«Shy-Trump-Effekt» Deswegen lagen die Prognose-Gurus falsch

Nate Silver war weltweit bekannt für seine genauen Wahlprognosen. Bis letzte Nacht.

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Lag komplett daneben: Umfragespezialist Nate Silver. AP

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Für Wahl-Guru Nate Silver (38) stand es schon lange fest: Hillary Clinton wird US-Präsidentin. Und sein Wort hatte Gewicht. Denn bei den letzten zwei US-Wahlen lag der Statistiker in nur einem Bundesstaat falsch. Das «Time»-Magazin kürte ihn sogar zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. 

Trump unvorhersehbar

Nun sieht es so aus, als würde Donald Trump zu seinem Stolperstein. Schon bei den Vorwahlen gab Silver zu, den Republikaner unterschätzt zu haben. Trotzdem räumte er Hillary Clinton eine Siegeschance von über 80 Prozent ein. Eine kolossale Fehleinschätzung.

Nun muss Silver über die Bücher und seine Algorithmen anpassen. Dasselbe gilt praktisch für die ganze Branche der Umfragespezialisten. Beinahe alle gingen gestern Abend von einem Sieg von Hillary Clinton aus.

Die grossen Meinungsforschungsinstitute wie Survey Monkey, Ipsos oder ABC/«Washington Post» hatten noch Stunden vor der Abstimmung Hillary Clinton mit drei bis sechs Prozentpunkten vorne gesehen.

Zwei Institute lagen richtig

Es gab allerdings auch Prognosen, die richtig lagen. Das Tracking von IBDT/IPP, das täglich die aktuelle Meinung seiner Stichproben-Gruppe abfragte, sah ebenso Donald Trump vorn wie die University of Southern California in Zusammenarbeit mit der «Los Angeles Times».

Beide lagen den ganzen Wahlkampf lang quer zum Mainstream. Sie wurden allerdings von den Medien nicht ernst genommen.

Die Gründe, warum die Umfragen falsch lagen, sind vielfältig. Viel wird von einem «Shy-Trump-Effekt» geredet: Die Wähler hätten den Meinungsforschern schlicht nicht die Wahrheit gesagt und seien nicht zu ihrer Einstellung gestanden. Ein ähnlicher Effekt war in Grossbritannien zu beobachten, wo die Umfragen beim Brexit-Votum auch falsch lagen.

Auch beim Referendum zum Friedensschluss in Kolumbien, bei den Wahlen in Argentinien und Brasilien lagen die Meinungsforscher falsch. Der Republikaner Mike Murphy beschrieb die Situation in drastischen Worten: «Ich habe 30 Jahre lang an die Macht von Daten geglaubt, jetzt sind sie tot. Ich hätte nicht falscher liegen können.»

«Die Kristallkugel hat ganz klar einen Sprung», sagt auch der Politologe Larry Sabato von der Universität von Virginia der Nachrichtenagentur AFP. Auch er hatte auf seiner Statistik-Website «Larry Sabato's Crystal Ball» einen Sieg Clintons vorhergesagt. «Es ist offensichtlich, dass etwas geschehen ist», sagt Sabato zu den Fehleinschätzungen der Institute, die in diesem Wahljahr hunderte Umfragen vornahmen.

Viele stille Trump-Unterstützer

Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben. «Die Beteiligung der Weissen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen», sagt Sabato.

Dagegen ging die Beteiligung unter den Schwarzen und den jungen Wählern zurück. Zwar hätten die Wahlforscher damit gerechnet, dass sich in diesem Jahr im Vergleich zur Wiederwahl von Barack Obama 2012 weniger Schwarze und junge Bürger an die Urnen locken lassen. Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weissen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Weisse Arbeiterklasse unterschätzt

Laut einem weiteren Wahlbeobachter, der ungenannt bleiben wollte, unterschätzte selbst das Clinton-Wahlkampfteam die Stimmen der weissen Arbeiterklasse: «Sie lagen komplett falsch - und haben ein Vermögen ausgegeben.» Die Institute hätten die Anti-Clinton-Stimmung nicht unterschätzt, meint Sabato. Die Stimmung habe sich in den Umfrageergebnissen widergespiegelt.

