US-Historiker Harold James (60) «Männer fürchten sich vor Clinton»

Princeton-Historiker Harold James (60) glaubt, dass Hillary die US-Wahl gewinnt und Frauenhass provoziert

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US-Historiker Harold James: «Männer fürchten sich vor Hillary Clinton» play
US-Historiker Harold James (60) Focus/Enno Kapitza

Professor James, Amerika wählt in einer Woche. Wer wird ­Präsident?
Harold James:
Ein Sieg von ­Donald Trump wäre eine echte Sensation. Es gab noch nie eine US-Wahl, deren Ausgang kurz vor Schluss so klar schien.

Sie rechnen mit einem Sieg von Hillary Clinton. Wird die Welt besser?
Bestimmt besser als mit Trump. Doch allein schon die Aussichten auf eine Trump-Regierung prägen Europa und Asien. Beide überlegen sich gut, wie sie ihre Abhängigkeiten von Amerika reduzieren können.

Hat ein US-Präsident heute noch die Macht, die Welt zu prägen?
Militärisch bleiben die USA unerreicht. Niemand ist mächtiger als Amerika. Aber die USA reagieren nicht mehr militärisch.

Präsident Obama hat oft gedroht, aber selten gehandelt.
Seine Aussage zur roten Linie in Syrien war ein Fiasko. Es hat die USA über Jahre diskreditiert.

Hillary Clinton sagt, unter ihr würden die USA mächtig, aber gut. Ist US-Aussenpolitik gut für die Welt?
Stellen Sie sich einmal eine Welt ohne USA vor! Oder eine USA mit Donald Trump! Angsteinflössend! Der Einfluss der USA in Europa und in Südostasien ist intakt, nicht aber im Nahen Osten. Weder in Iran noch Saudi-Arabien beeinflussen die USA die politische Entwicklung.

US-Historiker Harold James: «Männer fürchten sich vor Hillary Clinton» play
Donald Trump will als Präsident weder Europa helfen noch die Nato aurechterhalten: Aufnahme vom 31. Oktober in Romulus (Michigan, USA). Reuters/Carlo Allegri

Europäer glauben, aus der trans­atlantischen Freundschaft sei eine Feindschaft geworden. Wie gut sind die Beziehungen heute?
Unter George W. Bush waren die Beziehungen richtig schlecht. Insofern ist es heute besser. Aber zu Recht begreifen Europäer: Die USA sind weniger mächtig, sie brauchen andere Allianzen. Die USA sind nicht mehr so wild wie unter Bush, aber weniger interessiert an der Welt.

Deutsche Bank, VW, UBS, CS – europäische Konzerne sind im Visier Amerikas. Führen die USA einen Wirtschaftskrieg gegen Europa?
Der Wirtschaftskrieg wird auf beiden Seiten geführt. Das zeigen die europäischen Angriffe auf Google, Microsoft oder Apple. Es zählen vor allem nationale Interessen. Europa lobbyiert gegen US-Konzerne, die USA lobbyieren gegen europäische Firmen.

Aber die Macht ist doch in Amerika, solange 90 Prozent der Finanztransaktionen in Dollar abgewickelt werden?
Die USA gelten als sicherster Ort der Welt. Passiert etwas, fliesst Geld nach Amerika. Solange ­Europa nicht grosse und stabile Märkte hat, hinkt es hinterher.

Trump setzte auf Isolationismus. Weil das ankam, doppelte Hillary Clinton mit Protektionismus nach. Warum zieht sich Amerika zurück?
Nicht nur die USA wenden sich von der Welt ab. Es ist ein globales Phänomen und nicht allein Trump zuzuschreiben. Clinton stellte sich gegen das trans­atlantische Freihandelsabkommen TTPA – wegen nationalis­tischer, linker Positionen ihres demokratischen Konkurrenten Bernie Sanders.

Trump stellt die Zugehörigkeit der USA zur Nato in Frage und wird damit wohl 45 Prozent der Stimmen erhalten. Wollen die Amerikaner nicht mehr Weltpolizist sein?
Zumindest kommt die Botschaft sehr gut an – bei weit mehr als 45 Prozent der Amerikaner. Trump verliert die Wahl nicht wegen politischer Positionen, sondern wegen seiner Person. Wegen Sexismus und Exzessen. Dass Amerika nicht mehr Weltpolizist sein soll, stösst in den USA auf Zustimmung. Europäer und auch andere sollten sich stärker damit befassen.

US-Historiker Harold James: «Männer fürchten sich vor Hillary Clinton» play
Gewinnt Hillary Clinton, wird der Beginn ihrer Amtszeit stark umkämpft sein: Aufnahme von einer Wahlkampfveranstaltung am 31. Oktober in Kent (Ohio, USA). AP Photo/John Minchillo

Clinton ändert daran nichts?
Sie hätte wenig Rückhalt, wenn sie globaler Sheriff sein wollte. Sie wird Europa drängen, sich mehr zu engagieren, etwa im Nahen Osten – zusammen mit den USA.

