Interview mit Polit-Experte Hamed Abdel-Samad Wer will, dass Ägypten im Chaos versinkt?

Der ägyptische Politikwissenschaftler und Historiker Hamed Abdel-Samad (39) sagt im BLICK, was er vom jüngsten Ausbruch der Gewalttätigkeiten in Ägypten hält.

  • Publiziert: 02.02.2012, Aktualisiert: 03.02.2012
  • Interview: Ann Guenter
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(AFP ImageForum)

Der ägyptische Politikwissenschaftler und Historiker Hamed Abdel-Samad (39) ist erst gerade aus Kairo nach Deutschland zurückgekehrt, als ihn die Nachrichten über die tödlichen Krawalle in Port Said erreichen.

Was sagen Sie zum Ausbruch dieser Gewalttätigkeiten? Hamed Abdel-Samad: Für mich ist klar: Die Gewalt im Stadion von Port Said war eindeutig von oben inszeniert.

Ist das so eindeutig? Immerhin kommt Gewalt bei Fussballspielen immer wieder vor – und auch in Ägypten gibt es Ultras und Hooligans. Das stimmt natürlich. Es gibt eine alte Feindschaft mit Randalen und Hass-Parolen zwischen den verschiedenen Fussballfans im Land. Neu ist, dass die Ultras von Kairo seit einem Jahr eine politische Rolle spielen. Sie waren für die Revolu­tionsbewegung auf dem Tahrir-Platz unabdingbar und agierten als Beschützer. Denn sie sind Experten im Strassenkampf gegen die Polizei, kennen deren Tricks und Taktiken.

Was spricht denn dafür, dass die Gewalt im Stadion von Port Said von oben angezettelt war? Fakt eins: Anders als sonst waren Polizei und Sicherheitskräfte nur marginal im Stadion vertreten. Fakt zwei: In der zweiten Halbzeit schafften Polizisten die Barrikaden zwischen Rängen und Spielfeld weg. Sehr ungewöhnlich. Fakt drei: Der Gouverneur von Port Said war bei dem Spiel nicht dabei, und der Polizeichef verliess das Stadion in der Halbzeit. Das gabs noch gar nie, wenn Al Masry gegen Al Ahly spielte.

Von wem, wenn nicht von Ultras, ging die Gewalt aus? Von bezahlten Schlägern. Augenzeugen haben mir berichtet, dass Dutzende von ihnen mit Waffen ins kaum kontrollierte Stadion kamen. Stellen Sie sich vor, nicht wenige gingen sogar mit Schwertern hinein! Die Polizei schaute einfach zu.

Wer steckt Ihrer Meinung nach hinter den Krawallen? Es gibt mehrere Möglichkeiten: der Militärrat, die Polizei oder Mubarak-Schergen, die aus dem Gefängnis agieren.

Doch wer hat ein Interesse daran, dass Ägypten im Chaos versinkt? Der Militärrat. Er klammert sich verzweifelt an die Macht. Die beschlossene Einschränkung des Notstandgesetzes schwächt ihn, denn jetzt können Regimekritiker nicht mehr grundlos festgenommen werden. Jetzt haben vielmehr die Mitglieder des Militärrats Angst, abgesetzt und vor Gericht gezerrt zu werden. Für die Militärs ist es wichtig, dass auf den Strassen Chaos herrscht, denn das ist die beste Begründung dafür, das Notstandgesetz wieder einzuführen. Der Militärrat profitiert als Einziger von den Krawallen.

Was für Folgen hat das Drama vom Mittwoch für Ägypten? Mubarak sagte vor einem Jahr: «Ich oder das Chaos.» Darauf setzt auch der Militärrat. Er will einen Bürgerkrieg. Er spielt die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aus, und er will zeigen, dass es ohne ihn weder Ordnung noch Sicherheit gibt. Doch die Menschen durchschauen dieses Spiel langsam. Im Februar 2011 waren 95 Prozent der Ägypter für den Militärrat. Jetzt sind 80 Prozent gegen dieses Regime. Aber noch ist alles offen.

Hamed Abdel-Samad ist Politikwissenschaftler und Buchautor. Für BLICK schrieb er letzte Woche die Serie «Ein Jahr nach der Revolution auf dem Tahrir-Platz».

Würden Sie noch in Ägypten Ferien machen?»

Kommentare (4)

  • Fred   Koller
    Oje, ich sehe schon die nächste Flüchtlingswelle auf uns zukommen.
    Und genau die Schlägertypen sinds, welche dann bei uns anklopfen und natürlich lassen wir sie auch gerne rein!
    • 03.02.2012
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    • Werner  Bieinisowitsch , Sant Jordi
      Ja, genau wie Sie es schreiben, es sind nämlich nicht die Flüchtlinge, sondern diese feigen Schläger, welche in Europa Schweiz Unterschlupf suchen, und die Deppen um Sommaruga merken das nicht.
      • 03.02.2012
      • als Kommentar auf Fred   Koller
      • 1 Gefällt mir
  • Fred  Bartlome
    Auch Politwissenschafter koennen sich irren! Es ist nur eine von vielen Ansichten. Lassen wir die Wirklichkeit uns vor die Augen fuehren und die sieht ein wenig anders aus. Fuer Traeumereien oder "wishful thinking Gedanken" brauchen wir keine Orakelleser.
    • 03.02.2012
    • 0 Gefällt mir
  • Fred  Bartlome
    Wir haben entschieden, keine Ferien mehr in Aegypten zu buchen. Sollen doch diese Brueder mit Ihren Glaubensgenossen aus dem Iran, Nordnigeria, Afghanistan und Pakistan Ihre Ferien geniessen. Wir lassen Sie ab jetzt mit unserer Anwesenheit im Frieden. obwohl in unserer Familie nie jemand provokative Kleider getragen hat und wir immer respektvoll und mit Anstand den Menschen begegnet sind.
    • 03.02.2012
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