Jo Siffert Die Damen-Toilette, das Telegramm und der Weltrekord

  • Publiziert: 24.12.2005, Aktualisiert: 11.02.2012
  • von Roger Benoit

ERINNERUNGEN Und wenn wir uns heute zu Weihnachten auch wünschen, 100 Jahre alt zu werden, einen 5. September 1971 werden wir im Schweizer Automobil-Rennsport alle nicht mehr erleben! Was war damals beim Grossen Preis von Italien los? Geburtstagskind Clay Regazzoni (Ferrari) und Jo Siffert (BRM) kämpften kurz nach dem Monza-Start um die Führung!

Es war, genau 49 Tage vor Sifferts Tod, ein Rennen, das auch sonst in die Geschichte einging: Acht verschiedene Leader. Formel-1-Weltrekord, bis heute ungebrochen! Doch als beim Herzschlagfinale die ersten fünf Fahrer innerhalb von 0,61 Sekunden durch das Ziel rasten, fehlten beide Schweizer...

Clay, der vier Runden führte, wurde bald vom Motor gestoppt. Jo, drei Runden an der Spitze, fiel auf Rang 9 zurück, weil der 4. Gang klemmte. Die andern Leader: Peterson, Stewart, Cevert, Hailwood, Amon und Sieger Gethin (BRM).

Hätte es 1970/71 einen Daviscup auf vier Rädern gegeben, die Schweiz hätte ihn wohl gewonnen...
Doch am Ende blieben nur die Trauer und bis heute die Erinnerungen.

«Als ich zu Beginn der 70er-Jahre selbst aktiv Rennsport betrieb, war Jo Siffert das Vorbild aller Schweizer Piloten. Er liess uns von einer grossen Karriere träumen», sagt der Berner FIA-Chefkommissär Paul Gutjahr (62) heute.

1970 startete Seppi vor der Fribourger Haustüre beim Bergrennen St. Antoni – Obermonten, gewann im Formel-1-Brabham. Gutjahr, Sieger der GT-Klasse, wurde neben Seppi geehrt. Momente, die man nie vergisst. Höhepunkte des Lebens.

Wer Jo Siffert etwas näher kannte, musste stets auf der Hut sein. Ich war es 1971 auf dem Wiener Flughafen Schwechat offenbar nicht...

Seppi bot mir an, meine Hermes Baby an Bord zu nehmen. Alles klar. Nur, im Swissair-Flugzeug fehlte dann die Schreibmaschine... Jo grinste: «Sorry, die habe ich auf der Damen-Toilette vergessen!» Für einen Spass gabs bei Siffert nie ein Tabu...

Ich rannte also aus dem Flieger. Und Sie können sich vielleicht vorstellen, wie man als 22-jähriger Bursche hilflos vor dem Damen-WC steht... Einer älteren Lady vertraute ich dann an, dass ein verrückter Kollege meine Schreibmaschine hinter dieser Türe versteckt haben muss.

Kurz darauf hatte ich mein oranges «Baby» wieder in den Händen und rannte ins Flugzeug zurück. Applaus. Seppi hatte einige Passagiere informiert!

Jo Siffert, das ganze, kurze Leben mit Vollgas unterwegs, verpasste die Geburten beider Kinder.

Im Juli 1969, kurz vor dem GP Frankreich in Clermont-Ferrand, holte ihn sein Begleiter Jacques Deschenaux (jetzt 60) um 6 Uhr aus dem Hotelbett. Im Porsche rasten sie nach Vichy, wo Simone ihm in der Nacht Tochter Véronique geschenkt hatte. Dass Jo damals noch mit Sabine verheiratet war, wäre eine andere, endlose Geschichte...

Als Ende Januar 1971 Sohn Philippe auf die Welt kam, wurde Jo dies per Telegramm nach Buenos Aires mitgeteilt. Doch Seppi steckte das Papier kurz vor dem Start zum 1000-km-Rennen einfach in den Overall...

Nach dem Sieg dachte Siffert ans Telegramm –und las es: «Jo, du bist wieder Papi geworden!» Sifferts Tochter und Sohn leben heute, beide verheiratet und mit je zwei Kindern, in der Nähe von Fribourg.

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