Klara B.* (70) bleibt verschollen, ihre Tochter mag sich an nichts erinnern. Der Chefkoordinator der Bergretter zweifelt an dieser Version.
Kahl breitet sich das Naturschutzgebiet zwischen der Atlantikküste und dem Landesinneren von Gran Canaria aus. Kaum Vegetation, weitläufige Ebenen und steil abfallende Berghänge: «Dass wir hier über zehn Tage einen Menschen nicht finden, kann ich mir nicht vorstellen», sagt der Chefkoordinator Bergrettung der beliebten Ferieninsel. Er will nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen.
Und doch fehlt von der Schweizerin Klara B. (70) jede Spur. Die rüstige Rentnerin unternahm am 16. Juli mit ihrer Tochter Claudia B.* (44) eine Wanderung in das unwirtliche Gebiet.
Bei 40 Grad ziehen die beiden alleine los, bleiben stundenlang im Wandergebiet. Zurück kommt nur die Tochter.
Sie erzählt der Polizei, ihre Mutter habe sich den Fuss verletzt, sei nicht mehr weitergekommen.
Sie habe Klara zurücklassen müssen, um Hilfe zu holen. Nun erinnere sie sich wegen eines Hitzschlags nicht mehr, wo sie ihre Mama zurückgelassen habe.
Die Polizei löst sofort eine Grossfahndung aus. Ein riesiges Aufgebot an Polizisten, Rettungsspezialisten und Freiwilligen durchkämmt das Gebiet.
«Wir hatten sogar Spürhunde dabei», sagt der Chefkoordinator. «Keiner von ihnen fand auch nur den Ansatz einer Spur. Das ist ungewöhnlich.»
Überhaupt hat der 48-Jährige einige Zweifel an der Theorie von Claudia B.: «Sie sagte, dass hier Handys nicht funktionieren. Dabei gibt es in der Nähe eine Antenne, wir haben keine Funklöcher.»
Dreimal schon befragte die Polizei Claudia B. Dabei verwickelte sie sich in Widersprüche. «Einmal sagte sie, die Mutter habe sich den Fuss gebrochen. Dann soll sie einen Schwächeanfall gehabt haben», sagt der Bergretter.
Klara B. ist leidenschaftliche Velofahrerin, wandert gerne und oft. Das Personal des Hotels, wo sie wohnte, beschreibt sie als «fitte Dame», die «gut in Form» gewesen sei.
Dass gerade ihr das beliebte Wandergebiet zu anstrengend war, findet der Chef des Suchtrupps merkwürdig.
Und merkwürdig kommt ihm vor, dass Klara B. partout unauffindbar ist: «Hier gibt es weder Bäume noch Höhlen. Wo soll sie denn versteckt sein?»
Knallige Kleider trug Klara, als sie ihr Hotel verliess. «Gerade dann würde man sie doch von weitem sehen.»
Diese indirekten Vorwürfe sind happig. Tochter Claudia sucht ihre Mutter – und gerät nun selber in Verdacht. Was sagt sie dazu? Anrufe an sie und ihren Bruder Marcel B.*, der ebenfalls auf Gran Canaria weilt, blieben unbeantwortet.
Gemäss Recherchen von SonntagsBlick nahmen die Behörden den beiden nach der Einstellung der Suche die Reisepapiere ab – sie sitzen also auf der Insel fest. Wie lange, ist ungewiss.
Die Rettungsmannschaft hat ihre Zelte im Naturschutzgebiet abgebaut. «Wir waren über hundert Leute, die 13 Tage lang gesucht haben. Hätte es etwas zu finden gegeben – wir hätten es längst gefunden», sagt der Chef.
Was könnte Klara B. also zugestossen sein? War es doch kein simpler Wanderunfall? Der glücklose Bergretter will sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: «Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen.»
* Name der Redaktion bekannt
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