Philosophie-Professor Georg Kohler über den Glaubenskrieg in den USA «Den Feind bekämpft man bis zuletzt»

Warum sich der 45. US-Präsident nicht mässigen kann, weshalb Republikaner und Demokraten nach dem Hass-Wahlkampf Feinde bleiben: Antworten vom Fachmann.

Trump wird seine Wähler enttäuschen: Georg Kohler (71), Professor für politische Philosophie an der Universität ­Zürich. play

Trump wird seine Wähler enttäuschen: Georg Kohler (71), Professor für politische Philosophie an der Universität ­Zürich.

Fabienne Buehler

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SonntagsBLICK: Herr Kohler, vor allem weisse, heterosexuelle, christliche Männer haben am Dienstag Donald Trump zum Präsidenten gemacht. Warum sind die so begeistert von ihm?
Georg Kohler:
Diese Gruppe der tatsächlich vom ökonomischen und sozialen Abstieg bedrohten Menschen – nicht nur Männer der weissen Mittelschicht – sieht eben, dass ihre jahrhundertealte Vormachtstellung schwindet. Sie kann nicht auf andere herunterschauen, wird nicht mehr automatisch bevorzugt, sie muss jetzt um ihre Stellung kämpfen. Das macht diese Gruppe auch anfällig für Radikalisierungen, wie Trump zeigt.

Wie meinen Sie das?
Viele sagten sich: Ich bin ein armes Würstchen, stehe auf der Verliererseite, werde in die Ecke gedrängt. Aber Trump macht mein Land wieder gross – «make America great again». Und er sagt, wer verantwortlich ist dafür, dass es nicht mehr gross ist: der Feind im Innern und im Ausland.

Was ist daran falsch? Machen das nicht alle Politiker?
Nein. Trump schafft diese Feindbilder. Er sagt ja, Mexikaner seien kriminell und Vergewaltiger, er will Muslime nicht mehr einreisen lassen. Diese Rhetorik erinnert an die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Aber es zeigt sich: Viele Bürger im Westen haben eben genug von einer übertriebenen Political Correctness.

Sie auch?
Wir haben es übertrieben, ja. Natürlich darf man Minderheiten nicht diffamieren. Aber es ist heikel, erwachsenen Menschen den Mund zu verbieten. Populisten wissen, wie sie Menschen mit einer raueren Sprache abholen können.

Sind das nicht bloss Slogans?
Bei Trump steckt mehr dahinter. Er verbreitet illusionäre Hoffnungen, die er nicht erfüllen kann. Wir leben heute in einer vernetzten Gesellschaft. Niemand mehr kann einfach machen, was er will, ohne Blick auf das Ganze. Die USA sind wie die Schweiz eine multikulturelle Gesellschaft, jeder muss auf den anderen Rücksicht nehmen. Und die Zeiten, als die USA auf jedem Gebiet die Grössten waren, sind passé.

Das Land ist die einzige verbliebene Supermacht.
Das stimmt. Trotzdem kann es nicht mehr schalten und walten, wie es will. Schauen Sie auf den Nahen Osten, den Krieg im Irak. Wahrscheinlich war die grösste Leistung von Obama einzusehen, dass die militärische Macht der USA beschränkt ist, dass er keine weiteren Kriege in dieser Region angezettelt hat. Im Gegenteil, er hat sich zurückgezogen.

Sie sind kein Fan von Trump. Aber dürfen wir mit dem Finger über den Atlantik zeigen? Viktor Orban regiert in Ungarn, bald könnten Norbert Hofer in Österreich und Marine Le Pen in Frankreich die Macht haben.
Sie haben recht. Das Vorgehen dieser Rechtspopulisten gleicht dem von Trump. Auch sie machen die Fremden in ihren Ländern verantwortlich für die Probleme ihrer Staaten. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: In Europa haben wir als Ausgleich einen ausgebauten Sozialstaat. Er verhindert, dass viele Menschen in die totale Armut abgleiten, wie das leider in den USA millionenfach der Fall ist. Dieses Netz verhindert soziale Unruhen. Und in den USA sind in Zukunft Unruhen in Ausmassen denkbar, wie wir sie uns jetzt noch nicht recht vorstellen können.

Sie warnen vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen?
Natürlich ist «Bürgerkrieg» überspitzt formuliert. Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Sprache des Herrn Trump nicht ohne Konsequenzen ist. Wer Frau Clinton ins Gefängnis bringen will, kann nicht einfach wieder mit ihren Anhängern demokratisch zusammenarbeiten. Das Beschwören von Feindbildern – was ist das anderes als die Rhetorik des Krieges? Mit einem Gegner kann man Lösungen suchen, einen Feind bekämpft man bis zuletzt.

Trump hat nach dem Sieg die Hand ausgestreckt – und ­Hillary Clinton Respekt gezollt.
Ja, nachdem er sie monatelang dämonisiert hatte. Viele sind nun schnell dabei zu sagen: So ist halt der Wahlkampf, jetzt politisieren wir wieder zusammen. Aber so einfach ist es nicht.

