Arbeitete ABB-Länderchef illegal in Lybien? Warum Göldi in Gaddafis Gefängnis sitzt

  • Publiziert: 05.09.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Lorenz Honegger

Ein üblicher Trick unter Geschäftsleuten: Weil die offizielle Prozedur zu lang dauert, reisen sie mit Touristenvisum ein. So auch der ABB-Manager Max Göldi?

Seit 413 Tagen schon sitzt der Schweizer Max Göldi (54) in der Botschaft von Tripolis fest – ein Racheakt Libyens für die Verhaftung von Gaddafis Sohn Hannibal im letzten Jahr. Jetzt drängt sich die Frage auf: Lieferte Göldi dazu den Steilpass? Die libysche Justiz wirft dem Chef von ABB Libyen und seiner Mitgeisel Rachid Hamdani (68) Verstösse gegen die «Einwanderungs- und Auftenhaltsbestimmungen» vor.

In der Schweiz hielt man diese Anschuldigungen bislang für erfunden, einen Vorwand der Libyer. Am Samstag verdichteten sich Hinweise, dass Göldi zeitweise ohne gültige Arbeitsbewilligung in Libyen tätig war – und nur ein Touristenvisum besass.

Martin Fletcher (53) bestätigt diese Version. Der Journalist der Londoner Zeitung «Times» hat in den letzten zwei Wochen als Sonderkorrespondent in Tripolis recherchiert. Er fuhr zur Schweizer Botschaft, sprach für das Schweizer Fernsehen (SF) mit dem libyschen Aussenminister Musa Kusa und hochrangigen Regierungsvertretern.

«Meines Wissens ist Max Göldi mit einem Touristenvisum nach Libyen eingereist», sagt Fletcher zu SonntagsBlick. «Davor soll er in der Schweiz erfolglos versucht haben, eine Erneuerung des Geschäftsvisums zu bekommen.» Er beruft sich auf eine «sehr zuverlässige Quelle in Tripolis». Eine offizielle Bestätigung habe er nicht.

Die Einreise per Touristen-Visum sei für westliche Geschäftsleute Routine. «Die Visum-Erneuerung ist ein konstantes Problem für Leute, die häufig ein- und ausreisen», so Fletcher. «Anstatt das langwierige Prozedere abzuwarten, hat Göldi vermutlich die Abkürzung gewählt – wie viele andere vor ihm auch.»

Das Schweizer Aussendepartement (EDA) wollte Fletchers Informationen am Samstag weder bestätigen noch dementieren. Sprecher Georg Farago berief sich dabei auf den «Persönlichkeitsschutz», zudem sei das EDA nicht im Besitz der Anklageschrift. Auch bei der ABB hiess es gestern «No comment».

Die Visum-Frage ist ein heikles Thema für die ABB: Um die zwei Schweizer freizubekommen, reisten seit Sommer 2008 mehrere dip-lomatische Delegationen nach Libyen. Der Bundesratsjet Falcon 50 (8000 Franken pro Flugstunde) flog im August gleich zwei Mal nach Tripolis – die Kosten zahlt der Schweizer Steuerzahler.

Ein Schweizer Kenner der Visa-Praktiken hält Fletchers Angaben für plausibel: «Göldi hatte wohl Pech. Auch in anderen afrikanischen Ländern ist die Einreise per Touristenvisum leider gang und gäbe.»

So oder so müssen die beiden Schweizer vor Gericht erscheinen. Ihnen droht eine hohe Busse, von 430000 Franken pro Kopf ist die Rede. So rächt sich der Clan von Muammar al-Gaddafi für die Verhaftung seines Sohns im Juli 2008 (siehe Box).

Wie lange Göldi und Hamdani noch warten müssen, ist ungewiss: Laut «Tages-Anzeiger» war am Montag alles für ihre Heimkehr vorbereitet. Auf expliziten Wunsch der Libyer sollten sie in einem regulären Linienflieger reisen – als normale Geschäftsleute und nicht als Geiseln. Obwohl die Schweiz auch diese Bedingung akzeptierte und Bundespräsident Hans-Rudolf Merz (66) sich am 20. August für die «ungebührliche und ungerechtfertigte» Verhaftung Hannibals entschuldigte, wurde die Ausreise zwei Stunden vor Abflug sistiert.

Im schlimmsten Fall wird es jetzt noch Wochen dauern, bis Göldi und Hamdani freikommen: Im Vertrag zwischen der Schweiz und Libyen ist nur geregelt, dass innerhalb von 60 Tagen wieder konsularische Beziehungen zwischen Bern und Tripolis aufgenommen werden. So lange darf der Gaddafi-Clan die Schweiz in ihrem Saft schmoren lassen.

Wie es begann

Am 15. Juli 2008 stürmten 20 Genfer Polizisten das Hotel «President Wilson». Ihre Mission: die Verhaftung des libyschen Diktatorensohns Hannibal Gaddafi. Die Behörden warfen ihm und seiner Frau vor, Hausangestellte misshandelt zu haben. Nach zwei Tagen im Gefängnis kam Gaddafi junior gegen eine Kaution von einer halben Million Franken frei. Am Freitag druckte die «Tribune de Genève» seine Verhaftungsfotos.

Alle schiessen sich jetzt auf Merz ein

Nach seinem erfolglosen Sololauf hat Hans-Rudolf Merz (66) das Dossier in der Libyen-Affäre wieder an Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (64) zurückgegeben. Als erster Parteipräsident übt Christian Levrat (39) jetzt massive Kritik am Bundespräsidenten: Merz Präsidialjahr sei eine «ununterbrochene Reihe von Blamagen für die Schweiz», so der SP-Chef im SonntagsBlick-Interview (siehe Link rechts).

Merz müsse sich fragen, wie viel er dem Land noch bringe, und sich die Frage stellen, «ob er noch tragbar ist». Unverständnis kommt auch von Expertenseite. Merz hätte in Tripolis in Kauf nehmen müssen, mehrere Tage auf Gaddafi zu warten. Das sagt Arnold Hottinger, der frühere langjährige Nahost-Korrespondent der «Neuen Zürcher Zeitung». Gaddafi brauche eine Ouvertüre, um sich in Szene setzen zu können – und nicht seine Minister. «Gaddafi wollte einen Präsidenten. Merz kommt, redet mit untergeordneten Leuten, man sagt ihm, er könne auch mit Gaddafi reden – und Merz fliegt ab.

Muammar al-Gaddafi war empört», erläuterte Hottinger in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Mit der Geschichte um seinen Sohn Hannibal habe Gaddafi sein Gesicht verloren. Jetzt habe er das Bedürfnis, dieses wiederzugewinnen. Merz selber zeigt sich unbeeindruckt. Am Rande des Tages der Wirtschaft sagte er zu SonntagsBlick: «Aus der Bevölkerung erhalte ich mehrheitlich positive Reaktionen.»
play Machtlos: Max Göldi muss weiter in der Schweizer Botschaft ausharren. (Keystone)

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