
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Karin Steimle (41) ist gelernte Kinderkrankenschwester mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung. In Deutschland verdiente sie mit einem 90-Prozent-Job gerade mal 1.500 Euro netto, umgerechnet rund 2.300 Franken. In Basel kommt sie nach Abzug der üblichen Lohnprozente auf 5.384 Franken. «Zudem», sagt sie, «hat mir der Arbeitgeber hier noch eine Zusatzausbildung bezahlt.»
Der Fall ist einer von tausenden: Für viele deutsche Arbeitslose gibt es nur noch eine Hoffnung: die Auswanderung. Allein im Januar ist das Heer der gemeldeten Arbeitslosen um 408.000 gestiegen – über die Rekordmarke von fünf Millionen hinaus. Doch auch wer noch einen Job hat, kann sich deshalb nicht unbedingt glücklich schätzen. Von 39 Millionen Arbeitsstellen in Deutschland sind rund ein Drittel Ramsch-Jobs ohne Sozialversicherung. Und auch unter den «Normalarbeitsplätzen» bringen gut vier Millionen weniger als 1.700 Euro brutto – gerade mal 2550 Franken.
Jedes Jahr suchen deshalb mehr als 150.000 Deutsche ihr Glück im Ausland. Die Schweiz ist dabei – gleichauf mit den USA – das begehrteste Ziel. Aus Schweizer Sicht ist Deutschland das mit Abstand wichtigste Einwanderungsland. Nach den neusten Schätzungen des Bundesamts für Statistik hat sich die Zahl der hier erwerbstätigen Deutschen allein im Jahr 2005 um die Rekordzahl von 9.000 erhöht.
Seit 2003 ist die Zahl der Jobs in der Schweiz trotz einem relativ hohen Wirtschaftswachstum insgesamt nur um 11 000 gestiegen. Im gleichen Zeitraum gingen 15 000 Jobs an die Ausländer. Für Schweizer bedeutet das: 4.000 Arbeitsplätze weniger. Berücksichtigt man ferner, dass pro Jahr rund 20.000 Arbeitskräfte eingebürgert werden, so haben die Schweizer sogar gut 40.000 Arbeitsplätze an die Ausländer verloren.
Dazu kommt der Druck auf die Löhne. Zwar darf laut Freizügigkeitsgesetz niemand weniger als den Mindestlohn verdienen, doch der liegt in der Regel deutlich unter dem marktüblichen Durchschnittslohn der jeweiligen Branche. «Nach meinen Informationen erhalten die Einwanderer in der Regel nur den jeweiligen Mindestlohn», sagt der zuständige Gewerkschaftssekretär Serge Gaillard (50).
Manchmal aber deutlich weniger. Im Schreinereigewerbe etwa gibt es zwar einen neuen Gesamtarbeitsvertrag mit einem Mindestlohn von 26,15 Franken. Der aber ist bisher noch nicht allgemeinverbindlich. «Vor allem in der Montage gibt es kaum Kontrollen», meint Franz Cahannes von der Unia. Deshalb, so der Gewerkschafter, werden für diese Tätigkeiten seit einiger Zeit zunehmend sogenannte entsandte Mitarbeiter deutscher Firmen eingestellt, und zwar zu Ansätzen von zehn bis zwölf Euro brutto pro Stunde. Cahannes: «Für deutsche Schreiner ist das ein guter Lohn, vor allem wenn sie praktisch gratis auf der Baustelle oder in Wohnwagen wohnen können.»
Einer, der durch diese Entwicklung seine Arbeit verloren hat, ist Franz Müller (40). Der Schreiner war bis Mitte 2005 für 5.200 Franken pro Monat in einer Zentralschweizer Firma für Laboreinrichtungen beschäftigt. Auf die Stunde umgerechnet, hat er seinen Arbeitgeber etwa 36 Franken gekostet. Seine deutschen Nachfolger dürften für rund 15 bis 18 Franken arbeiten.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) meint zwar, dass sich das 2002 in Kraft getretene Freizügigkeitsabkommen mit der EU nicht negativ auf den Schweizer Arbeitsmarkt auswirke. Auch die Vertreter der Arbeitgeber sehen die Einwanderung aus Deutschland durchaus positiv.
Tatsache ist aber, dass die Lohnsumme in der Schweiz 2003 und 2004 real gesunken ist und sich die Arbeitslosenquote seit Beginn des Wirtschaftsaufschwungs vor gut zwei Jahren praktisch nicht nach unten bewegt hat.
Dennoch sagt Serge Gaillard: «Die Personenfreizügigkeit an sich macht mir keine Sorgen. Unser Problem ist die Wirtschaftspolitik, die in Bern und Berlin gemacht wird. Statt eine vernünftige Wachstumspolitik zu machen, vertreibt Deutschland seine Arbeitslosen ins Ausland.»