Rolling Stones Die bösen Beatles

  • Publiziert: 28.07.2006, Aktualisiert: 11.02.2012
  • Von Ahsana Amtsfeld

Vor vierzig Jahren begleitete der dänische Fotograf Bent Rej die heute «dienstälteste Rockband der Welt». Erst jetzt, zu ihrer vielleicht letzten Tournee, veröffentlicht Rej seine Schätze aus der Vergangenheit.

Text von Ashana Amtsfeld
Fotos: Bent Rej / Edition Olms


Jung sein, sich abgrenzen, sich ganz neu erfinden und frei entfalten, davon träumten Teens und Twens Mitte der Sechzigerjahre nur im Stillen. Sie waren Gefangene der totalitären Disziplin der Erwachsenenwelt. Jede Minute lastete dieser Anpassungsdruck auf den jungen Schultern. Die Jugend war unfähig, sich aus dem von der Gesellschaft errichteten Moral-Gefängnis zu befreien – bis 1965 ein Aufschrei durch die Lautsprecher ging.

Schockierte Autoritätspersonen hatten eines nicht bedacht – die Gefahr der Entfremdung durch ein paar Töne. Die Rede ist von der sogenannten Teufelsmusik der vier neuen Krawallmacher, die über den Ärmelkanal und den Atlantik drang und junge Leute in ihren Bann zog wie eine gehirnmanipulierende Sekte. Zwar waren die Auswirkungen anfangs noch erträglich – man tanzte ja nur zu neuer Musik. Doch im Laufe der Zeit bewegten sich die gut erzogenen Kinder dann immer wilder, selbstbewusster, liessen sich die Haare wachsen, die dabei ins Gesicht fielen, trugen auf einmal die Hosen hauteng und in ihren Augen leuchtete dieses Flackern der Hoffnung, die Grenzen immer weiter überschreiten zu können. Den Rhythmus des neuen Lebensgefühls schlugen die Rolling Stones. Sie waren laut, lustvoll, fiebrig, fordernd. Alles andere war Kinderkram.

Sie waren englische Jungs, stammten eigentlich aus gutem Haus wie Mick Jagger oder mindestens aus der Mittelschicht, aber ihre Vorbilder hiessen Muddy Waters – nach dessen Song «Rollin Stone» sie sich nannten –, Howlin Wolf oder Chuck Berry. Blues- und Rock-n-Roll-Legenden des schwarzen Amerika. Der musikalische Traum, hart erkämpft, erfüllte sich mit einer grossen Portion Glück am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club – die andere Band hatte kurzfristig absagt. Mick Jagger, Keith Richards, Brian Jones, Dick Taylor, Ian Stewart und Mick Avory bildeten damals die Besetzung. Sie lebten von der Hand in den Mund, was aber nicht allzu tiefe Wunden schlug – das Versprechen, ein aufregendes Leben führen zu können, war stärker.

Wenig später stiessen der Bassist Bill Wyman und der Jazz-Schlagzeuger Charlie Watts zur Band. Ihre ersten Hits hatten die Stones mit Coverversionen wie dem Bobby-Womack-Hit «Its All Over Now». Doch schon bald trieb ihr damaliger Manager Andrew Loog Oldham die Band dazu, eigene Songs zu schreiben. Und er wusste: Rock n Roll ist nicht nur Musik, es ist ein Lebensgefühl. Die Rebellion, von der die jungen Braven träumen. Und
so machte Oldham aus den netten Jungs eine Art «böse Beatles», stilisierte sie als «Droogs», jugendliche Kriminelle aus Anthony Burgess Roman «A Clockwork Orange».

Der Durchbruch kam 1965 mit «Satisfaction». Jetzt waren die Bösen genauso berühmt wie die Beatles. In dieser Zeit hatte ein Fotograf die Gelegenheit, die Stones ganz nah zu begleiten, die Geburt einer Legende in Bildern festzuhalten. Von März 1965 bis Mai 1966 begleitete der Däne Bent Rej die Band, gehörte zum «inneren Kreis» von Freunden und Bekannten der Musiker. «Bis zu diesem Moment», so Bassist Bill Wyman, «hatte kein Fotograf solch einen Zugang zu den Stones gehabt wie Bent.» Und danach auch nie wieder. «Er war da, als wir uns in der Gruppe in einem Übergangsstadium befanden.» Es gibt wohl kaum eine Band, über die mehr geschrieben oder die öfter fotografiert wurde. Aber bei Rejs Sammlung intimer Fotos spürt der Betrachter, dass es sich um einen elektrisierenden Zeitpunkt in der Geschichte der Rockmusik handelt.

Die Stones ernteten die ersten Früchte des Erfolgs und entfesselten eine ganze Generation. Bent Rejs aussergewöhnliche Fotografien fangen diesen einzigartigen Moment ein. «Das ist die schönste Sammlung von Stones-Fotos, die ich jemals gesehen habe!», sagt Bill Wyman. Tatsächlich sind diese gut 300 bisher unveröffentlichten Bilder einmalig, zeigen Mick Jagger und die anderen an der Schwelle zum Superstar-Dasein, berühmt, aber sich dessen noch nicht bewusst. «Pervertiert, empörend, gewalttätig, abstossend, hässlich, geschmacklos und wirr. Eine Karikatur. Das ist das einzig Gute an ihnen.» Das sagten damals ihre Kritiker. Keith Richards darauf: «Es ist irgendwie komisch. Man will einfach nur Gitarre spielen, und die Leute denken, man will die Welt verändern.»

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