«Nie mehr so geliebt wie heute»

  • Publiziert: 21.01.2009, Aktualisiert: 02.01.2012

ZÜRICH – Die Amtseinsetzung von US-Präsident Barack Hussein Obama beschäftigt und begeistert die Medien auf der ganzen Welt. Einige bringen aber auch kritische Töne.

«Man kann es nicht genug betonen: Es ist eine radikale Abkehr von der Vergangenheit, dass wir einen schwarzen Mann als Präsidenten eingesetzt haben. Ebenso radikal muss aber auch die Abkehr von der Gegenwart sein: Wir müssen unsere Probleme vollkommen neu angehen. Es ist spät, die Aufgaben könnten nicht schwerer, das Risiko nicht grosser sein», heisst es in der Online-Ausgabe der «New York Times». «Nzz.ch» erinnert daran, wie schlimm der amerikanische Rassismus noch vor wenigen Jahrzehnten war: «So viele Amerikanerinnen und Amerikaner wie noch nie, gegen zwei Millionen, wohnten der Amtseinführung des neuen Präsidenten bei. Sie setzten damit ein Zeichen, dass ihr Land trotz Krise und Kriegen noch immer zu Aufbruchstimmung fähig ist. Niemand verkörpert die Erneuerungsfähigkeit besser als Präsident Obama, der in seiner Ansprache daran erinnerte, dass ein Schwarzer vor einem halben Jahrhundert in manchen Restaurants nicht einmal bedient worden wäre.» «Tagesanzeiger.ch» schaut dagegen voraus und warnt Obama: «Er tritt sein Amt mit einem Vertrauensvorschuss an, wie ihn wenige seiner Vorgänger erhielten. Ein Vertrauensvorschuss dieser Dimension bringt einen gewaltigen Erwartungsdruck mit sich: Obama wird mit grösster Wahrscheinlichkeit nie mehr so geliebt werden wie am heutigen Tag. Nie mehr werden ihn Menschen so hoffnungsvoll bejubeln wie in diesen Stunden in Washington oder während seiner Europareise in Berlin vor einigen Monaten.» Deutsche Medien verwenden eine sehr blumige Sprache für den historischen Amtsantritt. «Wer nicht in Washington vor dem Kapitol stand, sass vor dem Fernseher. Dienstag, der 20.Januar, war Amerikas 9.November, der Mauerfall, ‹The Moment›. Die Sekunde, in der Barack Obama am Kapitol die Hand zum Amtseid hob, gilt in den USA als Zeigersprung für die Geschichte, ein Augenblick, an dem 36,1 Millionen schwarze Bürger endgültig zu Amerikanern wurden – nicht mehr und nicht weniger», schreibt «Morgenpost.de» (Berlin). Ähnlich sieht es «Sueddeutsche.de» (München): Obama wählte das Lincoln-Denkmal für eine seiner Reden gestern, «weil es Schauplatz der legendären Rede Martin Luther Kings vor 46 Jahren war. Der Rede, in der King seinen Traum von einem einigen Amerika beschwor, das den Rassismus überwunden hat. Und nun wird das so lange als unmöglich Erachtete tatsächlich wahr: Ein Schwarzer wird Herr im Weissen Haus, Oberkommandierender der Streitkräfte, Präsident Amerikas.» «spiegel.de» (Hamburg) mischt etwas Vorsicht in die Begeisterung: «Die Vereinigten Staaten vibrieren wieder. Der neue Präsident hat seine Landsleute wachgeküsst. Auch im Ausland bewundert man Barack Obama. Aber folgt man ihm auch?» Denn: «Die Furcht vor dem Kommenden wird sich als langlebig erweisen. Im Land des Optimismus hat sich Pessimismus eingeschlichen. Ihn zu vertreiben – nicht rhetorisch, sondern tatsächlich – ist Obamas Auftrag.» Natürlich haben auch Medien im Nahen Osten den Tag gestern genau verfolgt. Das für ein muslimisches Publikum schreibende Online-Portal «aljazeera.net» kritisiert Obama. Zwar: Der neue Präsident habe erklärt, die USA seien «bereit, wieder die Führungsrolle zu übernehmen und gegenseitigen Respekt für die Muslim-Welt versprochen». Aber seine Rede sei «mager zum Nahen Osten» gewesen, weil sie die Palästinenser nicht erwähnt habe. Die Kollegen aus Israel sehen das so: «Obamas Schonzeit wird nicht lange dauern. Er wäre gut beraten, sich persönlich schnell für einen stabilen Frieden einzusetzen, der Israel mit Syrien und den Palästinenser versöhnt», schreibt die «haaretz.com in Jerusalem. Und erinnert gleichzeitig daran, dass der abgetretene Präsident George W. Bush ein grosser Freund Israels war. Sogar im Fernen Osten sind die Erwartungen an den neuen US-Präsidenten enorm: «Man erwartet von Obama, dass er eine Führungsrolle spielt in einer sich wandelnden Welt, in der rassistische und religiöse Konflikte toben», formuliert es «Asahi Shimbun» in Tokio.(snx)

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