Der Verführer verlässt die Bühne

  • Aktualisiert am 08.02.2012
  • Von Patrick Mäder und Nicola Berger
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Stéphane Lambiel (23) gab gestern seinen Rücktritt vom Spitzensport. Wir werden ihn vermissen.

Es ist zu Ende geschrieben, das schöne Märchen. Es handelt von einem Jungen, Sohn einer portugiesischen Krankenschwester und eines Walliser Bauunternehmers, der einst auszog aus Saxon, diesem 3500-Seelen-Dorf im Unterwallis, das berühmt ist für
seine Aprikosen, um die Trauben der grossen Welt zu ernten. Der zuerst zum kleinen Prinzen wurde, dann zum grossen König. Der das Eiskunstlaufen zu seinem Kommunikationsmittel machte, um uns ohne Worte seine tiefsten Gefühle mitzuteilen.

Faszinierende Eiskunst

Mit jedem Schritt, jeder Geste, jedem Sprung, jeder Rotation zeigte uns Stéphane Lambiel seine Sensibilität, seine Sehnsüchte, sein Glück, seine Schmerzen. Wir
sassen gebannt da, schauten fasziniert zu, liessen uns berühren und mitreissen in diese emotionale Welt der hohen Kunst.

Wir jubelten mit, als er 2005 in Moskau als erster Schweizer nach 57 Jahren WM-Gold im Eiskunstlaufen gewann, und als er ein Jahr später seinen Titel in Calgary verteidigte. Wir weinten mit, als er 2006 bei Olympia in Turin als Zweiter auf dem Siegerpodest stand und die ganze Last von ihm abfiel, er sich mit Schüttelanfällen am kleinen Blumenstrauss festhielt und seinen Tränen freien Lauf liess.

Verführerischer Eiskönig

Stéphane Lambiel war ein Séducteur, ein Verführer. Er hat dem Eiskunstlaufen eine Bedeutung gegeben, die weit über den Sport hinaus reicht. Er traf uns
mitten ins Herz, mitten in die Seele. Ohne ihn sind wir nun ärmer.

Gestern lief er um 11.00 Uhr im Stade de Suisse ganz locker zur Pressekonferenz ein. Die Hände in den Hosentaschen, ein Lächeln im Gesicht. Sein Rücktritt hatte sich gerüchteweise angekündigt. Nun kam er nach Bern und machte einen Fakt daraus.

Offene Zukunft

Adduktorenprobleme zwingen ihn zum Aufgeben.
Lambiel wirkte souverän, abgeklärt. Ein letzter Beweis für seine erstaunliche Reife. Aber anders als auf dem Eisfeld, verriet er nicht, was er fühlte, auch nicht, was er künftig aus seinem Leben machen will.

Er trat nicht niedergeschlagen auf, viel eher befreit und gelöst. Froh, dem Druck und den Trainings- und Wettkampf-Strapazen endlich entkommen zu sein.
Denn wieder einmal stand für ihn ein kräftezehrender Neustart an, der ihn auf sein letztes, grosses sportliches Ziel vorbereiten sollte: Olympiagold in Vancouver 2010.

Ein letztes Aufbäumen

Nach der enttäuschenden WM verliess er seinen langjährigen Trainer Peter Grütter, um bei Viktor Petrenko, Olympiasieger von 1992, und Galina Smijewska in Wayne, New Jersey, neue Impulse zu erhalten. Es wäre ein letztes sportliches Aufbäumen gewesen. Doch Körper und Geist machten nicht mehr mit.

«Auch die besten Ärzte konnten mir nicht helfen»

Lesen Sie das Interview mit Stéphane Lambiel im heutigen BLICK.
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