Der Stratege Paul Begala von den Demokraten räumt allerdings im Sender CNN ein, dass die Stärke der Ressentiments unterschätzt worden sei. «Ich hatte keine Ahnung, wie tief die Spaltung ist», sagt er. Er sei «ratlos», weil «buchstäblich hunderte Umfragen falsch lagen», sagt Sabato.

Es werde mindestens eine Expertenkommission geben, «die etwas vorschlägt, das funktioniert». Umfragen ganz bleiben zu lassen, hält Sabato jedoch für keine Alternative: «Die Analyse, die auf Anekdoten basiert, ist nicht wissenschaftlich», sagt er. «Man darf sich nicht auf Instinkte verlassen, man muss sich auf die Daten stützen.»

Bürger haben keine Lust auf Umfragen

Sabato räumt aber ein, dass Telefonumfragen immer problematischer werden - zum einen, weil wenig Bürger Lust haben, daran teilzunehmen, zum anderen aufgrund der weniger werdenden Festnetzanschlüsse. Daher werde es in Zukunft verstärkt Online-Umfragen geben. Bedenken, Internet-Umfragen könnten leicht verfälscht werden, wischt der Politologe beiseite: «Sie sind nicht unzuverlässig - nicht, wenn man sie gut macht.» (fss/SDA)

Publiziert am 09.11.2016 | Aktualisiert am 13.11.2016
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14 Kommentare
  • Renato  Polli 10.11.2016
    Ich verstehe die Leute nicht, jeder kann eine Statistik abgeben und mit 50/50 liegt er genau richtig.
    Warum nur, glaubt die Mehrheit der Menschen solchen selbsternannten "Gurus" immer wieder?
    Ein bisschen mehr Selbstvertrauen zu sich selber und die eigene Meinung ist Gold wert.

    Hört endlich mit diesen Superexperten auf und nehmt sie nicht so wichtig.

    Es kommt meistens anders!!!!!!
  • Jens  Goldmann 10.11.2016
    Prognosen sind aehnlich wie Statistiken und die Wetterfrösche aus dem Muotatal. Die stellen verschiedene Versionen dar und nach dem Geschehen ( Hier die Wahlen ) Sagen sie, genauso hab ich es vorausgesagt. Churchill sagte mal " Ich glaube nur solchen Statistiken die ich selbst gefälscht habe" Also auch Prognosen gehären in den Kindergarten.
  • Walter  Staub , via Facebook 10.11.2016
    Ganz einfach. Was die Leute sagen und was sie denken, sie zwei total verschiedene Stiefel. Das besonders zu Zeiten, wo von den Medien gerne suggeriert wird, was schicklich sein soll und was nicht.
  • michel  koeb 10.11.2016
    Wie kann man so naïv sein ? Der Staat hat in allen Umfragen die Finger drin....deswegen lagen sie in den USA falsch....Je nach Fragenstellung der Institute, kommt genau das heraus was sie wollen ! Die Demokraten haben alles getürkt um Hilary zum Sieg zu verhelfen.....Jetzt wissen diese Institute wo der Hammer hängt !
  • Hans Rudolf   Käser aus Klingnau
    10.11.2016
    Wann lernt Ihr es endlich? Prognosen zu Wahlen, Wirtschaft, EU, Banking etc. sind zum grössten teil nicht zuverlässig, weil die Akteure Ihr eigenes Business, rsp. das Verhalten der Marktwirtschaft nicht verstehen und entsprechend fehlerhafte Entscheide fällen. Wie soll ein Prognostiker dann gute Voraussagen abliefern können?