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Botschafter Urs Ziswiler im Entree der Schweizer Botschaft in Washington. (Casey Lelbaugh / WPN)
Bei unserem Besuch in der Schweizer Botschaft in Washington, erreicht die Obamania gerade wieder einen neuen Höhepunkt: Nächste Woche wird Barack Hussein Obama als neuer US-Präsident vereidigt, und wie schon in den Tagen nach seiner Wahl, ist auch jetzt der bevorstehende Machtwechsel an jeder Strassenecke und in jedem Café in der US-Hauptstadt zu spüren: Altes zerfällt, Neues kommt, aus der Vergangenheit wird plötzlich Zukunft.
Kaum schliesst man jedoch an der 2900 Cathedral Avenue die Tür hinter sich, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. An dieser Adresse im noblen Quartier Woodley Park wohnt in Washington die offizielle Schweiz, und die Schweiz tut hier, was sie meistens und überall tut: gediegene Ruhe ausstrahlen. Bush hin, Obama her.
Die paar Dutzend Gäste, die heute hier zugegen sind – Polit-Experten, Journalisten – reden über Obama, über Amerika und darüber, was jetzt kommen könnte. Dazu wird Schweizer Käse gereicht – dekoriert mit Schweizer Fähnchen. Aber in diesem Haus, in den grossen, lichtdurchfluteten Räumen der Schweizer Botschafts-Residenz wird die ganze Aufregung über Obama einfach verschluckt. So wie das Gebäude von aussen wirkt, so wirkt es auch im Innern: wie ein Fels in der Brandung des Weltgeschehens.
Der Botschaftsbau, 2006 eröffnet, entworfen von Rüssli Architekten in Luzern in Zusammenarbeit mit Architekt Steven Holl aus New York, gebaut für 15 Millionen Franken, ist den schneebedeckten Schweizer Bergen nachempfunden. Stabil und doch offen, irgendwie mystisch und doch nüchtern wie eine Banktransaktion – der Bau ist ein Stück zeitlose Schweizer Moderne. Und die Botschaft ist auch eine Botschaft an die Welt: Schaut her, die Schweiz ist mehr als Heidi-Kitsch und Jodeln.
60 Mitarbeiter machen hier in einem Nebengebäude der wichtigsten und grössten Schweizer Auslandsvertretung ihren Job: Interessen vertreten und Netzwerke knüpfen. Und der Mann, der hier das Sagen hat, empfängt jedes Jahr an die 3000 Politiker, Wirtschaftsvertreter und Kunstschaffende aus der Schweiz und den USA als seine Gäste. Urs Ziswiler, 60, Schweizer Botschafter in Washington, ist im Machtzentrum der westlichen Welt ein gern gesehener Gastgeber. Kein Wunder hat die Küche der Botschaft die Dimension wie jene eines Hotels.
So unaufgeregt wie das Land, das Ziswiler vertritt, so unaufgeregt ist auch er. «Diskretion ist mein Geschäft», sagt der Botschafter lächelnd, als er seine Gäste endlich vom Schweizer Käse weglocken kann und auf die Terrasse führt. «Von hier aus sieht man das Washington Monument», sagt Urs Ziswiler, mit dem Finger in die Ferne zeigend. «Das ist ein seltenes Privileg in dieser Stadt.» Eine bessere Sicht auf den riesigen Obelisken, dem Wahrzeichen Washingtons, bietet höchstens noch die Terrasse im ersten Stock der Botschaft. Dort wohnt Ziswiler mit seiner Frau Ronit, seinen beiden Töchtern und seinem Hund. Die Räumlichkeiten im Erdgeschoss dienen repräsentativen Zwecken, die Privatwohnung ist für Besucher tabu.
Seit 2006 vertritt Urs Ziswiler die Interessen der Schweiz in den USA, davor war er Botschafter in Kanada und auf den Bahamas, er war in Tel Aviv, Buenos Aires und Zagreb, in Kinshasa, Oslo, Lagos und Brüssel, und dazwischen auch mal diplomatischer Berater von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey in Bern. Der Botschafter-Job in Washington ist die Krönung seiner Diplomaten-Karriere, aber nicht nur deshalb fühlt sich Ziswiler in den USA sehr wohl. «Ich liebe dieses Land, den Zukunftsglauben der Amerikaner», sagt er – und erhebt sein halb leeres Weissweinglas: «Hier in Amerika ist dieses Glas noch halb voll.»
Entsprechend kritisch reagiert Ziswiler, der fliessend Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch spricht und auch etwas Arabisch, auf den Anti-Amerikanismus, der in Europa, in der Schweiz grassierte. «Die USA sind zu vielfältig und farbig, als dass man diesem Land mit dumpfer Ablehnung begegnen könnte», sagt er. Seit der Wahl von Barack Obama hat die Anti-Amerika-Stimmung in seiner Heimat aber wie auf Knopfdruck in Euphorie umgeschlagen. «Die Amerikaner schaffen es immer wieder, sich neu zu erfinden. Das gehört zum amerikanischen Traum.»
Persönlich getroffen hat Ziswiler Barack Obama noch nicht. Vom abtretenden Präsidenten George W. Bush jedoch wurde er samt seiner Familie ins Weisse Haus eingeladen, als er seinen Job als Botschafter in Washington antrat. Für Ziswiler war dieser Familienbesuch beim mächtigsten Mann der Welt nicht nur ein berufliches Highlight. Selbst die Töchter, die wie die allermeisten Jugendlichen in Europa mit Bush eher auf Kriegsfuss stehen, haben es sich nicht nehmen lassen, ihren Vater zu begleiten.
Eine halbe Stunde lang hätten sie geplaudert, erzählt Ziswiler, «es war eine lockere Begegnung». Bush habe die Schönheit der Schweiz gepriesen; und gesagt, was für ein Privileg es doch sei, einen Schweizer Pass zu haben in diesen Zeiten, in denen die Welt immer mehr aus den Fugen gerate. Damit scheint die Botschaft der Schweizer Botschaft in Washington bei George W. Bush auch tatsächlich angekommen zu sein: Wir sind stabil wie ein Fels. Bush hin, Obama her. Schweiz bleibt Schweiz.