ehe waren?

Wird die Gesellschaft der Zukunft aus Singles und Alleinerziehenden bestehen?
Wir werden sehen. Wir leben in einer Phase der Umbrüche. Nicht zufällig reichen die Frauen heute zwei Drittel aller Scheidungen ein. Sie sind einfach nicht bereit, weiterhin alles hinzunehmen. Sie haben das auch nicht mehr nötig.

Ihre Kritiker behaupten, dass die Emanzipation aus der Ehe ein Schlachtfeld macht.
Unsinn. Keine Frau lässt sich gerne scheiden. Jede hofft, dass alles gut geht. Aber immer häufiger sagt sie: «Bis hierhin und nicht weiter.» Das Schlachtfeld, das waren vielmehr die Ehen von früher, in denen Frauen abhängig waren.

Bleibt die Frage: Was bleibt nach der Ehe?
Wir haben jetzt schon neue Lebensformen, wir haben Patchwork-Familien. Und allmählich wird auch das Elend der von den Familien abgeschobenen Alten sichtbar. Wir brauchen eine neue Architektur des Zusammenlebens mehrerer Generationen. Ich bin sicher, dass wir neue Modelle finden werden.

Eine der zentralen Streitfragen auch in der Schweiz: Welche Erziehungsaufgaben soll der Staat übernehmen – und welche nicht?
Es ist Aufgabe des Staates, die Erziehung mit bestimmten Steuern zu unterstützen. Den Rest sollen die Menschen selbst machen. Aber man muss ein Klima dafür schaffen, ein Klima des Optimismus.

Manche sagen: Kinder gehören in die Obhut ihrer Eltern.
Gerade Kinder brauchen Gleichaltrige und eine Auswahl von Bezugspersonen. In der Einkindfamilie haben sie im besten Fall die Eltern und hocken mit ihrer Mutter allein in vier Wänden. Das ist für keinen gut: weder für die Mutter noch für das Kind.

Die Zerrissenheit, unter der viele Frauen leiden, ist damit noch nicht aufgelöst.
Und warum haben die Frauen dieses Gefühl der Überlastung? Weil sie mit ihrer Verantwortung allein gelassen werden. Deshalb stehen jetzt für mich zwei Sachen auf der Agenda. Es braucht endlich die aktive Beteiligung der Väter an der Erziehung. Das tut auch den Kindern gut, das bringt frischen Wind rein. Und zweitens müssen bestimmte staatliche Erziehungseinrichtungen einfach da sein: Krippen, Kindergärten, Tagesschulen. Ganz wie in Frankreich oder Skandinavien. Dort gibt es einen sehr hohen Prozentsatz zufriedener berufstätiger Mütter.

Gilt das auch für die Schweiz?
Es ist immer heikel, in ein fremdes Land zu kommen und eine dicke Lippe zu riskieren. Aber die Skandinavier fahren sehr gut mit der Ganztagserziehung. Die Franzosen haben ein solches System schon seit ewig. Die Französinnen haben deshalb weder ihre Weiblichkeit noch ihre Mütterlichkeit verloren. Ich wüsste daher keinen Grund, warum man das nicht eins zu eins für die Schweiz übernehmen kann.

Zur Person

Alice Schwarzer, geboren am 3. Dezember 1942 in Wuppertal (D), stieg nach einem Sprachenstudium in Paris 1966 in den Journalismus ein. Die französische Feministin Simone de Beauvoir prägte von Anfang an ihr Wirken. 1975 veröffentlichte Schwarzer den Bestseller «Der kleine Unterschied», in dem sie Sexualität als Unterdrückung der Frau anprangert. Seitdem gilt die Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift «Emma» als Aushängeschild der deutschen Frauenbewegung. Immer wieder nimmt Schwarzer aber auch zur Unterdrückung der muslimischen Frau und zum islamistischen Terror Stellung. Für ihre Zivilcourage wurde sie 1996 mit einem der höchsten deutschen Orden ausgezeichnet, dem Bundesverdienstkreuz am Band.

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