Erdbeben-Hölle: Schweizer Botschafter in Haiti tief besorgt «Von 60 Schweizern fehlt immer noch jedes Lebenszeichen»

In Haiti kippt die Stimmung von Trauer in Wut. Es ist ein riesiges Chaos und mittendrin: zwei verletzte Schweizer.

  • Aktualisiert am 09.01.2012
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In Port-au-Prince herrschen das Chaos und der Tod.

Der Schweizer Botschaft vor Ort gelang es trotzdem, über 100 der 180 gemeldeten Schweizer zu erreichen. «Von 60 Schweizern fehlt aber immer noch jedes Lebenszeichen», sagt Botschafter Urs Berner.

Hans-Peter Lenz von der Humanitären Hilfe der Deza meint: «Wir können nicht ausschliessen, dass auch Schweizer verschüttet wurden.»

Von mindestens zwei Verletzten weiss Urs Berner. Sein dringendstes Ziel ist nun, die Verletzten in die Schweiz auszufliegen. Andere Schweizer – laut Berner etwa ein Dutzend – hätten die Botschaft gebeten, ihnen zu helfen, in die Heimat zurückzukehren. Sie sollen nun auf dem Landweg in die Dominikanische Republik gebracht werden und von dort in die Schweiz fliegen.

In der Schweizer Botschaft kann fast normal gearbeitet werden. Das Gebäude habe das Beben gut überstanden – es gebe nur einige Risse in den Mauern. Erschwerend sei aber, dass nur sein E-Mail funktioniere, so Botschafter Berner.

Die Not ist noch immer gross. Menschen graben weiter mit blossen Händen nach Opfern. Bagger bringen die Toten zu Massengräbern – der Verwesungsgeruch sei überall, sagt ein CNN-Reporter. «Man kann ihn nicht nur riechen, sondern schmecken.» Der Einheimische Richard Morse schreibt auf Twitter: «Was tun, was tun, was tun mit all diesen verwesenden Körpern.»

Noch schlimmer: Plünderer ziehen durch die Strassen. Mit Macheten, Waffen. Schüsse fallen. Aus Protest bauen verzweifelte Menschen Barrikaden aus Leichen. Als ein Helikopter Nahrungsmittel abwirft, brechen Tumulte aus. Ein Lagerhaus der Uno mit 15 000 Tonnen Vorräten wurde geplündert. Aber wer will es den leidgeprüften Menschen verübeln?

Hans-Peter Lenz: «Die Helfer können sich nur noch tagsüber bewegen. Die Menschen werden immer verzweifelter.»

Menschenhändler jagen Kinder

Besonders hart trifft es die Kinder: Tausende verloren beim Beben ihre Eltern. Sie irren durch die Strassen – vorbei an Schutt und Leichen. Es droht ihnen laut Unicef eine neue Gefahr – Menschenhändler. Sie machen Jagd auf die Kinder, um sie als Sex- und Arbeitssklaven zu verkaufen. Um das zu verhindern, bereitet die Uno Schutzzonen vor. Dort sollen die Kinder sicher sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass fast alle Insassen des grössten Gefängnisses flüchten konnten. «Alle 4000 Gefangenen sind weg», sagte IKRK-Sprecher Marcal Izard in Genf.

Die traurige Bilanz bisher: Bis zu 100 000 Menschen sollen tot sein. 300 000 sind obdachlos, über 3 Millionen Menschen brauchen Hilfe.

Doch es gibt auch Wunder: Noch immer werden Menschen aus den Trümmern gerettet. Wie Redjeson. Der Zweijährige wurde von spanischen Rettungsspezialisten geborgen – seine Eltern konnten ihn nach bangen Stunden in die Arme schliessen.

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