Hetzjagd im Internet Welpen-Killerin im Fadenkreuz

  • Publiziert: 31.08.2010, Aktualisiert: 20.01.2012

SARAJEVO - Wehe, wenn sie losgelassen: Die User des Internet-Forums «4chan» haben sich aufgemacht, die Welpen-Killerin zu finden – und ihr Hass kennt keine Grenzen.

Nicht nur Tierfreunde sind entsetzt: Eine Teenagerin grinsend Hunde-Welpen in einen Fluss. Das klägliche Winseln erweicht ihr Herz nicht. Sie leert den Eimer, bis alle Tiere im Fluss gelandet sind.

Diese Herzlosigkeit empört Tausende in der ganzen Welt. Und ein ganz spezieller Ort ist ebenfalls auf die Teenagerin aufmerksam geworden: das berüchtigte Internet-Forum «4chan». Dieser anonyme Schwarm von Internet-Benutzern besitzt eine Macht, die er schon oft – sei es gegen Scientology oder Sarah Palin – unter Beweis gestellt hat.

«Tötet sie, vergewaltigt sie, werft sie in den Fluss»

Kaum wurde das Video veröffentlicht, hagelte es empörte Kommentare. Was die User von 4chan «mit rostigen Macheten» anstellen wollen, sei hier nicht näher erläutert. Fakt ist: Die User machten sich auf die Suche nach dem Mädchen. Und nicht nur nach ihr. Nach dem Kameramann, nach ihrer Mutter – ihr soll das Leben zur Hölle gemacht werden.

Das Problem an der ganzen Sache: Der Vorfall geschah in Osteuropa – und die meisten User von 4chan sind dortigen Sprachen nicht mächtig. So wurden innert Kürze mehrere Namen im Forum gehandelt, mehrere Profile von Facebook-Nutzern veröffentlicht, die – wahrscheinlich – nichts mit der Sache zu tun haben.

Wer ist die Täterin?

Zum Schluss blieben noch zwei Namen übrig: Antonia M.* (16), mit Myspace- und Facebook-Profil, ebenso wie Annabell A. * Ob eine von ihnen die Welpen in den Fluss geworfen hat, ist unklar. Dass beide bereits belästigt werden, dagegen schon. Und nicht nur sie, die Handynummer von Antonias Bruder wurde auch bereits gepostet, einige dürften darauf schon zum Hörer gegriffen haben.

4chan ist ein rechtsfreier Raum. Hier werden neben übelster Hardcore-Pornographie auch mal Bibelzitate gepostet, man diskutiert über Anime, über Autos, über Brüste – das Forum ist ein heilloses Durcheinander. Nicht zu kontrollieren, alles anonym. Wohin sich der Schwarm, darunter begabte Hacker, bewegt, ist nicht steuerbar. Haben sie einmal angebissen, wird es für die Betroffenen übel.

Nicht kontrollierbare Selbstjustiz

Beispiele gibts einige. Wer Zielscheibe von 4chan wird, kann einpacken. Streiche wie Google oder Youtube zu ärgern erscheinen noch harmlos, wenn etwa das Leben eines Mannes systematisch zerstört werden soll. Wie das eines Firmeninhabers, der nach Meinung von 4chan einen der Mitglieder betrogen haben soll. Systematisch wurden seine Freunde belästigt, sein Haus mit Hundekot beworfen, seine Server lahmgelegt. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich im Forum zu entschuldigen.

4chan ist aber auch oft Gründungsort herrlich infantiler Internet-Trends, sogenannter «Memes». So schlich sich im Forum die Tradition ein, jeweils am Samstag Katzenbilder zu posten. Als eine dicke Katze an so einem «Caturday» mit dem Satz «I can haz cheezburger?» versehen wurde, waren die «Lolcats» geboren. Die Lolcats erhielten ihre eigene Website, letzten September wurde diese für zwei Millionen Dollar verkauft.

Antonia M. und Annabella A. können über 4chan wohl nicht mehr lachen. Nach Meinung vieler Internet-User spielt das keine Rolle. Die Schuldige muss gesucht, gefunden und vernichtet werden – Kollateralschäden inklusive. (num)

* Namen der Redaktion bekannt

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