Parmy Olson weiss, was bei Anonymous wirklich abgeht Wer steckt hinter dieser Maske?

Immer wieder legen Hacker die Server von Staaten und Firmen lahm. Wer sind die Cyberpiraten von Anonymous? Die Journalistin Parmy Olson hat Anonymous hinter die Maske geschaut und SonntagsBlick davon erzählt.

  • Publiziert: 29.07.2012
  • Interview: Christian Maurer
play

Diese traditionelle englische Guy-Fawkes-Maske ist das Symbol der internationalen Hackergemeinde Anonymous.

(iStockphoto)

Sympathisanten von Anonymous tragen die Maske von Guy Fawkes, einem englischen «Terroristen» aus dem Mittelalter. Wer steckt heute hinter der Maske?
Parmy Olson:
Das sind normale Leute – mitmachen kann ja jeder. Viele haben einen Job, einige sind arbeitslos oder Studenten. Fast alle sind Jugendliche – sie sind mit der Netzkultur aufgewachsen, sprechen den Internet-Jargon, treffen im Netz ihre Freunde.

Also sind nicht alle Computer-Hacker?
Richtige Hacker sind eine verschwindend kleine Minderheit. Die meisten Anons verstehen sich auch nicht als Hacker, weil es so einfach ist, irgendwo ein­zudringen, Daten runterzuladen oder ein Facebook-Profil zu ­manipulieren.

Computer-Nerds sind sie aber schon?
Viele sind im richtigen Leben ganz anders als online. Für das Netz haben sie ein Alter Ego. Ich habe mit Leuten gesprochen, die online total charmant und witzig sind, im richtigen Leben aber total schüchtern.

An wen denken Sie speziell?
Da war ein 26-jähriger ehemaliger britischer Soldat, der sich als das 16-jährige Mädchen Kayla ausgab und nun auf einen Gerichtstermin wartet. Als junge Frau erregte er natürlich sehr viel mehr Aufsehen, als wenn er ­wahre Angaben über sich gemacht hätte. Ein anderer gab sich als Weltmann, lebte aber als einsamer Teenager auf einer abgelegenen Insel vor Schottland. Ein anderer ist Familienvater in New York, ein total netter Mann, der im Netz den bösen Gangster mimt.

Bei Anonymous ist es also wie in jedem Chatroom, wo man sich so attraktiv darstellen kann, wie man will.
Man spielt Verstecken, um lustige oder verrückte Dinge tun zu können. Bei Anonymous kommt hinzu, dass sich die Beteiligten verstecken müssen, weil sie häufig die Grenze der Legalität streifen oder überschreiten. Das Alter Ego ist dann Teil einer Tarnung.

Gibt es eine Hierarchie?
Anonymous ist organisiertes Chaos. Es gibt temporäre Strukturen, die kommen und verschwinden. Leute, die sich vernetzen und wieder auseinandergehen.

Aber es gibt Anführer?
Natürlich gibt es Leute, die sich viel mehr einbringen als andere. Die Hierarchie von Aktiven und Mitläufern ist allerdings zerbrechlich. Jeder, der sich aktiv vordrängt und führen will, wird sofort abgestellt.

Wer sind die Anführer?
Die Leaderfiguren sind praktisch immer junge Männer, sehr selten Frauen, die mit dem Word Wide Web aufgewachsen sind und zur Internet-Community gehören. Sie haben sehr viel Computerwissen, sind in den Diskussionsforen und Chatrooms zu Hause.

Sie sagen Mitläufer – wissen die, was sie tun, wenn sie sich an einem Hackerangriff beteiligen?
Sicher nicht alle. In der Internet-Community geht es vielen darum, etwas gemeinsam zu tun, ­Informationen zu teilen, miteinander Spass zu haben. Dass sie sich an illegalen Aktionen beteiligen, ist manchen nicht richtig bewusst. Man kann sagen, dass sie manipuliert werden.

Das müssen Sie erklären.
Der Operator, eine Art vorübergehender Anführer, sagt zum Beispiel, die Aktionen gegen Paypal oder Mastercard seien völlig legal. Oder sagte, es seien so viele Freiwillige beteiligt, dass die Polizei nie gegen alle vorgehen könne. Oft heisst es, mit diesem oder jenem Hackerprogramm bleibe der Absender komplett verborgen, die IP-Adresse lasse sich nicht herausfinden. Das stimmt natürlich alles nicht. Die Behörden fanden sehr wohl heraus, wer an den Attacken teilgenommen hatte.

Warum machen auch Leute wie Hausfrauen und Lehrer mit?
Wahrscheinlich, um an einem ­globalen Projekt beteiligt zu sein. Es hat etwas Anarchisches, man hat das Gefühl, den Mächtigen eins auszuwischen.

Was will Anonymous eigentlich?
Weder hat Anonymous klar definierte Angriffsziele, noch haben die ­Anhänger eine eindeutige Motivation zum Mitmachen. Grob gesagt, gibt es jene, die Anonymous für politische Zwecke nutzen wollen, und jene, die sich gegen jede politische Vereinnahmung wehren. Sie wollen nur Spass ­haben, vielleicht noch andere Leute, Firmen oder Regierungen ärgern.

Wer hat mehr zu sagen, die politischen oder die apolitischen Aktivisten?
Ich denke, Anonymous kann ein Einstieg zum politischen Handeln sein. Junge Leute diskutieren hier über die Demokratiebewegungen im Nahen und Fernen Osten oder über Zensur- und Regulierung des Internets in den USA und Europa. Anonymous kann ein Gegengift für die politische Apathie junger Menschen sein.

Nach den Anonymous-Attacken auf Regierungsserver, auf Paypal und Mastercard wurden Führungsfiguren verhaftet. Ist Anonymous am Ende?
Nein, überhaupt nicht. Viele ­haben sich verraten gefühlt, es geht aber weiter, man ist nur vorsichtiger. Es gibt jeden Tag eine Aktion irgendwo auf der Welt. Aber die ist nicht mehr unbedingt illegal, sondern gilt der legalen Sammlung von Daten, zum Beispiel über japanische AKW oder chinesische Firmen und ihren Umgang mit Arbeitern und Natur. Gehackt wird da nicht.

Anonymous ist nicht mehr gefährlich?
Ich glaube nicht, dass Anonymous wirklich gefährlich ist. Trotzdem muss sich die Welt auf zunehmende Cyber-Aktionen einstellen.

Haben Sie selber bei Anonymous mitgemacht?
Nein, nie. Das war keine Undercover-Recherche. Ich habe mich immer mit meinem richtigen ­Namen vorgestellt und gesagt, dass ich Journalistin bin.

Alle Kommentare (1)

  • andreas  birrer , rotkreuz
    Ich denke dass Anononymouse etwas vom wichtigsten ist und sein wird, was wor hier auf der Welt haben werden.
    Hört niemals auf Fragen zu stellen und alles zu hinterzufragen,

Top 3

1 Nach Verfolgungsjagd Melissa (27) stellt den Kidnapper ihrer Tochter (4)bullet
2 Drei Tote Zwei Heissluftballons krachen zusammenbullet
3 Tragischer Polizist Geisel mit Kopfschuss erschossenbullet

Ausland