
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Ein sonniger Samstag geht im Tessiner Dorf Faido seinem Ende entgegen. Windstill und kühl ist die Nacht des 25. März. Dann passiert, was dort noch niemand erlebt hat: Um 22.42 Uhr ertönt ein heftiger Knall, dann geht ein spürbares Zittern durch Gebäude, Tiere, Matten und Menschen.
Seit Jahren haben hier Arbeiter mit schwerem Gerät den Berg ausgehöhlt, Schächte gebohrt und Felsmaterial gesprengt. Spätestens in zehn Jahren sollen Züge mit 250 km/h durch den Berg rasen. Zwischen Erstfeld und Bodio entsteht auf 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt, die Neat (Neue Eisenbahn Alpen Transversale). Und genau unterhalb vom Faido, ca. 15 Kilometer vom Südportal bei Bodio entfernt, bebte die Erde mit einer Macht von 2.4 Punkten auf der Richterskala.
Die Menschen reagieren verängstigt: «Die Leute sind am Samstagabend auf die Strasse gestürzt», berichtet Roland David (45), Faidos Gemeindepräsident, von seinem Schrecken. Da rätselten die Tessiner noch: Kam der Knall von einem Zugunglück? War ein Tankwagen auf der Gotthard-Autobahn explodiert? David: «Zuerst haben wir uns gewundert … dann hatten wir bloss Angst.»
Erst morgen Montag werden die vom Erdbeben betroffenen Gemeinden einen Brief von der Neat-Baufirma AlpTransit erhalten. Darin heisst es: «Es ist nicht auszuschliessen, dass sich ähnliche Phänomene auch in Zukunft ereignen können.» Nach einem Bericht in der Fernsehsendung «10 vor 10» am Donnerstag war eine Stellungnahme unausweichlich geworden.
Aber warum sprach die AlpTransit nicht schon vorher Klartext? Und wieso bezeichnet sie den Vorfall auch jetzt noch als «Phänomen»?
Kann es sein, dass die Arbeiten der Neat im Fels dieses schwerwiegende Erdbeben ausgelöst haben? «Ja», bestätigt der Bauleiter des Gotthard-Basistunnel Süd, Stefan Flury, «Seit wir hier graben, bebt die Erde.»
Das Epizentrum des Bebens vom vorigen Samstag lag unmittelbar neben dem Tunnel, nur rund 300 Meter im Erdinneren, direkt unter Faido. Das durfte niemand auf die leichte Schulter nehmen. Auch nicht die Bauleiter. Sofort stiegen sie in den Tunnel. Was sie vorfanden, bestätigte ihre Befürchtungen: Die bis zu 30 Zentimeter dicke Spritzbetonwand war abgeplatzt, der Geröllboden bin zu einem Meter hoch aufgeschüttet. Jetzt darf dort niemand mehr hinein – ein 300 Meter langen Teilstück des Tunnels ist bis auf weiteres gesperrt.
Bauleiter Flury registrierte überrascht: «Der Tunnel ist deformiert.» Es war nicht sein erster Rückschlag: «Seit letzten Sommer haben wir Schwierigkeiten, platzt nach Bergschlägen und Erdbeben immer wieder Betonmaterial von Wänden und Decke», sagt Flury.
Deswegen untersuchen seit Juli ’05 Professoren der ETH im Auftrag der AlpTransit die beängstigenden Geschehnisse. Erdbebenspezialist Stephan Husen hat sieben Seismometer um Faido stationiert sowie einen der Erdbebenmesser im Tunnel selbst. Der Wissenschafter lässt keinen Zweifel: «Das Beben hängt mit der Bautätigkeit zusammen. Die Gegend ist bislang nicht für Erdbebentätigkeiten bekannt.»
Wird der Bau des Gotthard-Basistunnels noch weitere Erschütterungen auslösen? Sind gar die Einwohner von Faido in Gefahr? Husen beruhigt, Gefahr für Menschen bestehe nicht. Doch dann schränkt er ein: «Prognosen können wir keine treffen, weil wir die Vorgänge noch nicht verstanden haben.»
Die AlpTransit steckt ohnehin in Schwierigkeiten. Die Beben könnten das 20-Milliarden-Projekt weiter verteuern – und verzögern. Sogar Toni Eder (46), Vizedirektor des Bundesamts für Verkehr, will einen Zusammenhang zwischen Tunnelbau und Erdbeben nun nicht mehr ausschliessen, sieht aber die Neat nicht in Gefahr.
Nur Faidos Gemeindepräsident Roland David hat ein definitives Urteil: «Jetzt rächt sich der Berg an den Menschen.»
Lesen Sie im SonntagsBlick, was uns die Neat kostet und was Toni Eder im Interview zu den aktuellen Problemen zu sagen hat.
Der Brief, den die AlpTransit zur Beruhigung der Einwohner am 31. März an die vom Erdbeben betroffenen Tessiner Gemeinden schickte, in deutscher Übersetzung:
Roland David, Gemeindepräsident von Faido TI: "Wir hatten bloss Angst."- Ti-Press / Francesca Agosta