UBS-Chefökonom Daniel Kalt warnt vor Donald Trump «Jetzt drohen Handelskriege»

Für die Schweiz könnte die Politik des künftigen Präsidenten verheerende Folgen haben. In den USA demonstrieren Hunderttausende gegen Trump.

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Donald Trump (70) wird US-Präsident. Seine Partei, die Republikaner, behält die Mehrheit im Kongress. Somit kann Trump mindestens zwei Jahre lang umsetzen, was er im Wahlkampf versprach.

Macht er es wahr, könne das für die Schweizer Wirtschaft verheerend sein, sagt Daniel Kalt (46), Chefökonom der UBS Schweiz. Zölle auf ausländische Produkte, so Trump im Wahlkampf, sicherten einheimische Jobs. Wegen dieses Versprechens ist er im US-Rostgürtel gewählt worden. Für die Schweiz als Exportnation ein Problem: «Handelsschranken würgen die Wirtschaft ab», sagt Kalt.


Zuerst dürfte Trump China ins Visier nehmen. Als «Währungsmanipulator» geisselt er das Reich der Mitte. Dagegen werde er Schutzzölle verhängen.

Domino-Effekt

«Möglich wären Handels- und Währungskriege», meint Kalt. Ein weltweites «Wie du mir, so ich dir» wäre die Folge. «Das kann sehr schnell eskalieren», so der UBS-Ökonom, «was für die Schweiz enorm schädlich wäre.» Die wichtigsten Schweizer Konzerne erzielen 90 Prozent ihrer Gewinne im Ausland. Die Wirtschaft des Landes ist globalisiert. Sie lebt von der Nähe zu anderen Exportländern.

Erheben die USA etwa Zölle auf deutsche Autos, «würde das die gesamte Schweizer Industrie spüren», sagt Kalt – die Zulieferer für BMW, Porsche und Mercedes. Das Gleiche gilt für die Tessiner Textilindustrie, die für Italiens Modehäuser näht. Werden Zegna-Anzüge in New York 30 Prozent teurer, verlieren Näherinnen in Stabio TI ihren Job.

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Daniel Kalt, UBS-Chefökonom.

Kalt erinnert an die 20er- und 30er-Jahre, als viele Länder ihre Wirtschaft durch Zölle abschotteten. «Das hat die Depression massiv verstärkt.»


Nach Deutschland sind die USA wichtigster Abnehmer von Schweizer Uhren, Pillen, Schoggi und Maschinen. 2015 verkauften hiesige Hersteller Güter im Wert von 27 Milliarden Franken in die USA – 13,5 Prozent aller Exporte. Doch das Transatlantische Freihandelsabkommen zwischen EU und USA, auf das die Schweiz hoffte, ist vom Tisch.

Offen ist, ob Schweizer Konzerne von Investitionen in die US-Infrastruktur profitieren, wie Trump sie plant. Theoretisch ja, Schweizer Firmen sind in den USA stark. «Jedoch nicht, wenn ein protektionistisches Klima gilt», glaubt Kalt. US-Firmen hätten dann Vorrang.
Um bis zu 5000 Milliarden Dollar will Trump die Steuern kürzen. In der Hoffnung, dies kurble die Wirtschaft an. Allerdings, mahnen Ökonomen, greife dies erst in zehn Jahren.

Trotz düsterer Prognosen jubeln die Börsen, Aktien an der Wall Street erzielen neue Rekorde. Sogar Titel von Schweizer Banken steigen. Anleger rechnen mit höheren Zinsen. Und weniger Regulierungen.

Protestwellen

Derweil protestieren in den USA Hunderttausende gegen Trump. Schwarze, Latinos und Muslime fürchten sich vor Hasswellen. In Portland fielen Schüsse. Gleichzeitig feiern Rassisten wie der Klu-Klux-Klan «ihren Präsidenten».

Weltweit sorgen sich Diplomaten. Zieht sich Trump wirklich von der Nato zurück? Überlässt er Europa und Südkorea sich selbst? Kommt die Achse Putin–Trump? Kündigt er den Atomsperrvertrag mit Iran?

Oder war alles nur Wahlkampf-Getöse? «Trump ist Geschäftsmann», sagt Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann (50). «Er agiert opportunistisch und ist kein Ideologe.» Im Gegensatz zu George W. Bush (70), der die Welt umbauen wollte. Trump hingegen war von seiner Wahl genauso überrascht wie alle anderen.