Wahlkämpfe schlagen Wunden.
Dieser Wahlkampf hatte eine neue Dimension. Ein Austausch von Argumenten – davon lebt jede Demokratie – fand nicht statt. Trump kann nun nicht einfach den Fuss vom Gas nehmen. Das machen seine Anhänger nicht mit.

Eine Debatte hat nicht stattgefunden, sagen Sie. Kann es gelingen, sie wieder zu beleben?
Wenn nicht, geht die Demokratie zugrunde. Sie lebt von der Diskussion und dem besseren Argument. Wenn jedes Grüppchen ihre eigene Echo-Kammer schafft, ist es aus damit. Was wir in Amerika gesehen haben, sind keine politischen Überzeugungen mehr, sondern Konfessionen und ihre Gläubigen: Trumpianer und Clintonisten. Die Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn Religionen aufeinanderprallen.

Trump hat mit seiner Anti-Establishment-Rhetorik Menschen mobilisiert, die sich zum Teil von der Politik abgewendet hatten. Wie die Brexit-Befürworter in Grossbritannien – und die SVP in der Schweiz.
Da gibt es sicher Parallelen. Populismus funktioniert überall. Hier aber hat das Schweizer Initiativrecht als Ventil funktioniert. Unsere demokratischen Institutionen sind stabiler. Die Amerikaner und Briten kennen das nicht in dieser Form. Und so brach sich die Stimmung beim Ja zum Brexit und der Wahl von Trump Bahn.

Publiziert am 13.11.2016 | Aktualisiert am 18.11.2016
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31 Kommentare
  • marc  klauser aus schmitten
    13.11.2016
    Welchen Feind meint er eigentlich? Es ist alles Halbe Halbe.
  • marc  klauser aus schmitten
    13.11.2016
    Direkte Demokratie hin oder her, die Politiker/Innen sind sich bewusst , dass die Wirtschaft das Sagen hat und sicher nicht diese Wichtigtuer von Politiker/Innen. Merkt ja jeder , dass die gar keinen Einfluss haben was abgeht. Kommt höchstens ein doofes Machtwort vom BR der alles nur verschlimmert, weil hier kein Mensch mehr sagen darf was ihm nicht passt.
  • Klaus  Müller 13.11.2016
    Kohler erzählt nur wieder die Legende von den alten weissen Männer wie alle Linken. Dabei haben Frauen, Schwarze und Latinos Trump zum Sieg verholfen, weil viele von ihnen eben nicht Clinton wählten. Genauso wird das Versagen der alten Elite bis hin zu Obama verschwiegen. Auch er hat neue Kriege angezettelt in Libyen, Syrien und der Ukraine. Das Volk verdient etwas Neues, ob das Trump bringt, wird sich zeigen.
    • Hugo  Stiglitz aus Frankreich
      13.11.2016
      Hr. Obama hat den Krieg angezettelt in der Ukraine. Soso..
      Scheint Mode zu sein, nicht die Taeter, sondern andere Beteiligte zu verurteilen.
      Obama war viel weniger kriegslustig als Busch und Co. Haben sich ja auch aus vielen Krisengebieten zurueckgezogen. Nur wenn dann die Europaer wie so oft um Hilfe bitten, dann sind die Amis jeweils wieder willkommen.
      Weil halt der Ami handelt und nicht nur schwatzt..
    • Paul  Meier 13.11.2016
      @Stiglitz: Noch nie etwas gehört von der US-EU-NATO-Osterweiterung?
      In den letzten zweihundert Jahren ist immer der Westen nach Osten gezogen: Im 19. Jahrhundert Napolen, im 20. Jahrhundert Hitler und im 21. Jahrundert nun die EU. In Kiew wurde eine Russland-freundliche Regierung gestürzt (nach bekanntem CIA-Muster), strategische Zielrichtung war der russische Flottenstpützpunkt auf der Krim. Und das hat Russland verständlicherweise verhindert.
  • Landre  Marb , via Facebook 13.11.2016
    "Mit einem Gegner kann man Lösungen suchen, einen Feind bekämpft man bis zuletzt."
    ...Dies gilt aber für alle Parteien. Und auch deswegen, weil Trump untragbar ist, wird er nicht lange Präsident bleiben. Pence wird die Aufgabe schon sehr früh übernehmen. Natürlich mit dem Alibi "Das waren Donalds Versprechungen, nicht direkt meine".
    • Hugo  Stiglitz aus Frankreich
      13.11.2016
      Genau. Und deshalb wurde ja sofort nach der Wahl die Internetseite mit all den Wahlversprechen geloescht..
  • Heinz  Waterkamp , via Facebook 13.11.2016
    Die Geschichte lehrt uns, dass aus dem Nationalismus immer Krieg entstanden ist. Die rechtspopulistischen Führer, ob in der Schweiz, Deutschland, Türkei , Frankreich, Österreich wollen ausser die Macht auch das.