Denkfabrik In Google drin

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Zürich wird Google-City – und keiner merkts: Ganz im Stillen entsteht hier das Technologiezentrum der weltweit grössten Internet-Suchmaschine. Für SIE+ER öffnete die Schweizer Vertretung die Türen. Bericht aus dem Hirn eines GigantenZuerst nennt er es Leidenschaft. Dann Liebe. Und dann sagt er es noch mal: «We love Google.» Randy Knaflic liebt seinen Arbeitgeber.Der 35-jährige Amerikaner ist Chefanwerber von Google Switzerland GmbH. «Lead Recruiter Engineering» steht auf seiner Visitenkarte. «Hi, I’m Randy», sagt er zur Begrüssung und düst wie Speedy Gonzales die fünf Stockwerke des Jugendstil-Gebäudes an der Freigutstrasse 12 rauf und runter. Das Gespräch als Dauerlauf – mit Randy Schritt zu halten, ist eine Herausforderung. Aber der quirlige Typ, der sein gestreiftes Hemd unter dem Pulli und über der Hose trägt, hatte uns vorgewarnt: «The pace is hard» – das Tempo ist hoch.Randy, was für Leute arbeiten hier?«Sie müssen vor allem Leidenschaft für unser Geschäft mitbringen, für die Technologie. Sich mit der Arbeit identifizieren, selbständig und kreativ arbeiten. Wir sind eine aussergewöhnliche Firma und suchen aussergewöhnliche Mitarbeiter. Sie müssen Google einfach lieben.»Single Randy ist frisch verliebt. Googler ist er erst seit einem Jahr. Von Wisconsin, dem einstigen Wilden Westen, zog er aus, die Welt zu erobern. Neun Jahre lebte er in New York, studierte Musik, spielte professionell Saxofon und gründete eine Firma, die Jazz-CDs produziert. «Cool» ist eines seiner Lieblingswörter. Die Schweiz kannte er bisher nur als das Land, in dem er hin und wieder Skiferien verbrachte. Jetzt ist Zürich seine Wahlheimat. Er fährt jeden Tag mit Tram oder Velo quer durch die Stadt ins In-Quartier Enge zur Google Switzerland GmbH.Randy ist ihr Top-Scout. Aus dem smarten Saxofonisten, der begeistert von Tonhalle und Opernhaus erzählt, ist ein Dirigent des Virtuellen geworden. In seinem Team arbeiten zwölf Leute aus neun Nationen: Jamaika, Grossbritannien, Polen, Schweden, Dänemark, Österreich, Südafrika, Schweiz und USA. Als sie sich zum Gruppenbild versammeln, wimmelt es im Sucher des Fotografen von Farben wie in einem TV-Spot für United Colors of Benetton. Renee mag zuerst nicht mit aufs Foto. «Come on, come on», rufen und lachen die Kolleginnen und Kollegen. Nicht mitzumachen, sei «ungoogle», meint Randy. Dann stellt sich die 30-jährige Amerikanerin doch noch dazu. Und lächelt. Der Job von Randys Multikulti-Crew: Neue Leute suchen, finden, treffen, abwerben, einstellen. Auf Teufel komm raus.Was in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt war: In Zürich entwickelt Google sein Kerngeschäft weiter – die Verbesserung der Suchmaschine und der Sicherheit des Werbesystems AdWords/AdSense. Auch die Ziele dieser Bemühungen haben im Google-Land eigene Namen: «Search Quality» und «Traffic Quality». Der zugängliche Randy wird ganz nervös, wenn es um das Google-Kerngeschäft geht, die mühelose Suche im Internet, und der Fotograf seine Kamera Richtung Bildschirme schwenkt: «No screens, please.»Warum hat Google ausgerechnet Zürich als Standort seines europäischen Entwicklungs- und Forschungszentrums gewählt?«Die Stadt liegt mitten in Europa, das ist schon mal ein Riesenvorteil. Entscheidend aber ist die ETH, dort studieren viele Talente. Wir haben einen hohen Bedarf an hervorragenden, jungen und äusserst motivierten Absolventen. Ein weiterer Grund sind die hohe Lebensqualität und die kulturelle Mischung. Zürich ist ganz einfach die perfekte Google-Stadt.»Würden Sie sagen, Zürich ist das europäische Hirn von Google?