Aber es lässt sich erklären, warum er gewann. Tausend Elefanten aus Holz, Plastik und Metall stehen auf dem Büchergestell von Patricia Poprik. Seit Jahren sammelt die republikanische Parteipräsidentin von Bucks County das Maskottchen ihrer Partei. Drei Tage vor der Wahl in Pennsylvania, einem entscheidenden US-Staat, war Poprik sicher: «Trump holt Pennsylvania, dann wird er Präsident.» Seit vierzig Jahren macht sie Politik. «Das ist meine siebte Wahl, so enthusiastisch waren wir noch nie.»Sie bekam recht. Trump gewann in Pennsylvania – und die Wahlen. Obwohl alles gegen ihn sprach. Ausser seinem Enthusiasmus eben. In allen Umfragen hatte er hinten gelegen und er hatte weniger Geld zur Verfügung als Gegnerin Hillary Clinton (69). In den TV-Duellen unterlag er. Die Nachrichtenlage war schwierig. Er trickste bei den Steuern. Tonaufnahmen entblössten ihn als frauenverachtenden Widerling.

Begeisterung siegt

Alles unwichtig. Weil stets derjenige US-Präsident wird, der eine echte Begeisterungswelle auslöst.

Ronald Reagan schlug so Jimmy Carter. Bill Clinton schlug George W. H. Bush. Barack Obama schlug John McCain.
Hillary begeisterte zu wenig. Als Obama 2008 antrat, gingen noch 69,5 Millionen Demokraten zur Urne. Dieses Jahr waren es bloss 59,8 Millionen. Demnach verlor Clinton Wähler; Trump hielt die republikanischen bei der Stange. Deshalb gewann er.

Absehbar war sein Sieg im März, nach den Vorwahlen in Michigan. Trump siegte bei den Republikanern klar, Clinton unterlag dem Demokraten Bernie Sanders (75). Clinton hatte Mühe im industriellen Mittleren Westen. Trump kam dort an. SonntagsBlick besuchte den Rostgürtel im Juli. In Ohio sagte Sam (41): Er wähle Trump und erstmals keinen Demokraten. «Ich bin ein weisser Mann und als solcher in der Minderheit, für mich interessiert sich keiner.» Ausser Trump. «Trump gibt mir das Gefühl, es erhöre endlich wieder jemand meine Probleme.»

Sam zeigte auf seinen Chevrolet, made in USA. «Die gesamte Elektronik aber stammt aus Asien.» Abhilfe schaffe, was Trump predigt: Importzölle auf chinesische Waren. Dass damit alles teurer wird, was Sam kauft, daran denkt er nicht.


Ebenso immun waren Trumps Anhängerinnen. Dass er sie zu Sexobjekten degradierte, störte nicht. «Würden Männer nicht so denken wie Trump, gäbe es keine Babys mehr», sagte Donna Thompson (47), Hausfrau in Pennsylvania, und half gratis bei der Mobilisierung von Wählern. Die Demokraten mussten Helfer bezahlen. Begeisterung aber ist nicht käuflich.

Publiziert am 13.11.2016 | Aktualisiert am 17.11.2016
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31 Kommentare
  • Toni  Riess aus Buch
    14.11.2016
    Man sollte halt wieder mehr im Inland investieren anstatt alles ins Ausland zu verhökern / verscherbeln.
  • Wilhelm  Tell aus Laufen
    14.11.2016
    Alle Länder haben zu Recht Angst, ihre Pfründe und Pösteli zu verlieren, nur weil der Gewählte zuerst für sein Land und seine Einwohner schaut, wie angekündigt. Vielmehr müssten sich die EU-Politiker fragen, was sie für Europa machen können und nicht was sie durch Trump verlieren!
  • Klaus  Müller 14.11.2016
    Den Wirtschaftskrieg gibt es schon lange: gläserne Banken, FIFA-Skandal, IWF-Fast-Rauswurf und Verfolgung von US Bürgern in CH über Steuerforderungen. Natürlich hat das nichts mit Obama zu tun und wird nun erst unter Trump schlimm. TTIP ist vermutlich auch eine böse Erfindung von Trump. Wann endlich dürfen wieder Journalisten die Fakten auf den Tisch legen und müssen nicht nur Propaganda machen?
  • Arthur  Nix 13.11.2016
    Also bitte, was ist denn das für eine Angstmacherei.
    Wer die Hintergründe der Freihandelsabkommen begriffen hat, wird sie lieber Knebelverträge nennen.
    Der Freihandel ist nur eine KulissenBehauptung.
    Um was es wirklich geht, sind die uneingeschränkten Schadensersatzforderungen von Globalen Unternehmen gegenüber einzelnen Staaten der Weltgemeinschaft.
    Keine Rekursmöglichkeiten, keine Abwehrmechanismen vorhanden.
    Die Staaten sind schutzlos sogenannten dreiköpfigen Schiedsgerichten ausgeliefert.

  • Urs  Hagen 13.11.2016
    Wenn man vor 10 Jahren gesagt hat man sollte sich gegen Osten orientieren wurde man belächelt, nun flattern den Hellsehern und Ökonomen die Hosen. Alle selber schuld wenn man mit dem maroden unberechenbaren Amis Geschäfte macht. Genau so wie vor 30 Jahren die Araber, unberechenbar.