Wie kam der Schnorrer an die Steuerdaten?
VADUZ – Seine Bekannten nannten ihn liebevoll Henry. Obwohl Heinrich Kieber (42) Geld schnorrte und ihren Kühlschrank leerte. Jetzt rätseln sie: Dieser Mann soll den Steuerskandal ausgelöst haben?
Von Karin Baltisberger und Matthias Pfander | Aktualisiert um 11:33 | 21.02.2008
In der oberen Etage links lebte er, bis er die Wohnung nicht mehr zahlen konnte. (Blick / Toini Lindroos)
Im liechtensteinischen Balzers mag man sich gut an Heinrich Kieber erinnern. Dass sich «Henry» nach Australien abgesetzt haben soll, überrascht seinen alten Bekannten Sandro H.* nicht: «Australien war schon immer sein Traum.»
Sonst war er eher verschwiegen. «Er erzählte uns nie etwas von seiner Arbeit», erinnert sich Sandro H. Aber er weiss: Kieber hat für die LGT Treuhand von 2001 bis 2002 als Spanisch-Übersetzer gearbeitet.
Kam er in dieser Funktion an die brisanten Kundendaten heran? Es wäre ein Skandal. Bei der LGT will man nicht sagen, wofür der mutmassliche Steuerverräter angestellt war. Oder handelte Kieber gar nicht allein? Und: Ist er überhaupt der Datendieb, der den Steuerskandal zwischen dem Fürstentum und Deutschland auslöste?
Vieles deutet darauf hin, dass er dem deutschen Geheimdienst für 4,2 Millionen Euro die Daten von Steuersündern verkaufte (im BLICK). Fest steht: Als ihn die LGT Treuhand 2001 anstellt, hat er bereits eine Straftat begangen. 1996 versuchte er in Barcelona mit einem Immobilien-Deal 600000 Franken zu ergaunern. Deshalb suchten ihn die spanischen und später auch die liechtensteinischen Behörden.
Während seiner Zeit bei der LGT Treuhand läuft das Verfahren nach wie vor. Wieso merkt die Firma nicht, dass sie einen Betrüger angestellt hat? Ein LGT-Sprecher wehrt sich: Er sei nicht vorbestraft gewesen und das Verfahren in Spanien immer noch hängig. «Somit war kein Einblick möglich.»
Bei der LGT war Kieber nicht Vollzeit beschäftigt. «Er sagte, er könne nicht 100 Prozent arbeiten, weil er einmal einen Flugzeugabsturz hatte», erzählt sein Bekannter Sandro. Kieber gibt sich als Pilot von Passagierflugzeugen aus. «Wir haben ihm dies aber nie wirklich geglaubt – er ist ein Schwätzer.»
Nebenbei hält Kieber als Abwart an seinem Wohnort den Block in Schwung. Seine Nachbarn können sich noch gut an ihn erinnern. Eine junge Italienerin erzählt: «Er war ein komischer Kauz.» Ein Einzelgänger, ein Schwadroneur. Anschluss findet er bei der Familie von Sandro H. «Er hat sich bei uns durchgeschnorrt, kam immer, wenn es etwas zu essen gab», erzählt Sandro. Er kam auch schon mal unangemeldet, öffnete den Kühlschrank. «Da hats ja gar nichts Gescheites drin», habe er ausgerufen und sei wieder gegangen.
Doch «Henry» hilft auch: Er ist eine Art Privatchauffeur von Sandro H.s Familie. Vor allem geht er im Rossstall zur Hand. «Er begleitete meine Schwester beim Ausreiten – aber zu Fuss.» Kieber ist ständig in Geldnöten. «Einmal konnte er seine Wohnung nicht mehr bezahlen, da mussten wir ihm aushelfen», sagt Sandro H. Schliesslich muss er 2004 ganz aus seiner komfortablen Viereinhalb-Zimmer-Wohnung ausziehen.
Von seiner kriminellen Seite merken die Bekannten nichts. Auch nicht, dass er im Januar 2003 zum ersten Mal versucht, die gestohlenen Daten zu nutzen: Wohl um seinen Kopf wegen des Verfahrens in Spanien aus der Schlinge zu ziehen, verlangt er von den liechtensteinischen Behörden zwei falsche Reisepässe.
Er droht, er würde sonst die Kundendaten der LGT Treuhand an ausländische Medien und Behörden weitergeben. Die Liechtensteiner gehen nicht darauf ein. Plötzlich aber zeigt sich Kieber kooperativ, gibt die Daten zurück. Behält aber offensichtlich eine Kopie.
Am 7. Januar 2004 wird er vom Fürstlichen Obergericht wegen «schweren Betruges, versuchter Nötigung und Urkundenunterdrückung» verurteilt: 1 Jahr bedingt, drei Jahre Bewährung. Für den Datenklau wird er nicht bestraft.