«So ist es. Es ist das mit Abstand grösste Entwicklungszentrum in Europa.»Willkommen in Google-City! Es begann im April 2004 mit vier Leuten; bald sind es 150. Sie schreiben die Geschichte der Google Switzerland GmbH, die zum Hirn von Google geworden ist, eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen aller Zeiten. Google Inc. hat seinen Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Nahe der 70000-Einwohner-Stadt im Silicon Valley steht die Garage, in der die damals 25-jährigen Informatik-Studenten Larry Page und Sergey Brin ihre Internet-Suchmaschine entwickelt haben. Das war vor acht Jahren. Heute beschäftigt ihre Firma 7000 Mitarbeiter. Den Google-Nutzern bieten sie den Zugang zu einem raffiniert aufgebauten Verzeichnis der mehr als acht Milliarden Webpages. Google ist die grösste Suchmaschine im World Wide Web. Ohne die intelligenten Suchfunktionen, wie sie in ähnlicher Form auch von mehreren Konkurrenzunternehmen angeboten werden, hätte dort niemand mehr einen Über-, geschweige denn Durchblick.«Googol» ist der mathematische Fachbegriff für eine Eins mit hundert Nullen. Das Verb «googeln» steht heute sogar im Duden.Kürzlich haben Page und Brin die Garage zurückgekauft, jetzt wird sie zum Google-Gästehaus. Der Börsengang vor zwei Jahren hat aus ihnen und drei anderen Ur-Googlern Milliardäre gemacht. Weitere tausend Mitarbeiter wurden über Nacht zu Millionären. An der Börse hat das Unternehmen einen Wert von 200 Milliarden Franken – mehr als die UBS. Jeder Mitarbeiter ist umgerechnet 28 Millionen Franken wert.Stimmt es, dass es für jeden Mitarbeiter eine Busse absetzt, der am Arbeitsplatz den Kurs der Google-Aktie verfolgt?«Davon habe ich noch nie etwas gehört! Man weiss sehr wenig über Google. Genau das gibt den Leuten Anlass, Gerüchte zu streuen. Dieses hier passt hervorragend dazu.»Noch ein Gerücht: Werden Sie demnächst mehr als tausend Mitarbeiter haben?«Wer weiss! Wir sind mit Prognosen vorsichtig. Aber in Zürich geht es nur aufwärts. Es wäre schön, wenn uns die Schweizer in ein paar Jahren im gleichen Atemzug wie UBS oder Migros nennen würden.»Das Google-Tempo in Zürich lässt sich auch an der Zahl der Kuchen ablesen, die in den vergangenen Wochen an die Freigutstrasse geliefert wurden. Es sind Dutzende.Jeder Kuchen steht für einen neuen Angestellten. Am ersten Arbeitstag wird ihm das Gebäck mit dem Schriftzug «Welcome to Zurich» als süsse Begrüssung auf den Schreibtisch gestellt. Und es werden beinahe täglich immer mehr Schreibtische.Der «Googlehopf» ist nicht das einzige Präsent für die Noogler, wie die Neuen bei Google genannt werden. Randy Knaflic nennt es lächelnd «das Gesamtpaket».Dazu gehören Gratis-Verpflegung im Büro rund um die Uhr. Gratis-Tram- und Halbtax-Abo. Gratis-Massagen im Büro. Gratis-Deutschkurse. Gratis-Google-Aktien. Auch an Töggelikasten und Billardtisch wurde hier gedacht.Zu schön und zu viel, um wahr zu sein?«Als Arbeitgeber ist Google top», schrieb die Gratis-Wirtschaftszeitung «Cash daily»: «Er bietet vieles, wovon Angestellte anderer Firmen nur träumen.»3000 Bewerbungen bekommt Google weltweit.Jeden Tag.Hunderte treffen allein in Zürich ein. Jede Woche.Ist es einfach «sexy», bei Google zu arbeiten, oder zahlen Sie auch anständige Löhne?«Wir profitieren sicher von dem Ruf, ‹sexy› zu sein. Geld gibt für unsere Mitarbeiter nicht den Ausschlag, sich für Google zu entscheiden. Vielmehr die Tatsache, dass man viele Freiheiten und tolle Kollegen aus den verschiedensten Ländern hat. Es ist bei uns sehr familiär, und die Leute unternehmen auch in der Freizeit viel zusammen.»