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17. Februar 2003, 12.30 Uhr, Mitten in Mailand. Nasr Osama Mustapha Hassan alias Abu Omar, fundamentalistischer Imam aus Ägypten, ist auf dem Weg zur Mosche. Dort kommt er nicht an. Stattdessen wird er von zwei falschen Polizisten angesprochen und in einen Lieferwagen gestossen. Das Fahrzeug bringt ihn in die US-Luftwaffenbasis Aviano in Nordostitalien. Dort wird Abu Omar sogleich in eine Lear-Jet der US-Airforce verfrachtet und über die Alpen in den Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland gebracht.
Das ist nicht die Entstation: Der Ägypter wird postwendend umgeladen in die Gulfstream N85VM des CIA. Dann geht es südwärts, wieder über die Alpen (und vermutlich durch Schweizer Luftraum) nach Kairo, Ägypten, ins Al Tora-Gefängnis. Kurz nach Mitternacht meldet ein CIA-Mann in Italien per Handy in seine Zentrale in den USA: «Mission erfüllt». Monate später, als er einmal seiner Frau telefonieren kann, gibt Abu Omar an, gefoltert worden zu sein. Seither fehlt von ihm jede Spur.
Der CIA hat ganze Arbeit gemacht im Fall Abu Omar. 22 Personen sollen am Kidnapping mitgearbeitet haben, gegen sie laufen derzeit internationale Haftbefehle der Mailänder Staatsanwaltschaft. Leiter des CIA-Kommandos von Mailand war Robert Seldon Lady, der auch schon in den Irangate der Reagan-Regierung (illegale Waffenlieferungen) verwickelt gewesen sein soll. Lady wollte sich eigentlich nach dem Omar-Kidnapping im Piemont zur Ruhe setzen, ein Haus hatte er schon gekauft. Doch daraus wird jetzt vorderhand nichts. Er soll in Honduras, wo er geboren ist, oder in den USA untergetaucht sein, wie die «Chicago Tribune» vermutet.
Brisant am Fall ist, dass Oberagent «Bob» Lady eine Woche nach der Entführung in Zürich auftauchte. Er stieg dort in einem Hotel ab, bevor er nach Kairo flog. Die italienischen Ermittler haben in Ladys Computer entsprechende Belege gefunden. Zwar hatte Ladys Frau die Daten gelöscht, doch die Italiener haben sie mit Spezialsoftware wieder hergestellt. So fanden die Italiener auch den Beleg dafür, dass Lady zwei Wochen nach seiner Kairo-Reise wieder in Zürich auftauchte. Von dort reiste er weiter nach Italien. Auch zwei weitere Kommando-Mitglieder sollen sich nach dem Kidnapping in Zürich aufgehalten haben, wie der SonntagsBlick meldete.
Agenten-Drehscheibe Zürich? Für diese Frage interessiert sich auch FDP-Ständerat Dick Marty, der im Auftrag des Europarats die CIA-Affäre untersucht.
Was die Italiener in Ladys Computer auch noch gefunden haben: Ein Bild von Abu Omar auf seinem Arbeitsweg in Mailand, das Wochen vor dem Kidnapping aufgenommen wurde. Und auch Belege dafür, dass Lady im Internet nach dem schnellsten Weg von Mailand nach Aviano gesucht hat.
Die CIA-Agenten, unter ihnen auch einige Frauen, haben die Entführung also lange und minutiös geplant. Sie liessen es sich in dieser Zeit gut gehen. Sie stiegen am liebsten paarweise in Luxushotels ab. Insgesamt sollen sie gemäss italienischen Ermittlern 120000 Euro für Übernachtungen in Fünf-Sterne-Hotels hingeblättert haben.
Laut neusten Informationen des «Corriere della Sera» hat der CIA, der seine Agenten natürlich nicht ausliefern will, jetzt erstmals seine Verteidigungsstrategie präsentiert. Sie lautet: Diplomatische Immunität der Agenten, die teilweise beim US-Konsulat in Mailand oder der Botschaft in Rom akkreditiert waren. Zweite Verteidigungslinie: Staatsgeheimnis.
Doch die Mailänder Staatsanwälte stellen sich auf den Standpunkt: Nichts davon rechtfertigt eine Entführung. Sie hatten schon früher ihre Motive für die Untersuchung gegen den CIA vorgebracht: Abu Omar hätte, wenn er denn terroristisch tätig war, jederzeit an die USA ausgeliefert werden können. Doch nie hätten die USA ein solches Gesuch gestellt.
Dies vermutlich mit gutem Grund: Laut italienischen Ermittlern soll Abu Omar in den 90er Jahren selbst für den CIA gearbeitet hat. Etwa als Spitzel in Albanien. Der wahre Hintergrund der Entführung in Mailand soll der Versuch des CIA gewesen sein, den Imam wieder als Spitzel zu rekrutieren. In Kairoer Gefängnis wurde ihm dies auch vorgeschlagen, dann hätte man ihn freigelassen. Doch der islamische Fundamentalist lehnte ab.