Und Trump?
Er hat klar gesagt, er wolle Europa nicht mehr helfen, die Nato nicht aufrechterhalten. Trump glaubt, Amerika könne nur dann stark sein, wenn China und Europa schwach würden.

Amerika ist geteilter denn je. Warum war ein Kandidat wie Trump überhaupt möglich?
Es gibt dieses Gefühl, das politische und finanzielle Establishment in Washington und New York sei korrupt. Es interessiere sich nicht für den Rest des Landes. Anfänglich sah es so aus, als würde Jeb Bush der Kandidat der Republikaner. Aber ein weiterer Wettstreit Clinton gegen Bush war einfach nicht möglich.

Ist Trump denn ein Republikaner?
Überhaupt nicht. Bei gewissen Themen ist er ziemlich links. Er spricht die religiöse Seite der Partei gar nicht an. Trump ist allein ein Produkt seines Ruhms. Statt Trump könnte Kim Kardashian kandidieren.

Es geht nur noch um Persönlichkeiten, nicht mehr um Themen?
Diese Wahlen sind ein Aufstand gegen Experten. So gut vorbereitet wie Clinton war noch nie ein Präsidentschaftskandidat. Sie kennt das Weisse Haus, war Senatorin, Aussenministerin. Fantastisch, was sie kann. Genau deshalb ist sie unpopulär.

Wie bedeutend ist es für die USA, wenn erstmals eine Frau regiert?
Im internationalen Vergleich ist es überhaupt nicht signifikant. Viele Länder hatten Premier­ministerinnen oder Präsidentinnen. Interessant ist, dass eine so kompetente Frau wie Clinton in den USA so starke Gegenreaktionen auslöst.

Mit welchen Folgen?
Der Beginn ihrer Amtszeit wird stark umkämpft sein. Der erste schwarze US-Präsident brachte einen neuen Rassismus hervor. Die erste Frau dürfte militanten Anti-Feminismus produzieren.

Das geschah ja bereits. Warum ist der Wahlkampf mit der ersten Frau der sexistischste aller Zeiten?
Weil Clinton gleichzeitig sehr klug und gut ist. Männer fürchten sich vor ihren Fähigkeiten.

Angela Merkel in Deutschland, Theresa May in Grossbritannien, vermutlich Clinton in den USA. Warum schaffen es so viele Frauen gerade jetzt an die Spitze?
Unsere Zeit ist polarisiert zwischen dem Macho-Gehabe von Wladimir Putin und der Kompetenz von Angela Merkel. Leute wie Trump bewundern Putin und machen sich lustig über die pragmatische Flüchtlingspolitik von Merkel. Wenn eine Frau ­etwas kann, löst das Hass aus.

Harold James

Ein Kenner der Schweiz

Harold James (60) gehört zu den einflussreichsten Historikern unserer Zeit. Der Brite lehrt in den USA an der Princeton University und befasst sich mit europäischer und amerikanischer ­Geschichte sowie der Globalisierung. 1992 war er Mitglied der Bergier-Kommission zur Schweizer Flüchtlingspolitik im Krieg.

Publiziert am 01.11.2016 | Aktualisiert am 06.11.2016
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4 Kommentare
  • Denis  Bloch aus Heiligenschwendi
    01.11.2016
    Die USA gilt als sicherster Ort der Welt? Der Mann ist wohl wirklich Historiker, denn vom hier und jetzt hat er keine Ahnung. Und das war noch längst nicht die einzige Behauptung die nicht gestimmt hat.
  • John  Fulton aus Lyss
    01.11.2016
    Ja, ich fürchte mich vor betrogenen alten Damen, die den Iran angreifen will, die der Ukrainischen Putschregierung Waffen liefern will, die in Syrien eine Flugverbotszone einrichten will, die Libyen ins Mittelalter gebombt hat, deren Ehemann Jugoslawien zerbombt hat, und eine Stiftung führt, bei der ausländische Regierungen für den Wahlkampf einzahlten.
  • Hans  Flanke 01.11.2016
    Eine TV-Kommentatorin soll dem Team von Hillary Clinton vor deren TV-Auftritten Fragen zugesteckt haben, die ihr vor der Kamera gestellt werden würden. Dies geht aus neuen Enthüllungen von Wikileaks hervor. Wo ist der Blick-Bericht?
  • Lionel Werren,  der Klartexter 01.11.2016
    Da muss man kein Hellseher, Experte oder Historiker sein, um auf diese Prognose zu kommen. Aber das Klischee von wegen Männer haben Angst vor Clinton oder anderen mächtigen Frauen, ist doch längst überholt. Da gehts nicht um Mann oder Frau, Menschen mit Macht oder einem entsprechenden Auftreten, wirken grundsätzlich für die meisten Menschen respekteinflössend, egal ob Mann oder Frau.