Danach sieht man ihn im Ländle nicht mehr. Bis vor zwei Jahren. Da trifft ihn Sandro H. wieder: «Er hat nicht viel von sich erzählt.» Heute wird sich Kieber hüten, liechtensteinischen Boden zu betreten.
*Name der Redaktion bekannt
Sonst war er eher verschwiegen. «Er erzählte uns nie etwas von seiner Arbeit», erinnert sich Sandro H. Aber er weiss: Kieber hat für die LGT Treuhand von 2001 bis 2002 als Spanisch-Übersetzer gearbeitet.
Kam er in dieser Funktion an die brisanten Kundendaten heran? Es wäre ein Skandal. Bei der LGT will man nicht sagen, wofür der mutmassliche Steuerverräter angestellt war. Oder handelte Kieber gar nicht allein? Und: Ist er überhaupt der Datendieb, der den Steuerskandal zwischen dem Fürstentum und Deutschland auslöste?
Vieles deutet darauf hin, dass er dem deutschen Geheimdienst für 4,2 Millionen Euro die Daten von Steuersündern verkaufte (im BLICK). Fest steht: Als ihn die LGT Treuhand 2001 anstellt, hat er bereits eine Straftat begangen. 1996 versuchte er in Barcelona mit einem Immobilien-Deal 600000 Franken zu ergaunern. Deshalb suchten ihn die spanischen und später auch die liechtensteinischen Behörden.
Während seiner Zeit bei der LGT Treuhand läuft das Verfahren nach wie vor. Wieso merkt die Firma nicht, dass sie einen Betrüger angestellt hat? Ein LGT-Sprecher wehrt sich: Er sei nicht vorbestraft gewesen und das Verfahren in Spanien immer noch hängig. «Somit war kein Einblick möglich.»
Bei der LGT war Kieber nicht Vollzeit beschäftigt. «Er sagte, er könne nicht 100 Prozent arbeiten, weil er einmal einen Flugzeugabsturz hatte», erzählt sein Bekannter Sandro. Kieber gibt sich als Pilot von Passagierflugzeugen aus. «Wir haben ihm dies aber nie wirklich geglaubt – er ist ein Schwätzer.»
Nebenbei hält Kieber als Abwart an seinem Wohnort den Block in Schwung. Seine Nachbarn können sich noch gut an ihn erinnern. Eine junge Italienerin erzählt: «Er war ein komischer Kauz.» Ein Einzelgänger, ein Schwadroneur. Anschluss findet er bei der Familie von Sandro H. «Er hat sich bei uns durchgeschnorrt, kam immer, wenn es etwas zu essen gab», erzählt Sandro. Er kam auch schon mal unangemeldet, öffnete den Kühlschrank. «Da hats ja gar nichts Gescheites drin», habe er ausgerufen und sei wieder gegangen.
Doch «Henry» hilft auch: Er ist eine Art Privatchauffeur von Sandro H.s Familie. Vor allem geht er im Rossstall zur Hand. «Er begleitete meine Schwester beim Ausreiten – aber zu Fuss.» Kieber ist ständig in Geldnöten. «Einmal konnte er seine Wohnung nicht mehr bezahlen, da mussten wir ihm aushelfen», sagt Sandro H. Schliesslich muss er 2004 ganz aus seiner komfortablen Viereinhalb-Zimmer-Wohnung ausziehen.
Von seiner kriminellen Seite merken die Bekannten nichts. Auch nicht, dass er im Januar 2003 zum ersten Mal versucht, die gestohlenen Daten zu nutzen: Wohl um seinen Kopf wegen des Verfahrens in Spanien aus der Schlinge zu ziehen, verlangt er von den liechtensteinischen Behörden zwei falsche Reisepässe.
Er droht, er würde sonst die Kundendaten der LGT Treuhand an ausländische Medien und Behörden weitergeben. Die Liechtensteiner gehen nicht darauf ein. Plötzlich aber zeigt sich Kieber kooperativ, gibt die Daten zurück. Behält aber offensichtlich eine Kopie.
Am 7. Januar 2004 wird er vom Fürstlichen Obergericht wegen «schweren Betruges, versuchter Nötigung und Urkundenunterdrückung» verurteilt: 1 Jahr bedingt, drei Jahre Bewährung. Für den Datenklau wird er nicht bestraft.
Danach sieht man ihn im Ländle nicht mehr. Bis vor zwei Jahren. Da trifft ihn Sandro H. wieder: «Er hat nicht viel von sich erzählt.» Heute wird sich Kieber hüten, liechtensteinischen Boden zu betreten.
*Name der Redaktion bekannt
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