BERN – Sie haben sich ziemlich dämlich angestellt und viele Spuren hinterlassen: Die CIA-Kidnapper, die im Februar 2003 in Italien den Imam Abu Omar entführt haben. BLICK zeigt exklusiv, wohin diese Spuren führen.Besonders das Team des Mailänder Staatsanwalts Armando Spataro hat ganze Arbeit geleistet. Es hat die Umstände der Entführung des Imams Abu Omar, die auch durch Schweizer Luftraum führte, minutiös untersucht. Und nicht nur eine ganze Reihe von Namen von CIA-Agenten ausfindig gemacht, die an der Entführung beteiligt waren.Spataro hat bei einigen dieser Agentinnen und Agenten auch herausgefunden, welche US-Adressen sie beim Einchecken in Hotels in Italien angaben. Und welche Telefonnummern in den USA sie von ihren Handys aus anriefen.BLICK hat aufgrund solcher Daten recherchiert. Eine Kerry-Wahlkämpfer in der
Familie hat Agent Victor Castellano, angeblich 38, vermutlich aber einige Jahre älter, wohnhaft in San Antonio, Texas. Er muss besonderes Heimweh gehabt haben – und wählte eine Reihe von Nummern in San Antonio. Drei dieser Nummern führen zum Nachnamen Cerveza*. Zu einer Sandra Cerveza, einer Melanie Cerveza, einem Raul Cerveza. Mit grosser Wahrscheinlichkeit heisst Castellano somit Cerveza. Pikant ist: Melanie Cerveza – vom Alter her könnte sie die Tochter Castellanos sein – arbeitete 2004 für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten und Bush-Herausforderer John Kerry. Sie präsentiert sich als engagierte Demokratin, Frauenrechtlerin, und arbeitet, hoppla, in einem Menschenrechtskomitee. Also genau das Gegenteil der Werte, für die Bush-Agent Castellano und sein CIA-Kommando stehen. Zwei Erklärungen sind möglich: Melanie war ein CIA-Maulwurf im Kerry-Lager, oder aber sie schlug gewaltig aus der Familie. Ein bekannter Ex-FBI-Mann ist wohl James Robert Kirkland (Bild rechts), angeblich 64, wohnhaft im Bundesstaat Kentucky. Auch dieser CIA-Agent telefonierte oft nach Hause. Er rief eine ganze Reihe von Telefonnummern in seinem Wohnort in Kentucky an. Zwei dieser Nummern sind auf den Namen Doverfield* registiert, eine führt zu Robert Doverfield. Der war während 30 Jahren in führender Stellung beim FBI, darunter auch in Washington DC, später befasste er sich anderweitig mit «Sicherheitsfragen»: Jedenfalls ist er in der Region bekannt wie ein bunter Hund. Von ihm findet sich ein Bild im Internet, und das sieht dem Konterfei in Kirklands Pass so ähnlich, dass es mit grösster Wahrscheinlichkeit ein und dieselbe Person abbildet. Von Doverfield ist zu lesen,dass er jetzt auf seiner Ranch in Kentucky seinen Ruhestand geniesse. Zur Abwechslung nimmt er aber offenbar noch hie und da an einem Kidnapping teil. Ein munteres Kidnapper Ehepaar sind wohl Gregory Asherleigh (51) und Brenda Ibanez (46). Die Agenten haben auf den ersten Blick nichts gemein. Sie war 2003 in Italien in der Observatoren-Gruppe beschäftigt, er im Trupp, der Abu Omar am helllichten Tag auf der Strasse kidnappte. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass sie gleichzeitig in Italien ankamen, in den gleichen Hotels übernachteten, und Italien auch gleichzeitig wieder verliessen: Nach der Entführung gönnten sie sich ein paar Tage in einem Luxushotel in Venedig – was auf ein genussfreudiges Kidnapper-Paar hindeutet. Umso mehr, als unter der Postfach-Adresse in Washington DC, die sie beide angaben, insgesamt vier Namen auftauchen. Zwei davon: Greg Bengali* und Brenda Bengali*. Scheinen also sogar einen Trauschein zu haben. Bekannt ist ja, dass CIA-Agenten bei Tarnidentitäten gerne