«Wenn Sie ein Adrenalin-Abenteuer suchen, dann ist Google genau das Richtige für Sie!», verspricht die Werbung. Doch wie sieht es hinter der Fassade aus?In dem schmucken Haus waren vorher Anlagespezialisten der Privatbank Julius Bär untergebracht. Die New Economy verdrängte die Old Economy. Und auf dem Schweizer Tochterschiff des Suchkreuzers aus Mountain View geht es bestimmt lustiger zu als bei den Bankern.Bunte T-Shirts.Bunte Sitzbälle.Bunte Lava-Lampen.Google-City hat etwas von einem Raumschiff. Doch wer ist die Besatzung, wer sind die Menschen an Bord?Am Empfang wirbelt Marika Schilter, die erste Googlerin, der man in dieser Welt des Virtuellen begegnet. Die 23-Jährige arbeitet seit drei Monaten hier und schwärmt vom «herzlichen Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen».Im ersten Stock spricht die 32-jährige Office-Managerin Avieta Zgraggen mit leuchtenden Augen von der «Google Family». Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder lobt die «offene Kommunikation». Im dritten Stock erzählt die 25-jährige Christine Neidhart, wie die Leute reagieren, wenn sie sagt, sie arbeite bei Google: «Die meisten meinen einfach nur: ‹Wow!›» Neidhart ist Assistentin von Engineering Director Thomas Hofmann; in ihrem früheren Leben war sie Geschäftsführerin des Restaurants Münsterhof.Randy, sind wir hier bei einer Sekte?«Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten sehr eng zusammen und sind eine spezielle Gemeinschaft. Die Identifikation mit der Firma ist sicher sehr stark.»Wie gross die Identifikation ist, zeigt sich beim Rundgang. Viele tragen Firmen-T-Shirts, so auch Thomas Dübendorfer. Ihn haben Randys Scouts im Januar entdeckt. Sie sind auf seine private Website gesurft und haben sich gedacht: Der passt zu uns. Der unscheinbare Ph. D., Dr. sc., der an der ETH Zürich promoviert hat, kennt Silicon Valley aus eigener Erfahrung: Beim Computer-Giganten Hewlett-Packard arbeitete er 2001 im Forschungslabor in Palo Alto. «Es ist die Erfüllung eines Traums, jetzt bei Google zu sein», sagt der 31-jährige Dübendorfer. Trotz beeindruckender Karriere sitzt er mit beinahe kindlicher Freude hinter seinen Monitoren.Im Raumschiff der Google Switzerland GmbH ist Thomas Hanan der Einzige, der einen Anzug trägt. Aber das ist nur heute so: Der 35-jährige Verkaufsleiter, der seit drei Jahren Werbeflächen anbietet und damit schon ein Ur-Googler ist, kommt gerade von einer Schweizer Grossbank. Bis morgens um drei Uhr hat er an seiner Präsentation gearbeitet. Und man sieht es ihm an.«Arbeiten ist mein Hobby», sagt er mit geröteten Augen. Er sagt aber auch: «Die Uhr ist irrelevant.» Und: «Der Spirit der Firma motiviert uns, immer mehr als hundert Prozent zu geben.» Der entscheidende Satz des passionierten Seglers ist: «Es wird viel geboten, dadurch ist man auch bereit, viel zu geben.»Hart am Wind. Anders geht es hier nicht. «Gib dich nie mit dem Besten zufrieden», lautet die Firmenphilosophie. Die ersten Googler kommen morgens um acht, die letzten gehen nach Mitternacht. Eine Videokonferenz löst die nächste ab. Der einzige Raum ohne Computer ist die Toilette. Dass draussen eben noch Zürich war, ist nach einer Stunde vergessen. Reflexartig spricht jeder jeden auf Englisch an. Zum Mittagessen versammeln sich Menschen aus 35 Ländern. An der Fussball-WM in Deutschland waren es 32 Nationen. «En Guete», wünscht Randy und freut sich diebisch über seine paar Brocken Dialekt. Zu denen gehört auch: «Ich gang go bisle.» Und ganz wichtig, um das Tempo hoch zu halten: «Kafi».Randy, zum Schluss würden wir gerne wissen: Macht Google die Welt besser?«Daran glaube ich. Wir geben der Welt Zugang zu Information. Davon waren früher viele Menschen ausgeschlossen.»Was war das Letzte, was Sie vor unserem Besuch gegoogelt haben?«Gestern Abend war ich in London. Da suchte ich über Google ein türkisches Restaurant in der Nähe von Victoria Station.» Und?«Das Essen war grandios.»Dann düst er wieder davon, angetrieben vom Feuer der Liebe zu seinem Arbeitgeber, dem Raumschiff Google Switzerland GmbH. Publiziert am 16.11.2006 | Aktualisiert am 20.01.2012
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