
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Im Albert-Schweitzer-Spital in Deschapelles fand Marianne Kaufmann ihre Bestimmung und ihr Glück: Die Arbeit mit den Patienten erfüllt sie.- ZVG
Für Marianne Kaufmann war der 12. Januar eine ganz normale Schicht im Albert-Schweitzer-Spital in der haitianischen Kleinstadt Deschapelles – so wie auf dem Bild auf der Frontseite. Wie an jedem anderen Arbeitstag in den vergangenen zwei Jahren hatte die Schweizer Krankenschwester noch geholfen, etwa 60 Patienten für die Nacht zu versorgen. Nun wollte sie nur noch nach Hause und sich ausruhen.
Doch «auf einmal schwankten alle Wände», beschreibt die junge Frau aus Bern die schlimmsten 44 Sekunden ihres Lebens. «Ich musste mich festhalten», sagt sie im Gespräch mit SonntagsBlick, «weil ich das Gefühl hatte, in ein schwarzes Loch zu stürzen.»
Immerhin hatte der gewaltige Erdstoss das Krankenhaus nicht beschädigt. Auch in der Privatwohnung von Schwester Marianne waren «nur ein paar Weinflaschen aus dem Regal gefallen und der Kühlschrank stand offen». Nichts deutete auf die kaum vorstellbare Katastrophe hin, welche über die rund 70 Kilometer entfernte Hauptstadt Port-au-Prince gekommen war.
Das waren die letzten «normalen» Minuten für die 26-Jährige. Als sie am Computer vom Ausmass der Zerstörung las, lief die junge Frau zurück ins Spital. «Ich wusste, dass wir neue Patienten bekommen würden: Dort musste ich hin.»
Seither ist Marianne Kaufmann im Dauereinsatz. Mehr als zwei Stunden Schlaf pro Nacht sind nicht drin. Denn der Patientenstrom in das für höchstens hundert Kranke ausgelegte Albert-Schweitzer-Spital will nicht abreissen. Obwohl das Beben die Strasse aus der Hauptstadt an mehreren Stellen unterbrochen hat, waren bis Samstag früh schon über 300 zum Teil Schwerstverletzte gekommen. Ihre Wunden lassen ahnen, welche Tragödien sich in den zerstörten Gebieten abspielen. «Wir behandeln offene Knochenbrüche, offene Schädelfrakturen, Menschen, denen Arme oder Beine fehlen», sagt sie. «Der Operationsraum ist rund um die Uhr in Betrieb.»
Nur die leichte Heiserkeit der jungen Frau deutet darauf hin, wie nah ihr die schrecklichen Bilder aus diesen Tagen gehen. Und wie sehr sie darunter leidet, kaum mit den Menschen reden zu können, die beim Erdbeben alles verloren haben und jetzt langsam aus dem Schockzustand wieder zu sich kommen. «Alle haben Angehörige verloren. Viele ihrer Lieben sind noch verschollen. Eigentlich bräuchten sie jetzt jemanden, der ihnen geduldig zuhört.»
Aber dafür bleibt keine Zeit. Nur vier Tage nach dem Killerbeben sind die medizinischen Vorräte fast aufgebraucht. Schwester Marianne muss die Ausgabe von Schmerzmitteln rationieren. «Die Schreie meiner Patienten beim Verbandwechseln sind für alle schier unerträglich.» In drei Tagen wird auch kein Verbandsmaterial mehr da sein. Spätestens dann ist auch der Tank für den Stromgenerator und der für die Autos leer. «Wie es danach weitergehen soll, weiss ich nicht.»
Die Zustände in Haiti mögen in diesen Tagen katastrophal sein. Doch eines kommt der couragierten Schwester aus Bern nicht in den Sinn: «Ich werde der Empfehlung der Botschaft, das Land zu verlassen, nicht folgen. Mein Platz ist hier, bei meinen Patienten. Alles andere ist zweitrangig.»
Die Zukunft plant Marianne Kaufmann mit ihrem Verlobten.- ZVG