ihre Vornamen behalten. Greg Bengali war 2005 als Mitarbeiter eines internationalen Instituts in Washington DC gemeldet, das sich dem Kampf gegen den Hunger in der 3. Welt verschrieben hat. Solche Organisationen werden von der CIA mit Vorliebe unterwandert. Zur Top-Kidnapperin Cynthia Dame Logan, angeblich 46, dürften die zwei weiteren Namen gehören, die beim Bengali-Postfach auftauchen. Denn auch die Logan hatte in Italien dieses Postfach als Geschäftsadresse angegeben. Dort taucht sie als R. Cynthia Ways* auf. Zusammen mit einem Reginald Ways*, der womöglich ihr Mann ist. Sicher ist, dass die Logan verdächtigt wird, im Anschluss an die Italien-Entführung zusammen mit Asherleigh alias Bengali auch in Norwegen ein Kidnapping vorbereitet zu haben. Und zusammen mit Villenverkäufer Purvis (siehe unten) soll sie später, 2005, auch in Österreich eine Entführung vorbereitet haben. In einem wahren Agentennest haben die Entführer Ben Amar Harty (62) und Raymond Harbaugh (67) ihre Postfach-Adresse. Wer die Adresse im
Staat Virginia in US-Datenbanken überprüft, findet nicht nur die Namen der zwei Agenten, wenn auch mit völlig falschen Altersangaben versehen. Sondern nicht weniger als 14 weitere offensichtliche CIA-Tarnnamen: Allesamt Personen ohne Telefonnummer, ohne Verwandte, nur mit Postfach-Adressen. Sie tragen Namen wie Michalis J. Petrusky, Melody A. Shimata, Brian L. Mulrooney oder Brett T. Lagrange. Jedenfalls wird die CIA nicht umhinkommen, eine ganze Reihe von neuen Tarnnamen zu erfinden. Zwei Villen verkauft hat Agent George L. Purvis, 47, geboren in China, wohnhaft im Bundesstaat Virginia nahe der CIA-Zentrale. Während viele Agenten mit Tarnnamen auftraten, trat Purvis dummerweise offensichtlich unter seinem richtigen Namen auf. Recherchen ergeben: Purvis hat im Nachgang zur Entführung, in den Jahren 2004 und 2005, in Ashburn im Staat Virginia zwei teure Häuser verkauft: Das eine für 550000 Dollar, das andere für 870000 Dollar. Vor und nach der Entführung hatte er die Festnetz-Nummern in diesen Liegenschaften wiederholt angerufen. Eine der Nummern praktisch jeden Tag. Eine der zwei Adressen, wenn nicht beide, wird seine private gewesen sein. An beiden Adressen ist auch seine um sechs Jahre ältere Frau zu finden. Allenfalls war eine davon auch eine CIA-Liegenschaft. Als Purvis Name im Zusammenhang mit der Entführung international in die Schlagzeilen geriet, wurden ihm die zwei Pflaster offensichtlich zu heiss. Er verkaufte die Häuser und tauchte unter. Purvis gilt als zentrale Figur bei der Entführung, weil er Verbindung zur CIA-Zentrale nach Langley, Virginia, hielt. Wie die italienische Zeitung Corriere della Sera und das österreichische Magazin Profil berichten, war Purvis 2002 auch in
Wien – auch dort soll er in eine versuchte Entführung eines Imams verwickelt gewesen sein. Dümmer gelaufen als für Purvis ist es für Robert Seldon Lady (53), eine weitere Schlüsselfigur in der Abu Omar-Entführung. Er war CIA-Bürochef in Milano, wollte sich mitsamt Ehefrau Martha in Italien zur Ruhe setzen. Nur: Nach Auffliegen der Affäre setze er sich ins Ausland ab, er tauchte zeitweilig auch in
Genf unter. Kürzlich aber beschlagnahmte die italienische
Justiz kurzerhand Ladys Haus in Norditalien. Aus dem Verkaufserlös sollen die Verfahrenkosten gedeckt und allenfalls das Opfer entschädigt werden. Ladys Sohn nimmt übrigens im Moment in den USA Flugstunden. Ob er CIA-Entführungsjets zu pilotieren gedenkt, ist nicht überliefert.*Nachnamen von der Redaktion geändert. Vornamen unverändert.